Pressebericht - in: junge Welt, 26.05.2004 - Kein Einstieg nach Europa [PDF] [HTML]
Pressebericht - in: derfunke.de, Mai 2004 - Sozialistische Politik statt kapitalistischer Sachzwänge [PDF] [HTML]
Pressebericht - in: junge Welt, 18.05.2004 - Auf- und abgehängt [PDF] [HTML]
Pressebericht - in: Jungle World, 12.05.2004 - Bündnis für den Sozialstaat [PDF] [HTML]
Pressebericht - in: Neues Deutschland, 04.05.2004 - Grünes Signal für PDS-Wahlkampf [PDF] [HTML]
Pressebericht - in: junge Welt Wochenendbeilage, 08.05.2004 - Tobias Pflüger - Hegemonialordnung [PDF] [HTML]
Pressebericht - in: Klarmanns Welt / Aachener Nachrichten, 01.05.2004 - Frieden: Europa "ganz offensichtlich keine Friedensmacht" [PDF] [HTML]
Pressebericht - in: junge Welt, 27.04.2004 - Wahlalternative oder Partei? [PDF] [HTML]
Pressebericht - in: Neues Deutschland, 09.02.04 - DGB ruft zu Aktion auf [PDF] [HTML]
Pressebericht - in: Badische Zeitung, 06.05.2004 - Gegen Sozialabbau und Aufrüstung [PDF] [HTML]
Pressebericht
- in: Schwäbisches Tagblatt, 04..05.2004 - Sechs Gesichter für Europa
[PDF]
[HTML]
Pressebericht - in: Märkische Allgemeine, 13.04.2004 - Tausende gegen "Bombodrom" [PDF] [HTML]
Pressebericht - in: junge Welt, 13.04.2004 - Ostermarsch gegen EU-Verfassung: Irak nur ein Nebenkriegsschauplatz? - jW sprach mit Willi Hoffmeister (DKP), Mitorganisator des Ostermarsches Ruhr und Abgeordneter des Linken Bündnisses in der Bezirksvertretung Innenstadt-Nord in Dortmund [PDF] [HTML]
Pressebericht - in: Märkische Allgemeine, 13.04.2004 - Deutschlands größter Ostermarsch - zur 88. Protestwanderung gegendas Bombodrom kamen viele Politiker und noch mehr Volk [PDF] [HTML]
Pressebericht - in: WDR, 10.04.2004 - Düsseldorfer marschieren für Frieden - Demonstration für mehr soziale Gerechtigkeit - Von Rainer Striewski - Auch in Düsseldorf wurde am Samstag (10.04.04) für den Frieden demonstriert [PFD] [HTML]
Pressebericht - in: Märkische Allgemeine, 10.04.2004 - 3000 Blumen für die freie Heide - Pflanzaktion bei Fretzdorf - morgen Ostermarsch mit Matthias Platzeck [PDF] [HTML]
Pressebericht - in: junge Welt, 07.04.2004 - Ostermarsch 2004 in Berlin: Keine Demonstration in der Stadt? - jW fragte Laura von Wimmersperg, Sprecherin der Friedenskoordination Berlin - Interview: Arnold Schölzel [PDF] [HTML]
Pressebericht - in: Neues Deutschland, 06.04.04 - Beim Ostermarsch wird diesmal nicht marschiert - Stattdessen gibt es eine »festliche Kundgebung« - Von Andreas Heinz - Die Friedenskoordination ist sich der Problematik bewusst, doch die Verantwortlichen entschieden sich dafür, den traditionellen Ostermarsch diesmal ausfallen zu lassen: »Bevor wir in dem riesigen Demonstrationspaket verschwinden, verzichten wir lieber auf den Marsch.« Stattdessen werde es am Ostermontag zwischen 14 und 18 Uhr eine »festliche Kundgebung« auf dem Alexanderplatz zwischen Neptunbrunnen und Marienkirche geben, teilte Sprecherin Laura von Wimmersperg bei der Vorstellung des Programms gestern mit. [PDF] [HTML]
Pressebericht - in: Märkische Allgemeine, 05.04.2004 - Auch Landessynode gegen Bombodrom - Platzeck kommt zum Ostermarsch - FRETZDORF/LINOW - In diesem Jahr will er wieder dabei sein: Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck hat sich zum Ostermarsch gegen das Bombodrom angemeldet. [PDF] [HTML]
Pressebericht - in: epd, 05.04.2004 - Platzeck bei Protestwanderung gegen Bombodrom am Ostersonntag - Wittstock (epd). An der zwölften Oster-Protestwanderung der Bürgerinitiative "Freie Heide" gegen das Bombodrom am kommenden Sonntag will auch Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) teilnehmen. [PDF] [HTML]
Pressebericht - in: Schwäbisches Tagblatt, 05.04.2004 - Hoffen auf eine Volksbewegung - Viele Tübinger unter den 140000 Kundgebungsteilnehmern in Stuttgart - Eine gewaltige Menschenmenge, bei der von Jugendlichen bis Rentnern alle Altersgruppen nahezu gleichmäßig vertreten waren, setzte sich um 11 Uhr von den Sammelpunkten aus zu einem Sternmarsch in Bewegung. [PDF] [HTML]
Pressebericht - in: Leipziger Volkszeitung, 01.04.2004 - Statt Debatte zur Bundeswehr gab es einen Vortrag - Ein Forum zur neuen Rolle und Stellung der Bundeswehr sollte vorgestern Abend in Geithain stattfinden. Zu einem Streitgespräch kam es allerdings nicht. Hochkarätiger Gast der vom PDS-Ortsverband Geithain organisierten Veranstaltung war der Tübinger Politikwissenschaftler Tobias Pflüger. [PDF] [HTML]
Pressebericht - in: Neues Deutschland, 31.03.2004 - Struck will mobile Bundeswehr - Rüstungspläne mit BDI abgestimmt/Union klagt über »gezielte Täuschung« [PDF] [HTML]
Pressebericht in: taz, 22.03.04 - "Mutter aller Bomben" vorm Dom - Ein Künstler erinnert vor dem Kölner Dom an den Beginn des Irak-Kriegs vor einem Jahr - Nur rund 100 Friedensaktivisten kommen zu der Kundgebung mit Reden und Musik - KÖLN taz Als am 20. März 2003 die ersten Bomben auf den Irak fielen, protestierten in Köln tausende Menschen gegen den Krieg der USA und deren Alliierten. [PDF] [HTML]
Pressebericht - in: Bezirksbühne, Zeitung der PDS Charlottenburg-Wilmersburg - Schröder und Fischer nicht besser als Bush und Blair - Fragen an Tobias Pflüger zum Irak-Krieg ein Jahr danach. Und zu den zwei Seiten der sozialen Medaille. [PDF] [HTML]
Pressebericht - in: "Neues von der Konkurrenz" von der CDU, Februar 2004 - Die CDU schreibt in ihrem internen Blättchen "Neues von der Konkurrenz", Februar 2004, Hrsg.: CDU-Bundesgeschäftsstelle, Stabsstelle Strategische Planung / Wahlkämpfe - PDS-Europaparteitag [PDF] [HTML]
Pressebericht - in: junge Welt, 01.03.2004 - Interview PDS nach Europaparteitag: Gegenwind für »Reformer«? jW fragte Angelica Williams und Michael Aggelidis vom Geraer Dialog/Sozialistischer Dialog in und bei der PDS. [PDF] [HTML]
Pressebericht - München, 07.02.04, Auftaktkundgebung - Tobias Pflüger von der Informationsstelle Militarisierung, zitiert aus der in Rom verabschiedeten EU-Militärstrategie. [DOWNLOAD VIDEO]
Pressebericht - MUNICH, GERMANY Thousands protest NATO conference By John Catalinotto Some 10,000 people surrounded by 3,500 police demonstrated on Feb. 7 against the NATO Security Conference in Munich, Germany [PDF] [HTML]
Pressebericht - in: junge Welt, 14.02.2004 - »Der Mensch ist die Mitte« Die PDS hat im Berliner Liebknecht-Haus ihr Europawahlquartier eröffnet. [PDF] [HTML]
Pressebericht - in: unsere zeit, 13.02.2004 - Provokationen gingen ins Leere - Massive Proteste gegen 40. Sicherheitskonferenz in München. [PDF] [HTML]
Pressebericht - in: Neues Deutschland, 12.02.2004 - Polizeieinsatz »Deeskalation durch Stärke« Kriegsgegner beklagen massive Übergriffe bei Münchner Sicherheitskonferenz. Von Nikolaus Brauns. [PDF] [HTML]
Pressebericht - in: Neues Deutschland, 09.02.2004 Absage an Kriegspolitik - 10000 protestierten in München gegen »Sicherheitskonferenz« [PDF] [HTML]
Pressebericht - in: unsere zeit, 06.02.2004 - Biskys Wunschliste wurde korrigiert - PDS-Parteitag zur EU-Wahl: Kandidatengerangel statt inhaltlicher Debatte. [PDF] [HTML]
Pressebericht - in: junge Welt, 06.02.2004 - Ausgezeichnete Krieger - Kanzler Schröder ehrt KSK-Soldaten für Afghanistan-Einsatz. NATO-Minister beraten über Irak-Besetzung. [PDF] [HTML]
Pressebericht - in: Freitag, 06.02.2004 - von Sead Husic - Bei Gefahr des Untergangs - EUROPA-PARTEITAG DER PDS - Noch fehlt die rechte Stimmung, um erfolgreich zu sein. [PDF] [HTML]
Pressebericht - in: junge Welt, 04.02.2004 - Interview: Wolfgang Pomrehn - Wahlen zum Europaparlament: Kooperation mit PDS unmöglich? jW sprach mit Heinz Stehr. [PDF] [HTML]
Pressebericht - in: Schwäbisches Tagblatt, 03.02.2004 - Signal für Anti-Kriegsbewegung: Friedensaktivist Tobias Pflüger hat auf dem PDS-Ticket beste Aussichten bei der Europawahl. [PDF] [HTML]
Pressebericht - in: www.solid-web.de - Geschrieben von Redaktion - Nach einem müden Auftakt am Samstag ging es beim Europa-Wochenende der PDS am Sonntag hoch her. [PDF] [HTML]
Pressebericht - 02.02.2004 - DIE PDS STELLT IN BERLIN DIE KANDIDATEN FÜR DIE EUROPAWAHL AUF UND BESINNT SICH AUF IHRE ROLLE ALS PROTESTPARTEI - Mit Sahra Wagenknecht und Gabi Zimmer für eine "geile" Politik. [PDF] [HTML]
Pressebericht - in: Neues Deutschland, 02.02.2004 - Wahlkampfstart mit Revolutionsfanfaren - Die PDS will mit der Europawahl einen neuen Aufbruch schaffen, schleppt aber die alten Probleme mit sich herum. [PDF] [HTML]
Pressebericht - in: junge Welt, 02.02.2004 - Markus Bernhardt - Gabi Zimmer durchgewunken - Keine Überraschungen beim Europaparteitag der PDS in Berlin - Es begann mit einem Paukenschlag. [PDF] [HTML]
Pressebericht - in: AFP, 01.02.2004, 18:20 Uhr - PDS mit Zimmer und Wagenknecht im Europawahlkampf. [PDF] [HTML]
Pressebericht - in: junge Welt vom 31.01.2004 - PDS entscheidet über EU-Kandidaten - Tobias Pflüger und Sahra Wagenknecht wollen kandidieren - Vorstand soll Listenvorschlag korrigieren. [PDF] [HTML]
Pressebericht - in: Neues Deutschland, 31.01.2004 - PDS-Parteitag - Konkurrenz um vordere Listenplätze - Kampfkandidaturen bei Wahl der Europa-Kandidaten. [PDF] [HTML]
Pressebericht - in: junge Welt, 03.02.2004 - Bisky nicht zufrieden - PDS-Chef hält Europawahlliste für nicht ideal - Pflüger auf Platz 4 und Wagenknecht auf Platz 5 gewählt. [PDF] [HTML]
Pressebericht - in: Ozgur Politika PDS, AP adaylarini belirledi MHA/BERLIN Almanya Demokratik Sosyalizm Partisi (PDS), Berlin'de devam eden kurultayinda 13 Haziran'da yapilac... [PDF] [HTML]
Pressebericht - in: Thüringer Allgemeine, 02.02.2004 - Gehöriger Schock - Die PDS-Erzrivalinnen Gabriele Zimmer und Sahra Wagenknecht können nur gemeinsam ins Europa-Parlament kommen - oder gar nicht. [PDF] [HTML]
Pressebericht - in: Deutschland Radio Berlin, 01.02.2004 - Kommentar: Mit Sarah Wagenknecht ins Europäische Parlament - von Günter Hellmich - Wer bei der Europawahl die PDS wählt, wählt Sarah Wagenknecht. [PDF] [HTML]
Pressebericht - in: Financial Times Deutschland, 02.02.2004 - Zimmer und Wagenknecht ziehen für die PDS in den Europawahlkampf. [PDF] [HTML]
Pressebericht - in: Presseerklärung der PDS Sachsen-Anhalt, 02.02.2004. [PDF] [HTML]
Pressebericht - in: Berliner Morgenpost, 02.02.2004 - PDS zieht mit Wagenknecht in Europawahl - Wortführerin der kommunistischen Plattform auf Platz fünf - Berliner Kandidaten gescheitert. [PDF] [HTML]
Pressebericht - in: Märkische Allgemeine, 30.01.2004 - PDS-WAHLKAMPFCHEF BRIE IM INTERVIEW - André Brie: "Wir müssen uns weiter öffnen." [PDF] [HTML]
Pressebericht - in: Schweriner Volkszeitung, 04.02.2004 + in: Norddeutsche Neueste Nachrichten, 04.02.2004 - Brie: Rot-Rot ist mehr als ein numerisches Projekt. [PDF] [HTML]
Pressebericht - in: unsere Zeit, 23.01.2004 - Europakurs mit Glaubwürdigkeitsmanko - Ist Modrow "zu alt" oder zu wenig "reformfreudig" für EU-Kandidatenliste der PDS? [PDF] [HTML]
Pressebericht - in: Berliner Zeitung, 02.02.2004 - PDS will als Protestpartei ins EU-Parlament - Gabi Zimmer und Sahra Wagenknecht auf aussichtsreichen Listenplätzen. [PDF] [HTML]
Pressebericht - in: Die Welt, 01.02.2004 - PDS-Europaparteitag: Sieg für Gabi Zimmer über Wagenknecht. [PDF] [HTML]
Pressebericht - in: Berliner Zeitung, 02.02.2004 - Berliner PDS-Kandidaten scheitern auf Europaliste - Benjamin Hoff und Evrim Baba dürfen nicht nach Brüssel. [PDF] [HTML]
Pressebericht - Niema Movassat, 28.01.2004 - Die PDS am Vorabend der Entscheidung - Am Wochenende wählen die Delegierten der VertreterInnenversammlung die Liste der PDS für das europäische Parlament. [PDF] [HTML]
Pressebericht - in: junge Welt, 13.01.2004 - Will PDS nicht nach Brüssel? Vorstand gab seine Wunschkandidaten zur Europawahl bekannt - Parteitagsdelegierte entscheiden. [PDF] [HTML]
Pressebericht - in: AP, Sonntag 01.02.2004, 18:26 Uhr - Zimmer und Wagenknecht ziehen für die PDS in den Europawahlkampf Berlin. [PDF] [HTML]
Pressebericht - in: Badische Zeitung, Montag, 02.02.2004 - Die Hoffnung kommt aus Tübingen - PDS bestimmt Kandidaten für Europawahl - Noch immer bekämpfen sich die beiden Parteiflügel. [PDF] [HTML]
Pressebericht - in: Schwäbisches Tagblatt, 02.02.2004 - Tobias Pflüger kandidiert für die PDS - Tobias Pflüger von der Tübinger Informationsstelle Militarisierung. [PDF] [HTML]
Presseerklärung - Geld ist offensichtlich genug da - aber eben nur für teure militärische Beschaffungsprogramme - Heute hat der deutsche Militärminister Peter Struck das neue Ausrüstungskonzept vorgelegt. Besonders zwei Aussagen von Peter Struck bei der Vorstellung sind sehr interessant: - "Deutschland hält an der Beschaffung von 180 Eurofightern fest" - "Wir bleiben bei der Beschaffung von 60 (Militär-Airbus-) Flugzeugen." [PDF] [HTML]
Presseerklärung - 19.3.2004 - IMI-Standpunkt 2004/014 - zugleich Presseerklärung - Erklärung zum 20. März, dem ersten Jahrestag des Angriffs auf den Irak - von Tobias Pflüger * - Am 20. März ist der erste Jahrestag des Beginn des Irakkrieges. Wir erinnern uns: Trotz gigantischer weltweiter Proteste begannen am 20.03.2003 Truppen der USA und Großbritanniens einen Angriffskrieg gegen den Irak. [PDF] [HTML]
Presseerklärung - 08.02.2004 - Proteste gegen Münchner Sicherheitskonferenz erfolgreich - 10.000 demonstrieren gegen Pläne für NATO-Truppen in Afghanistan und Irak. [PDF] [HTML]
Presseerklärung
- 07.02.2004 - Proteste erfolgreich - Kritik an Plänen für NATO-Truppen
in Afghanistan und Irak - bayrischer Polizeiwillkürstaat aufgeblitzt -
Pflüger aus unklarem Grund rüde verhaftet. [PDF]
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Kein
Einstieg nach Europa (Birgit Gärtner)
Hamburg: PDS-Europawahlkampfauftakt mit dem roten Bus wurde mangels Öffentlichkeit
zum Flop
Die Hamburger PDS läutete am vergangenen Sonntag den Europa-Wahlkampf ein.
Unter dem Motto »Der Einstieg ist Links mit dem roten Bus nach
Europa« lud sie zu einer großen Auftaktveranstaltung mit dem roten
Wahlkampfbus vor dem Eingang des alten Elbtunnels an den St.-Pauli-Landungsbrücken
ein. Doch die Elbgenossen blieben weitestgehend unter sich. Und nicht einmal
das: Selbst ein Großteil der Mitglieder des Landesverbandes blieb der
Wahlkampfveranstaltung fern. »Für die Europawahl interessiert sich
kein Mensch«, äußerte Landessprecherin Christiane Schneider
achselzuckend gegenüber jW.
»Stell dir vor, es ist Europawahl und keiner geht hin«, mit diesem Slogan ließe sich die Resonanz sowohl der Öffentlichkeit als auch der eigenen Mitglieder beschreiben.
Yavuz Fersoglu, ebenfalls PDS-Landessprecher und Ersatzkandidat für Platz acht der Europaliste seiner Partei, erläuterte die Vorstellung der PDS von einem »friedlichen, sozialen, solidarischen und weltoffenen Europa der globalen Gerechtigkeit und der kulturellen Vielfalt« anhand der Programmatik der neu gegründeten Linkspartei: »Deren Statut enthält ein starkes Bekenntnis zum Frieden und lehnt militärische Lösungen von Konflikten strikt ab. Der Gedanke des Antifaschismus fand nicht nur Niederschlag im symbolischen Datum der Gründungskonferenz, sondern auch in ihrem Statut.«
Hauptredner war der Tübinger Politologe Tobias Pflüger, der als Parteiloser auf Platz vier der PDS-Liste kandidiert. Er kritisierte heftig die EU-Verfassung, deren undemokratisches Zustandekommen, vor allem aber die darin enthaltene Verpflichtung zur Aufrüstung der Mitgliedsstaaten. Aber noch sei es nicht zu spät, Widerstand dagegen zu leisten, denn die geplante Verfassung sollte erst 2009 in Kraft treten. »Wir haben also noch fünf Jahre Zeit. Die Europawahl ist der Auftakt für Protestaktionen gegen die Militarisierung der EU«, versuchte er Aufbruchstimmung zu verbreiten allerdings vor fast leeren Rängen.
In seiner Rede waren auch leise Töne der Besorgnis über den bisherigen Wahlkampf der PDS zu hören. »Es wird verdammt knapp«, sagte er im Hinblick auf den beabsichtigten Einzug der PDS in das Europäische Parlament. »Ich würde mir wünschen, daß die PDS etwas offensiver in die Auseinandersetzung insbesondere mit der SPD-Grünen-Bundesregierung gehen würde, vor allem bei der Frage Krieg und Frieden.«
Eine unabhängigeWahlinitiative unterstützt die Kandidatur Pflügers. Ein Wahlaufruf unter dem Motto »Da kommt Bewegung ins EU-Parlament« soll Anfang Juni in der Frankfurter Rundschau veröffentlicht werden, für den noch Unterzeichner gesucht werden.
* Infos: www.wahlinitiative-tobias-pflueger.de
Sozialistische
Politik statt kapitalistischer Sachzwänge
http://www.derfunke.de/rubrik/sozialdemokratie/interview-pds-2004-05.html
Wie stehen Marxisten zur Europawahl, zu einer möglichen neuen Linkspartei und zur Krise der PDS? Wir befragten Christoph Mürdter, Mitglied im Sprecherrat der PDS-Jugend Hessen und Redakteur unserer Zeitschrift "Der Funke".
Bundesweit formiert sich eine neue Wahlalternative, die auch mit Kritik an der PDS-Praxis nicht spart. Weshalb machst du immer noch für die PDS Wahlkampf?
Die PDS ist für mich immer noch die Partei, in der ich sozialistische Alternativen diskutieren kann. Ich möchte antikapitalistische Positionen in der Partei verankern und diese auch glaubwürdig in die außerparlamentarische Arbeit hineintragen. Ich halte nichts davon, jetzt aus der PDS auszutreten, denn dann überlässt man dem "sozialdemokratischen" Flügel das Feld. Wir müssen weiterhin innerhalb der PDS für radikale Gesellschaftskritik kämpfen, auch wenn einem die derzeitige Entwicklung der Partei nicht passt. Aber auch konkret habe ich einen Bezugspunkt, weshalb ich PDS-Wahlkampf mache. Viele reden von einer Wahlalternative und der Notwendigkeit, Sprecher sozialer Bewegungen in die Parlamente zu wählen. Am 13. Juni bietet sich bei der Europawahl die Wahlalternative ganz konkret: wenn die PDS die 5 Prozent schafft, sind Tobias Pflüger und Sahra Wagenknecht im Europaparlament und linke Gewerkschafter, Friedensaktivisten und andere hätten hier endlich zwei Ansprechpartner. Bei aller berechtigten Kritik an der Regierungspraxis der PDS dürfen sich alle, die von "Wahlalternative" reden, nicht um diese konkrete Frage herummogeln.
Wäre es jenseits der Europawahl angesichts der Schwäche der PDS insbesondere im Westen und der Schwierigkeiten nicht besser, sich gleich in der neuen Wahlalternative aufzulösen?
Was ich bisher von der Wahlalternative und ASG gehört habe, ist vor allem der gemeinsame Nenner: Nein zu Schröders Politik. Programmatisch sehe ich da gegenüber der PDS bisher keinen Fortschritt. Ein verzweifelter Sozialdemokrat ist noch kein Revolutionär. So wie manche Wortführer der Wahlalternative/ASG heute reden, haben diejenigen, die heute für die PDS in Landesregierungen sitzen, vor 5 oder 10 Jahren auch geredet. Die Bewegung kommt keinen Millimeter weiter, wenn sich neben der SPD und PDS nun noch neue Partei formiert, die im Endeffekt nur eine "dritte Sozialdemokratie" wäre. Mit einer haben wir schon genug Ärger. Anders als manche Initiatoren der Wahlalternative bin ich der Überzeugung: wir brauchen eine linkssozialistische Partei mit klarer antikapitalistischer Programmatik. Immerhin haben sich mit Tobias Pflüger und Sahra Wagebnknecht zwei linke Kandidaten auf der Europaliste gegen den Willen der Parteiführung durchgesetzt. Dies zeigt doch, dass nach wie vor linke Ansätze in der PDS mehrheitsfähig sein können. Es besteht die Gefahr, dass bei der nächsten Bundestagswahl PDS und Wahlalternative gegeneinander konkurrieren und beide an der 5-Prozent-Hürde scheitern. Daher wäre wie schon 1990 eine bundesweite gemeinsame linke Liste unter Einschluss der PDS sinnvoll.
In Berlin haben es die PDS-Wahlkämpfer besonders schwer. Hier formiert sich eine Abwahlinitiative gegen den SPD-PDS-Senat. Wie stehst du als PDS-Aktivist dazu?
Wer eine wirklich starke Massenbewegung hinter sich hat und eine qualitativ bessere Regierung stellen kann, der kann natürlich - wie Lenin und die Bolschewiki im Oktober 1917 in Russland - zum Sturm auf das Winterpalais bzw. "Rote Rathaus" blasen. Ich bezweifle aber, ob die Initiatoren die "Volksmassen" hinter sich haben und ob etwa die Berliner Polizeigewerkschaft über ihre Wut gegen Kürzungen hinaus sich hier und heute einer revolutionären Massenbewegung anschließen würde. Wem soll damit gedient sein, wenn sich auch noch CDU, FDP und Grüne für eine Abwahl des Senats engagieren und dies sogar erreichen würden?
Was wäre dann deine Alternative?
Wer Köpfe
absetzen will, muss ihnen die politische Basis entziehen. In Berlin würden
wenige tausend Linke, kritische Jugendliche und Gewerkschafter ausreichen, um
etwa in die PDS (r)einzutreten, in organisierter Form eine andere Programmatik
durchzusetzen und der unsozialen Senatspolitik den Boden zu entziehen. Dies
könnte dann durchaus auch auf die Basis von SPD und Gewerkschaften ausstrahlen.
Die Politik der PDS muss sich klar von einer neoliberalen abgrenzen. Sozialistische
Kommunalpolitik muss sich mit den Nöten und Bedürfnissen der arbeitenden
Bevölkerung, der Jugend, der Erwerbslosen und der Armen auseinandersetzen.
Das Handeln muss darauf ausgerichtet sein, deren Probleme zu lösen. Die
PDS wurde nicht gewählt, um vermeintliche Sachzwänge zu akzeptieren.
Warum steckt Berlin wie andere Städte in der Verschuldungsfalle? Was steckt
hinter der ganzen Staatsverschuldung und wer profitiert davon? Eine Aufgabe
der PDS in Berlin müsste eine Aufklärungskampagne sein, in der dargestellt
wird, warum die Städte finanziell ausbluten.
Aber sind dem nicht Grenzen gesetzt? Die PDS hat in Berlin eine schwere Hypothek übernommen. Hohe Erwerbslosigkeit, niedrige Steuereinnahmen, hohes Subventionsaufkommen in Ost und West sowie Korruption und Filz.
Berlin hat einen Schuldenberg von 50 Milliarden Euro aufgehäuft. Die Stadt befindet sich in der klassischen Schuldenfalle. Davon profitieren die Banken, die sich die Zinsen einverleiben. Hinzu kommt ein weiteres Problem: Die Bundespolitik führt seit Jahren zu einer relativen Verarmung der Städte und Kommunen. Durch die Steuerrform verliert Berlin im Landeshaushalt rund 500 Millionen Euro jährlich. Würde die Vermögenssteuer wieder eingeführt werden, dann hätte die Stadt rund 400 Millionen mehr zur Verfügung. Nun will die Berliner PDS sparen, um jährlich 2,5 Milliarden Euro weniger auszugeben. Ziel ist es, 35 Milliarden Euro Schulden loszuwerden. Das ist der Ausgangspunkt für die politische Strategie der Berliner PDS. Aber hier ist man schon Gefangener der kapitalistischen Sachzwänge, aus denen man sich nicht mehr befreien kann, wenn man keine klare Strategie besitzt. In den PDS-Broschüren steht viel über Umverteilung, über eine gerechte Steuerpolitik und über Armut und Reichtum in Deutschland. Es gibt genug Geld, es ist nur falsch verteilt. Das müsste auch in der Berliner PDS-Spitze angekommen sein. Nur sagt Stefan Liebich (Landes- und Fraktionsvorsitzender der PDS in Berlin) "Stimmt! Leider hilft beides mit Blick auf den Landeshaushalt wenig. Beide `Stellschrauben, wie es finanzdeutsch heißt - Einnahmen und Umsteuern - entziehen sich weit gehend dem Zugriff der Landespolitik, sie werden vor allem auf Bundesebene gedreht" (DISPUT, 10/03, S. 3). Die Konsequenz daraus ist die Verwaltung des Mangels und nicht das Beheben des Problems, das in der Logik des Wirtschaftssystems besteht. Aber wenn man nur mathematische Zahlen eines Haushaltes vor sich hat, gerät man sehr schnell in die Fänge der betriebswirtschaftlichen Rentabilität. Wie kann ich den Schuldenberg abbauen und neue Gelder für die Stadtkasse beziehen? Dann wird z.B. beim Sozialticket gespart, der Berliner Stromversorger Bewag an den schwedischen Konzern Vattenfall verscherbelt und die Berliner Wasserwerke teilprivatisiert. Im März 2003 kündigte der SPD/PDS-Senat während noch laufender Tarifverhandlungen die Mitgliedschaft im Verband öffentlicher Arbeitgeber und präsentierte sich als Vorreiter für eine bundesweite tarifpolitische Destabilisierung. Die Liste ließe sich fortsetzen. Die PDS wird in der öffentlichen Wahrnehmung als Mitverantwortliche des Sozialabbaus angesehen, weil sie nicht vehement gegen die Sparpolitik protestiert.
Aber was wäre in Berlin konkret zu machen?
Eine sozialistische Partei, wenn sie Regierungsverantwortung übernimmt, muss sich den von oben verordneten "Sachzwängen" widersetzen. PDS-Senatoren und alle kommunalen Mandatsträger müssen sich weigern, die Sparpolitik umzusetzen. Die PDS muss sich in Berlin und anderswo weigern, auch nur eine "Sparmaßnahme" umzusetzen. Denn für die leeren Kassen ist die Umverteilungspolitik der "rot-grünen" Bundesregierung verantwortlich. Solange SPD/GRÜNE weiterhin die Unternehmen durch eine fatale Steuerpolitik entlasten, fehlen Gelder für die Stadt. Dies unmissverständlich in der Bevölkerung deutlich zu machen, ist Aufgabe der PDS. Nach dem Motto: Der Bund hat uns Mittel entzogen, die wollen wir wieder. Und für dieses Geld sanieren wir die Schulen, führen das Sozialticket wieder ein, schaffen kostenlose Kita-Plätze usw. Diese Vorgehensweise bedarf aber einer außerparlamentarischen Mobilisierung, d.h. vor allem bei den Gewerkschaften vor Ort und andere in gesellschaftlichen Gruppen wie Erwerbslosen und der Jugend. Die Partei muss die Bevölkerung zum Widerstand aufrufen und diesen auch organisieren. Ein Ausscheren aus dem neoliberalen Einheitsbrei und ein möglicher Rauswurf bzw. Austritt aus der Regierung würde der PDS viele Sympathien bringen. Um aber diesen Kurswechsel in der PDS zu erreichen, braucht man Leute, die sich dafür einsetzen.
Das klingt ziemlich abstrakt. Hat ein solches Vorgehen überhaupt schon einmal funktioniert?
Ich nenne ein Beispiel
aus England: Als es im Liverpooler Stadtverband der Labour Party Anfang der
1980er eine solide marxistische Mehrheit gab und die Partei die absolute Mehrheit
im Rathaus gewann, stellte sich die Frage: Was für eine Kommunalpolitik
betreiben wir heute. Sie weigerten sich, die von oben verordnete "Sachzwänge"
umzusetzen und der Arbeiterklasse weiter in die Tasche zu greifen und unsoziale
Kürzungen vor Ort durchzuführen. In letzter Konsequenz bedeutete diese
Strategie das Eingehen von hohem persönlichen Risiko (Bestrafung, Konfiszierung
von Immobilieneigentum/Reihenhäuschen, Funktionsverbot für öffentliche
Ämter u.a.). Es gibt auch in Deutschland eine Institution wie den Rechnungsprüfer
beim Regierungspräsidium, der den Kommunen auf die Finger schaut und in
die kommunale Selbstverwaltung eingreifen kann, wenn der Haushalt nicht im Rahmen
der Gesetze aufgestellt wird. Dennoch waren die örtlichen Labour-Aktivisten
in der Lage, die Gewerkschaften vor Ort und andere gesellschaftliche Gruppen
(Jugend - viele arbeitslose Jugendliche - bis hin zur Kirche) zu mobilisieren.
Mit einfachen Parolen und nachvollziehbaren Zahlen konnte man großen Einfluss
in der Bevölkerung aufbauen.
Der Druck der Bevölkerung war so groß, dass man Zugeständnisse
von der "Eisernen Lady" Margaret Thatcher herausholen konnte. Dies
schlug sich konkret nieder in Jobs, Wohnungen, KiTas, dem Verzicht auf Gebührenerhöhungen
etc. Reformen sind letztendlich Nebenprodukt eines Kampfes mit revolutionären
Mitteln. Die Genossen in Liverpool waren sich aber auch der Grenzen dieses Kampfes
bewusst. Es gib keinen "Sozialismus in einer Stadt". Eine Verallgemeinerung
scheiterte an der Sabotage der Labour-Führer (Kinnock und die Gewerkschaftsbürokratie),
die sich öffentlich distanzierten und PO-Verfahren gegen führende
Genossen einleiteten. Aber eines hat dieser Kampf in Liverpool gezeigt: Es geht
auch anders. Es gibt keine Ausrede ("Man kann eh nichts tun ...")
und daher haben sie es getan. Dies hat das Selbstbewusstsein der arbeitenden
Bevölkerung gesteigert. Dieser im Endeffekt nach zwei Jahren verlorene
Kampf gegen Thatcher war aber ein gewonnener Kampf um Ansehen und Vertrauen.
Die arbeitende Bevölkerung hat Erfahrungen gesammelt und konkrete Solidarität
geübt. Labour hat in den 1980er Jahren mit dieser Politik in Liverpool
überdurchschnittlich gute Wahlergebnisse erzielt - hochgerechnet auf das
ganze Land hätte dieser Trend ausgereicht, um Thatcher schon 1987 abzuwählen.
Auf- und abgehängt
Wagenknecht-Plakat vorm Liebknecht-Haus
Frage an Radio Jerewan: Dürfen PDS-Wahlplakate vor dem PDS-Vorstandshaus aufgehängt werden? Im Prinzip ja, es sei denn, auf ihnen ist Sahra Wagenknecht zu sehen. Am Donnerstag hängten PDS-Basisaktivisten in Berlin solche Plakate auf, geworben wurde für eine Veranstaltung mit Wagenknecht am kommenden Sonntag (11 Uhr, Gartenlokal "Laube" im Volkspark Prenzlauer Berg). Drei Poster wurden vor der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz und der PDS-Zentrale angebracht. Wagenknecht vor den Fenstern sehen, zum Hörer greifen und die Prenzlauer Berg-PDSler wegen nicht verabredeten "Personenwahlkampfs" zur Rede stellen, war für einige im Vorstandshaus Bedienstete bedingter Reflex. Dann ging's zur Tat: Ein PDS-Öffentlichkeitsarbeiter kletterte auf die Leiter und knipste die drei Wagenknecht-Plakate vom Hängedraht. Berlin-Mitte ist schließlich nicht Prenzlauer Berg, es handelte sich um illegalen Grenzübertritt. Dem Basis-Plakatierer, der sich nach dem Verbleib seiner Aufhängungen erkundigte, wurde bedeutet: Ein Pressetermin habe stattgefunden und Genossin Wagenknechts Gesicht hätte in alle anreisenden Kameras gelangen können - aus PDS-Zentralperspektive der Super-GAU, papptechnisch gesehen. Alle anderen 150 000 vom Vorstand bestellten Plakate wären sinnlos verklebte Mühe. Prolog der Posse: Der Liedermacher Konstantin Wecker hatte für die PDS-Wahlkampfzeitung die Sätze beigesteuert: "Ich kenne Sahra Wagenknecht und Tobias Pflüger. Ihr Nein zur Militarisierung im EU-Verfassungsentwurf ist glaubwürdig. Deshalb sollten beide ins Europaparlament." Weckers Worte blieben ungedruckt.
(asc)
junge Welt 18.05.2004
Jungle
World 21 - 12. Mai 2004
http://www.jungle-world.com/seiten/2004/20/3153.php
Bündnis für den Sozialstaat
Auf dem Perspektivenkongress am kommenden Wochenende in Berlin sollen Alternativen zur Politik der Bundesregierung und der Globalisierung gesucht werden. von steffen falk
Als am 5. Dezember 2002 Attac, der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) und Venro, der Dachverband der entwicklungspolitischen Nichtregierungsorganisationen, auf einer Pressekonferenz ein Papier zur so genannten Globalisierung vorstellten, sollte dies der offizielle Beginn eines Erfolg versprechenden Joint Ventures sein. Unter dem Titel »Globalisierung gerecht gestalten« wurde erstmals eine gemeinsame Stimme gegen die Sozialstaats- und Arbeitsmarktreformen der rot-grünen Bundesregierung erhoben.
Doch nicht immer läuft die Zusammenarbeit zur Zufriedenheit aller Beteiligten. Als die gemeinsamen Demonstrationen am Europäischen Aktionstag gegen den Sozialabbau am 3. April dieses Jahres, an denen sich auch viele Sozialverbände beteiligten, vom DGB dominiert wurden, war schon von einer feindlichen Übernahme durch die Gewerkschaften die Rede. Äußerungen wie die von Hubertus Schmoldt, dem Vorsitzenden der IG Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE), der Aktionstag sei und bleibe »eine Kundgebung des DGB«, sorgten bei Attac zusätzlich für Unmut.
Doch bei allen Reibereien und inhaltlichen Unterschieden ist der Nutzen der Zusammenarbeit für beide Seiten unbestritten. Während die Globalisierungskritiker in der Öffentlichkeit an Seriosität hinzugewinnen, werden die Vertreter der Lohnabhängigen auch für Jüngere wieder attraktiver. Unter dem Motto »Es geht auch anders« treffen sich nun am kommenden Wochenende an der Technischen Universität Berlin (TU) die Enttäuschten der Republik, um über Perspektiven für eine andere Politik zu diskutieren.
Die Liste der beteiligten Organisationen liest sich wie ein Who is Who der außerparlamentarischen Sozialdemokratie. Neben Attac und verschiedenen Einzelgewerkschaften rufen vom Bund demokratischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und dem freien Zusammenschluss der Studierendenschaften bis zur Volkssolidarität und dem Wissenstransfer e.V. fast alle wichtigen Verbände, Gruppen und Initiativen der Friedens-, Frauen- und Umweltbewegung und aus dem kirchlichen Milieu zu dem »Perspektivenkongress« auf.
Zustande gekommen ist der Kongress auf Initiative der Professoren Elmar Altvater und Birgit Mahnkopf und des Dozenten Frieder Otto Wolf aus dem wissenschaftlichen Beirat von Attac. Der aufrufende Text, der von einer Redaktionsgruppe mit Mitgliedern aus verschiedenen Verbänden erstellt wurde, sollte auch dazu dienen, noch weitere Organisationen für eine Teilnahme zu gewinnen.
Man wollte es offensichtlich allen recht machen. Der Aufruf zeugt von dem ernsthaften, aber gescheiterten Versuch einer Kritik an der Ideologie der Chancengleichheit und der Marktgerechtigkeit. Dieses Konglomerat aus schon bekannten Flugblättern und Appellen aus der Bewegung gegen den Abbau des Sozialstaats geht von dem Idealbild vom kapitalistischen Markt aus, das sich Attac und seine Verbündeten offenbar nach wie vor machen.
Es ist ein langweiliges Spiel, der Regierung und denen, die von ihrer Politik profitieren, vorzuwerfen, dass sie lügen. Jeder weiß, dass der Sozialstaat nicht gerettet wird, indem man ihn zusammenstreicht. Eine Perspektive bietet sich einem selbst erst wieder, wenn man das Richtige in der falschen Wirtschaftsweise entdeckt und der Wirtschaft und der Regierung Ziele und Zwecke unterstellt, die diese gar nicht haben. So behauptet man, Alternativen zur herrschenden Markt- und Wettbewerbsideologie zu diskutieren, und vertritt dabei genau letztere.
Selbstverständlich taucht der Sachzwang, nach dem sich Wirtschaft und Nationalstaat richten, nicht aus dem Nichts auf, sondern wurde von den verantwortlichen Akteuren des Marktes selbst erst eingerichtet. Die Politik glaubt selbst fest daran und handelt auch danach, dass es für das Wohlergehen der Bevölkerung nichts Besseres gibt als das heimische Kapital und dessen Wachstum in aller Welt. Der behauptete objektive Zwang muss als Grund für Maßnahmen herhalten, die für die meisten Menschen noch immer eine Verschlechterung ihrer konkreten Lebenssituation mit sich bringen.
Dass dahinter ein ganz klares Bedürfnis einer anonymisierten Interessengemeinschaft, die auch gerne »die Wirtschaft« genannt wird, nach geringeren Lohnkosten und mehr Chancen in der weltweiten Konkurrenz steht, scheint für die Perspektivensucher jedoch nicht hinterfragbar zu sein. Denn der Paradigmenwechsel in der Sozialstaatspolitik und die Reform des Arbeitsmarkts werden gemessen an dem Zweck, den man der Wirtschaft sehr wohl zugesteht.
So beklagt die Vorbereitungsgruppe in dem Aufruf u.a., dass »der Bevölkerung gesamtwirtschaftlich weitgehend sinnlose Opfer« abverlangt würden. »Das verstärkt die gravierende Nachfrageschwäche, die auch vielen Unternehmern zum Verhängnis wird.« Solche Sätze suchen verzweifelt nach einem Gesamtinteresse, wo keines ist.
Der »grundlegende Umbau der Gesellschaft« wird beklagt und somit ein grundlegendes Einverständnis mit dieser Gesellschaft bekundet. Was bedeutet dieses ominöse »Es« in dem Motto: »Es geht auch anders!« Und wie geht »es« anders?
In der Vorstellung so: »Dazu zählen z.B. der ökologische Umbau, der Ausbau sozialer Dienstleistungen, mehr öffentliche Investitionen in Bildung und Infrastruktur, eine wirksame Verteilung nach unten durch Vermögenssteuern und Mindestbesteuerung von Unternehmen, eine solidarische Bürgerversicherung oder ein existenzsicherndes Mindesteinkommen für alle Menschen.« Ja, »es« könnte so schön sein. Doch wer den »Ausbau sozialer Dienstleitungen« fordert, hat die zu verwaltende Armut längst akzeptiert und will sie allenfalls »sozial verträglich« gestalten.
Letztlich werden von den Podiumsteilnehmern und Seminarbesuchern Verbesserungsvorschläge und ein alternatives Regierungsprogramm zur Verwirklichung derselben Ziele erarbeitet, die sich auch die so arg gescholtene Bundesregierung gesetzt hat. So macht der Kongress am Samstag erst einmal das, was zurzeit alle tun: »Wege zu mehr Beschäftigung« suchen.
Während sich die Wirtschaft fragt, wie viel Demokratie der Markt verträgt, fragt sich der Kongress, wie viel Markt die Demokratie verträgt. »Der Sozialstaat ist finanzierbar«, verkündet der Titel einer Veranstaltung, »Bildung ist keine Ware« der einer anderen. »Innovationen Wohin?« fragt eine weitere. Neu ist das alles nicht, und es kann eine Perspektive nur bieten, wenn man sehnsüchtig in die verklärte Vergangenheit schaut.
Die angekündigte Kontroverse dürfte auch ausfallen, wenn auf dem Abschlusspodium am Sonntag »einer anderen Perspektive für ein modernes Deutschland« nachgegangen wird und ein »alternatives Vollbeschäftigungskonzept« gesucht wird. Eine Diskussion über Wahlalternativen soll auf dem Kongress nicht stattfinden, eine Wahlempfehlung soll schon gar nicht ausgesprochen werden. Warum eigentlich nicht, muss man sich angesichts des Programms fragen.
Doch unter dem Aufruf zum Kongress finden sich weder der beleidigte Flügel der SPD noch die Initiative Soziale Gerechtigkeit wieder. Das Politikerverbot führte sogar dazu, dass dem in der Bewegung wohl gelittenen Tobias Pflüger wegen seiner Kandidatur für die PDS bei den anstehenden Europawahlen ein Podiumsplatz aberkannt wurde. Es geht wohl auch darum, die Illusion eines großen Aufbruchs von »unten« aufrechtzuerhalten.
Ein erklärtes Ziel der Veranstalter ist neben einem Folgetreffen und dem Erstellen eines Tagungsbandes die Bildung eines deutschen Sozialforums spätestens im nächsten Jahr, mit dem auch eine Beteiligung am Kirchentag angestrebt wird. Es wächst zusammen, was zusammengehört.
Grünes
Signal für PDS-Wahlkampf
Sozialisten eröffneten Kampagnen-Quartier im Potsdamer Hauptbahnhof
Von Andreas Fritsche
Großer Bahnhof am Montagmorgen im Hauptbahnhof. Die Brandenburger PDS
eröffnete ihr Wahlquartier in einer Passage des Potsdam-Centers, und Abgeordnete
und Funktionäre der Partei erschienen zahlreich.
Auf 400 Quadratmetern Ladenfläche arbeitet ein ehrenamtliches Kollektiv.
Die erste Mission lautet: Wiedereinzug der Sozialisten ins Europaparlament am
13. Juni. Parteichef Lothar Bisky möchte sicher sein, dass erst abgeschlossen
wird, wenn fünf Prozent sicher sind. Darum übergab er den Schlüssel
für das Quartier symbolisch an seinen Vertrauten Heinz Vietze. Der ist
parlamentarischer Geschäftsführer der PDS-Landtagsfraktion und zugleich
Wahlkampfleiter des Landesverbandes.
Bislang sitzen zwei Brandenburger für die PDS in Strasbourg: Christel Fiebiger
und Helmuth Markov. Der Diplom-Ingenieur Markov aus Hennigsdorf tritt auf Listenplatz
2 erneut an. Weitere Brandenburger auf der Liste sind der Politikwissenschaftler
Helmut Scholz aus Zeuthen (Platz 8), die Tierärztin Anja Laabs aus Nuthetal
(Platz 9) und die Studentin Wenke Christoph aus Königs Wusterhausen (Platz
11).
Eine Besonderheit bei der Europawahl ist die Regelung für den Fall, dass
ein Abgeordneter sein Mandat abgibt. Anders als bei Bundes- und Landtagswahlen
rückt nicht einfach der nächste von der Liste nach. Stattdessen gibt
es für jeden einzelnen Listenplatz Ersatzkandidaten. Anja Laabs und Wenke
Christoph sind auch als Ersatzkandidaten nominiert. Laabs kommt zum Zug, wenn
Sarah Wagenknecht (Platz 5) ausscheidet. Christoph ist die Ersatzfrau für
Gabriele Zimmer (Platz 3).
Damit Liste 3 beim Urnengang viele Kreuze bekommt und die Genossen tatsächlich
wieder ins Strasbourger Parlament einziehen, klebt die Brandenburger PDS 15000
Plakate und zeigt einen Spot in 40 Kinos, wo er pro Woche von 80000 Menschen
gesehen wird.
Außerdem treten EU-Kandidaten im Wahlquartier auf- zunächst Sarah
Wagenknecht am 5. Mai und Tobias Pflüger am 24. Mai. Fließend gestaltet
sich dann der Übergang in die Kampagne für die Landtagswahl am 19.
September.
PDS-Wahlquartier, Potsdamer Bahnhofspassagen, Babelsberger Str. 12, Tel.: (0331) 740390, www.rote-karte-zeigen.de
(ND 04.05.04)
junge Welt Wochenendbeilage 08.05.2004
Tobias Pflüger
Hegemonialordnung
Andreas Wehr analysiert Geschichte und Konsequenzen des EU-Verfassungsentwurfs
In Artikel I 40 Absatz 3 des Entwurfs für den europäischen Verfassungsvertrag heißt es: "Die Mitgliedstaaten verpflichten sich, ihre militärischen Fähigkeiten schrittweise zu verbessern". In keiner Verfassung dürfte eine solche Aufrüstungsverpflichtung jemals gestanden haben. Diese und weitere Festlegungen wie die Einrichtung des "Europäischen Amts für Rüstung, Forschung und militärische Fähigkeiten" reichen aus, um diesen Entwurf abzulehnen - gegen ihn hat sich daher inzwischen eine Kampagne formiert (www.eu-verfassung.com).
Der Entwurf enthält jedoch weit mehr als einen Schritt zur institutionalisierten Militarisierung der EU. In ihm ist mit dem Grundsatz einer "offenen Marktwirtschaft mit freiem Wettbewerb" (Art. III 69) auch das neoliberale Wirtschaftssystem festgeschrieben. Es handelt sich um einen EU-Umbauplan.
Andreas Wehr hat dies und die sich abzeichnenden Konsequenzen in "Europa ohne Demokratie?" glänzend analysiert. Als Mitarbeiter der linken Fraktion im Europäischen Parlament, der GUE/NGL, nahm er an allen Sitzungen des Verfassungskonvents teil. Der Insider räumt gleich zu Beginn mit der Legende auf, beim Konvent habe es sich um so etwas wie eine verfassunggebende Versammlung gehandelt. Tatsächlich waren dort jeweils ein Regierungsvertreter, je zwei Abgeordnete nationaler Parlamente und 16 Europaabgeordnete sowie zwei Vertreter der EU-Kommission versammelt. Das bedeutete: Konservative, Sozialdemokraten und einige Liberale waren fast unter sich. Alle anderen politischen Richtungen, darunter linke Parteien, die zusammen bei Europawahlen regelmäßig fast ein Drittel der Stimmen auf sich vereinen, waren so gut wie ausgeschlossen. Die Linken stellten z. B. zwei Mitglieder des Konvents (von 105), wovon die eine, die zypriotische Kommunistin Eleni Mavrou als Vertreterin eines Beitrittslandes kein Stimmrecht hatte. Kritische Stimmen kamen kaum zu Wort, eine Chance zur Durchsetzung alternativer Positionen gab es nicht.
Nach Wehr war der Konvent eine erweiterte Regierungskonferenz der Mitgliedstaaten. Das zeigte sich vor allem bei den abschließenden Entscheidungen über den Umbau der EU-Institutionen. Letzteres geistere unter dem Titel "Erhalt der Handlungsfähigkeit der EU-Gremien nach der Erweiterung" seit Jahren durch die Gänge von Kommission, Rat und Außenministerien.
Gemeint sind damit die sogenannten Left-overs, die seit nunmehr sieben Jahren - seit dem Vertrag von Amsterdam 1997 - ungelöst gebliebenen Fragen um die Neufestlegung der Größe der Kommission, der Reform der Stimmenverteilung im Rat und hinsichtlich der Ausweitung der Entscheidungen mit qualifizierten Mehrheiten im Rat. Auf dem Gipfel von Nizza im Dezember 2000 konnte man diese Fragen nicht zufriedenstellend lösen. Mit dem Konvent wurde ein neuer Anlauf genommen.
Eine Kernaussage von Wehr lautet: Hinter der immer wieder beschworenen Warnung vor einer drohenden Handlungsunfähigkeit der erweiterten EU stehe die Befürchtung der großen Staaten, "daß sich durch ein Anwachsen allein der Zahl der kleinen und mittleren Mitgliedstaaten ihr relatives Gewicht in der Union verringern könnte". Schaut man sich die vom Konvent vorgeschlagenen institutionellen Änderungen genau an, bestätigt sich das: Die Gremien der EU werden zentralisiert, verkleinert und die Souveränitätsrechte der Mitgliedstaaten generell beschnitten. So sollen in der EU- Kommission nicht mehr alle Staaten mit einem gleichberechtigten Kommissar vertreten sein. Die Position des Kommissionspräsidenten wird deutlich gestärkt, die rotierende Präsidentschaft beseitigt und dafür das Amt eines Ratspräsidenten geschaffen. Die Abstimmung mit qualifizierten Mehrheiten wird dort zur Regel, Einstimmigkeit zur Ausnahme. Vor allem aber: Mit der Einführung des sogenannten demographischen Faktors bei Ratsabstimmungen steigt die Bedeutung der großen Staaten enorm.
Bleibt es bei der Regelung, daß eine Gesetzesentscheidung 60 Prozent der Bevölkerung repräsentieren muß, könnten die vier großen Staaten Deutschland, Frankreich, Italien und Großbritannien faktisch alles bestimmen, da sie zusammen 53 Prozent repräsentieren. Da als zweite Bedingung für einen Beschluß die einfache Mehrheit der Staaten erforderlich ist, reicht es, wenn zu den großen vier Ministaaten wie Malta, Luxemburg, Zypern usw. hinzukommen. Anders herum gerechnet: Nach der Verfassung können bald 40 Prozent der EU-Bürger und zwölf Staaten überstimmt werden. Es handelt sich um nichts anderes als um eine neue europäische Hegemonialordnung, beherrscht von einem "EU-Direktorium", insbesondere von den großen Staaten - vorneweg Deutschland und Frankreich, immer wieder dabei: Großbritannien und Italien oder neuerdings auch wieder Spanien. Das ist die alte Kerneuropaidee, allerdings als brutale - vor allem militärische - Realität.
Es gibt noch eine realistische Chance, diese EU-Verfassung zu verhindern: durch ein klares Votum am 13. Juni (am 17. Juni wollen die EU-Regierungschefs die EU-Verfassung vorläufig beschließen) und vor allem durch die Unterstützung von Friedensbewegungen und Linken in den Ländern, in denen rechtsverbindliche Referenden über die EU-Verfassung stattfinden werden, z. B. in Irland. Sollte ein Staat nicht zustimmen, ist die EU-Verfassung in der vorgelegten Form gestorben.
Wer eine gut geschriebene Zusammenfassung der Entstehungsgeschichte des Verfassungsentwurfs und Argumente für seine Ablehnung haben möchte, sollte Wehrs Buch lesen. Für die Kampagne gegen diese Verfassung ist es Pflichtlektüre - eine Hilfe gegen Weichspüler, die weismachen wollen, die vorgelegte EU-Verfassung sei eine gute Verfassung.
junge Welt 08.05.2004
Pressebericht - in Klarmanns Welt / Aachener Nachrichten
Frieden: Europa "ganz offensichtlich keine Friedensmacht"
Aachen. Der Friedensforscher Tobias Pflüger hat davor gewarnt, eine "militärische EU" drohe "sich einzureihen in die kriegerische Weltpolitik".
... Dieser Text ist dem Weblog von Michael Klarmann entnommen, ein wie wir meinen sehr lesenswerter Weblog ... http://myblog.de/klarmann
Aachen. Der Friedensforscher Tobias Pflüger hat davor gewarnt, eine "militärische EU" drohe "sich einzureihen in die kriegerische Weltpolitik". Die in der zukünftigen EU-Verfassung enthaltenen "Aufrüstungsklauseln", sagte der Geschäftsführer der "Informationsstelle Militarisierung" (Tübingen), würden vorsehen, alle europäischen Armeen massiv für Auslandseinsätze hochzurüsten. Die "EU-Militarisierung" müsse gestoppt werden, mahnte Pflüger bei einer Podiumsdiskussion in Aachen.
Jene Diskussion war am Sonntag der Abschluss eines Seminarwochenendes zum Thema "Militarisierung der EU". Während Andrej Hunko vom "Antikriegs-Bündnis Aachen" und das Publikum Pflügers Meinung teilten, widersprach Tanja Sprungala vom Institut für Politikwissenschaften der RWTH. Als Befürworterin jener Klauseln sah sie "einen Mangel an militärischer Ausrüstung in Europa". Das betreffe etwa die Bereiche moderne Waffensysteme, Transportflugzeuge und Satellitenaufklärung.
Laut Sprungala müsse sich Europa als Gegenmacht zur USA positionieren. Das bedeute indes nicht, dass das Militär auch zum Einsatz komme. Dennoch seien Waffengänge zur Sicherung von Rohstoffen, "die wir für unsere Volkswirtschaft brauchen," vorstellbar, so Sprungala. Pflügers Befürchtung daher: es drohten "weltweite Kampfeinsätze, die ganz offensichtlich mit einer Friedensmacht nichts zu tun haben," als die sich Europa und Deutschland darstellten.
Einhelliger war die Meinung zum angeblichen "Krieg gegen Terror". Die Situation im Irak zeige, das Militär Terror nicht bekämpfen könne. Sprungala erinnerte daran, dass jener Krieg nur "den Hass in der arabischen Welt gegen den Westen auch bei bislang gemäßigten Gruppe eher gestärkt" habe. Neuer Zulauf für Terrorgruppen inbegriffen. Und nur soziale Gerechtigkeit könne verhindern, dass Menschen nicht zu Attentäter würden. Statt dessen aber, sagte Pflüger, herrsche in den Entwicklungsländern "der Frust über die Politik der westlichen Staaten".
Der Moderator der Veranstaltung im "Che-Haus", Werner Hager vom Aachener Friedenspreis, ergänzte, die Globalisierung "produziert soziale Ungerechtigkeit und schafft sich selbst den Nährboden für neue Terroristen". Hunko skizzierte dazu ein Gleichnis über die Definitionsmacht der Begriffe: "Krieg ist der Terror der Reichen, Terror ist der Krieg der Armen". Den Kreislauf gelte es zu stoppen. Aber die Militarisierung Europas sei dafür ungeeignet. [© Klarmann; für AN]
http://myblog.de/showone.php?blog=klarmann&id=95105
Wahlalternative oder Partei?
Frankfurt/Main: Initiative "Arbeit und soziale Gerechtigkeit" beriet über nächste politische Aktivitäten Über hundert Interessierte aus Hessen - fast doppelt so viele wie beim letzten Mal - trafen sich am Sonntag nachmittag in Frankfurt am Main, um die Ziele der Initiative "Arbeit und soziale Gerechtigkeit" zu besprechen und die weitere Aufbauarbeit in den einzelnen Regionen des Landes zu beraten. Eingeladen hatte ein Initiativkreis um den früheren DGB-Landesvorsitzenden Dieter Hooge, Werner Dreibus von der IG-Metall-Verwaltungsstelle Offenbach und den langjährigen Vorsitzenden des Landes- und Bundesausländerbeirats, Murat Cakir (Kassel). Gekommen waren Menschen aller Generationen, unter ihnen viele Betriebsräte und Gewerkschafter wie auch etliche Mitglieder und Mandatsträger von SPD, PDS und DKP - und solche, die kürzlich ihr SPD-Parteibuch abgegeben haben. Allein in Hessen haben laut Hooge bereits mehr als 500 Menschen Kontakt zur Initiative aufgenommen.
Eingangs rechnete Dr. Thomas von Freyberg vom Frankfurter Sozialinstitut mit den "Torheiten" der aktuellen Politik der Bundesregierung ab. Die agierenden Politiker führten sich wie "Quacksalber" auf, die, statt ihre gescheiterte Therapie zu überprüfen, ständig nur die Dosis erhöhten. Dabei seien Reformen im Interesse der arbeitenden Menschen möglich - ohne die kapitalistische Produktionsweise zu beseitigen, wie Freyberg betonte. Hierzu zählte er verschiedene Formen der Arbeitszeitverkürzung und eine steuerfinanzierte Grundsicherung. Allerdings sei derlei ohne eine Umkehr der mittlerweile 30 Jahre andauernden Umverteilungspolitik von unten nach oben nicht zu haben. Dabei sei die amtierende Bundesregierung keineswegs das "kleinere Übel".
In der lebhaften Aussprache wurde eine große Bandbreite individueller Meinungen und Erfahrungen sichtbar. So hoben mehrere Diskussionsredner die Notwendigkeit hervor, das Ziel eines Systemwechsels nicht aus den Augen zu verlieren. Andere betonten, der Kapitalismus lasse sich derzeit nicht aus den Angeln heben. Der Frankfurter PDS-Stadtverordnete Heiner Halberstadt, der früher schon zweimal aus der SPD ausgeschlossen worden war, warnte vor der Illusion, man könne den Kapitalismus sozial zähmen und demokratisch kontrollieren. Ein ver.di-Mitglied sprach sich gegen eine künstliche Trennung von Reform und Revolution aus und zog aus der aktuellen Erfahrung in Venezuela den Schluß, daß schon echte Sozialreformen im Interesse der Mehrheit der Bevölkerung den erbitterten Widerstand der Herrschenden hervorriefen und mit revolutionären Mitteln verteidigt werden müßten.
Einige Redner drängten auf eine rasche Parteigründung, um "rechten Rattenfängern" das Wasser abzugraben. Schon allein die Aussage, eventuell eine neue Linkspartei gründen zu wollen, habe viel Zuspruch gebracht, berichtete Murat Cakir, der in der vergangenen Woche aus der SPD ausgetreten war. Auch die Notwendigkeit einer engagierten parlamentarischen Vertretung sozialer Bewegungen wurde in mehreren Diskussionsbeiträgen angesprochen, wobei nur ein Redner konkret wurde und für die anstehende Europawahl die PDS empfahl, um mit Sahra Wagenknecht und Tobias Pflüger Vertreter des außerparlamentarischen Protestes im Parlament zu haben.
Bei allen Meinungsunterschieden waren die Teilnehmer des Treffens bemüht, vor allem über "das Verbindende" zu reden und die Initiative vor Ort zu verankern. Sie tauschten Adressen aus und vereinbarten regionale Treffen. In Kassel wird nach Aussage von Murat Cakir schon am morgigen Mittwoch ein regionaler Stützpunkt gebildet.
Noch ist für die Initiative die Parteigründung keine beschlossene Sache. Werner Dreibus erläuterte den Fahrplan für die kommenden Monate: Bis Juni will man politische Positionen zu Papier bringen und diese in den Sommermonaten bundesweit breit diskutieren. Weitere Arbeitstreffen in Hessen und auf Bundesebene sind für die zweite Junihälfte geplant. Im Herbst sollen aus den Diskussionen strategische und organisatorische Konsequenzen gezogen werden. Dann könne unter allen Unterstützern - es sind mittlerweile bundesweit mehrere tausend - eine Urabstimmung durchgeführt werden.
Wie bereits berichtet, wollen die vor zwei Monaten zeitgleich entstandenen Initiativen "Wahlalternative" und "Initiative Arbeit und soziale Gerechtigkeit" an einem Strang ziehen und nicht gegeneinander arbeiten. Obwohl "Arbeit und soziale Gerechtigkeit" die Gründung einer neuen Partei nur als eine von mehreren Optionen betrachtet, hatte der SPD-Apparat gegen die Unterzeichner des Gründungsappells ein Parteiordnungsverfahren eingeleitet. Als erster ist nun der Hamburger Wirtschaftswissenschaftler Herbert Schui für Mitte Mai vor die Schiedskommission des niedersächsischen SPD-Landesverbandes geladen worden. Offensichtlich, so Dreibus, wisse die Partei um die negative Signalwirkung des Parteiausschlusses von engagierten Gewerkschaftern und Kritikern des Sozialabbaus und gehe daher behutsam vor. So wurde in Hessen bisher kein Verfahren gegen das langjährige SPD-Mitglied Dieter Hooge eingeleitet.
junge Welt 27.04.2004
Niedersachsen
DGB ruft zu Aktion auf
Hannover (ND). Beim PDS-Landesparteitag in Niedersachsen gab es am Wochenende
ein Novum: Der Vorsitzende des DGB-Bezirks Niedersachsen, Bremen und Sachsen-Anhalt,
Hartmut Tölle, kam, blieb lange und forderte die Genossen zum Mittun bei
der Vorbereitung des Großkampftags gegen Sozialkahlschlag am 3. April
in Berlin auf.
Die vor einer Woche nominierte Kandidatin für das EU-Parlament Sahra Wagenknecht
erklärt, was sie unter "Sprechblasen der Herrschenden" versteht:
"Schröder nennt es Sparen, wenn er aus öffentlichen Kassen 15
Milliarden an Thalys sowie andere Konzerne und Global Player verschenkt!"
Nun, wo er die Kranken, Rentner, Gewerkschaften und kleine Selbstständige
so nachhaltig gegen sich aufgebracht habe, "hilft ihm auch kein Personalkarussell
mehr."
Die langjährige Landesvorsitzende Dorothée Menzner wurde mit großer
Mehrheit im Amt bestätigt. Zum Landesvorsitzenden kandidierte der frühere
PDS-Bundes-Vize Diether Dehm. Er wurde mit 49 zu 26 Stimmen gewählt.
Menzner, Hartwig und Dehm erklärten übereinstimmend, die PDS in Niedersachsen
sei als "linker Landesverband" keine "Gegenkraft zum Bisky-PV",
sondern habe sich als selbstbewusster Teil der gemeinsamen Beratung auch auf
dem Europaparteitag bewährt. Mit der dort plural zusammengesetzten Liste
und der guten Nominierung von Sahra Wagenknecht, Tobias Pflüger und Feleknas
Uca sei die Partei für den Europawahlkampf maximal motiviert. Die von der
PDS vorgelegte "Agenda-Sozial" sei eine überzeugende gemeinsame
Basis, vor allem am 3.April das außerparlamentarische Klima so zu wenden,
daß die PDS mit ihrem "Nein" zur EU-Verfassung in Niedersachsen
40 000 Stimmen am 13.Juni mobilisieren
(ND 09.02.04)
Sechs Gesichter für EuropaChancen hin oder her: Eine Kandidatin und fünf Kandidaten aus der Region machen Wahlkampf
KREIS TÜBINGEN.
Ost-Erweiterung, Verfassungs-Referendum, Zypern-Abstimmung: Europa ist in den
Schlagzeilen, und so rechnen die
meisten bei der Parlamentswahl am 13. Juni mit einer deutlich höheren Beteiligung
als jenen kreisweit 42,8 Prozent, auf die sie vor fünf
Jahren absackte. Europa-Begeisterte setzen vor allem darauf, dass die gleichzeitige
Kommunalwahl der Abstimmung über das EU-Parlament Schub gibt.
Stefanie Hähnlein
Ingo Wetter
Timo Herrmann
Tobias Pflüger
Thomas Maurer
Jochen Gewecke
Vor zehn Jahren
gab es schon einmal eine solche Konstellation. Und tatsächlich erreichte
die Europa-wahl-Beteiligung damals im Kreis
Tübingen mit 69,8 Prozent ihren bisherigen Rekord. In diesem Jahr werden
kreisweit zirka 149000 Männer und Frauen aufgerufen sein, ihre Stimme
abzugeben. Zumindest hat das Landratsamt vorsorglich so viele Stimmzettel bestellt.
Unter den Wahlberechtigten sind auch rund 8550 so genannte EU-Bürgerinnen
und -Bürger. Das sind Leute aus den 24 anderen Mitgliedsländern der
Europäischen Union, die im Kreis Tübingen ihren
Wohnsitz haben. Sie können nicht nur an den Kommunalwahlen teilnehmen,
sondern sich auch hier an der Abstimmung über das Europäische Parlament
beteiligen, also eine der 22 in Baden-Württemberg antretenden Parteien
und Wählerinitiativen ankreuzen. Sie können aber auch in ihrem Herkunftsland
abstimmen ? etwa per Briefwahl oder über das Konsulat. Wenn sie schon vor
fünf Jahren im Kreis Tübingen gewählt haben, rücken EU-Bürgerinnen
und -Bürger automatisch ins Wählerverzeichnis. Andernfalls können
sie noch bis zum 23. Mai die Aufnahme beantragen. Die Gemeinden haben sich viel
Mühe gegeben und alle Erwachsenen aus EU-Ländern angeschrieben, berichtet
Beate Strayle vom Landratsamt.
Allein die Tübinger Stadtverwaltung, sagt Gerd Domnik, hat 3500 Briefe
mit einem Info-Blatt in allen EU-Sprachen und Antragsformularen verschickt.
Es gibt ein deutliches
Zeichen dafür, dass die Abstimmung über das europäische Parlament
nur wenige Wochen nach dem EU-Beitritt zehn
weiterer Staaten von den Parteien ernster genommen wird als früher. Gaben
bei den zurück liegenden Wahlen stets nur einzelne Enthusiasten
aus der Region ihren Namen und ihr Gesicht für den Europa-Wahlkampf her,
haben dieses Mal alle fünf Bundestagsparteien Kandidatinnen oder
Kandidaten aus Tübingen auf ihre Liste aufgenommen ? sei es auch meist
auf aussichtslosen Plätzen. Ein Bewerber der Wählerinitiative Aktion
Unabhängige Bürger vervollständigt das Sextett, das in den nächsten
Wochen teils in der Umgebung, teils im Regierungsbezirk oder bundesweit auf
Wahlwerbetour geht. Echte Chancen hat allerdings nur Tobias Pflüger, der
Kandidat der PDS. Wenn die Partei die Fünf-Prozent-Hürde nimmt, wird
er auf jeden Fall Europa-Abgeordneter.
Die regionalen
Aushängeschilder der Parteien und Initiativen: Stefanie Hähnlein,
22, Studentin der Geowissenschaften mit Beifach Politik und Landesvorsitzende
der Grünen Jugend, kandidiert auf Platz 25 der Bundesliste der Grünen.
Timo Herrmann, 25, Biochemiestudent und Kreisvorsitzender der Jungen Liberalen,
steht auf Platz 76 der Bundesliste der FDP. Jochen Gewecke, 41, Grafik-Designer
und früherer SPD-Kreisvorsitzender, tritt auf Platz 49 der Bundesliste
der SPD an. Thomas Maurer, 37, Polier, bewirbt sich auf Platz 4 der Liste der
Aktion
Unabhängige Kandidaten, die sich für Volksentscheide auch auf europäischer
Ebene stark macht.
Tobias Pflüger, 39, Politologe und Friedensaktivist, tritt als parteiloser Kandidat auf Platz 4 für die PDS an. Ingo Wetter, 33, Doktorand über ein Thema der Rechtsgeschichte, ist Ersatzkandidat für Platz 15 der CDU-Landesliste. Bilder: Metz, Sommer,Groebe(1)
Quelle: http://www.tagblatt.de/?artikel_id=34
Badische Zeitung vom Donnerstag, 6. Mai 2004
Gegen Sozialabbau und Aufrüstung
Tobias Pflüger,
Friedensaktivist und Kandidat auf der offenen Liste der
PDS, war im WahlkreisLÖRRACH (kas).
Am 13. Juni dürfen
Deutschlands Bürger und Bürgerinnen wieder wählen - die 99 Abgeordneten
für das Europaparlament. Einer der Kandidaten ist der Tübinger Tobias
Pflüger. Der Friedensaktivist steht auf der offenen Liste der PDS. "Ich
habe mich bewusst für die Kandidatur entschieden", konstatierte Tobias
Pflüger bei seinem Vortrag im "Roten Hahn" in Lörrach am
Dienstagabend. Der 39-Jährige ist die Nummer vier auf der Kandidatenliste
der PDS für die Europawahl und zieht ins Parlament ein, wenn die PDS die
Fünf-Prozent-Hürde erreicht.Mitglied der Partei des Demokratischen
Sozialismus (PDS) ist er zwar nicht, aber eine Unterschriftenliste von 35 Personen
und seine Überzeugungskraft sich gegen die fortschreitende Militarisierung
einzusetzen, sicherten ihn den Platz auf der Liste. "Die PDS ist für
mich ein guter Bündnispartner", erklärte der Kandidat im Gespräch."Für
ein ziviles Europa" hat sich Pflüger zum Motto erkoren und diese Position
will er in Straßburg auch vertreten, sollte er in das Parlament gewählt
werden. Die wachsende Europäische Union, die sich zunehmen zum globalen
Akteur entwickelt, gibt Pflüger zu denken. Kritisch beobachtet der Friedensaktivist,
dass soziale Sicherheit zum Auslaufmodell werde, und die militärische Sicherheit
immer mehr in den Vordergrund rücke. Fortschreitender Sozialabbau einerseits
und der Aufbau einer Militärmacht andererseits sind für den Friedensaktivisten
unverträglich. Vor allem der Verfassungsentwurf der EU, der eine Aufrüstungsverpflichtung
aller Mitgliedstaaten und Kampfeinsätze über
die territorialen Begrenzungen hinaus vorsieht, ist für Pflüger untragbar.
Deutlich distanzierte er sich auch vom Kerneuropa, dessen Zentrum Deutschland,
Frankreich und Großbritannien bilden.Derzeit ist die PDS mit sechs Angeordneten
im EU-Parlament vertreten. Sollte sie am 13. Juni erneut die Fünf-Prozent-
Hürde nehmen, stehen ihr wieder fünf Sitze zu.
Pressebericht - in: Märkische Allgemeine, 13.04.2004
Tausende gegen "Bombodrom"
DER GRÖßTE OSTERMARSCH FAND IN DER KYRITZ-RUPPINER HEIDE STATT
KATHRIN GOTTWALD
POTSDAM Mehrere tausend Menschen haben am Sonntag beim bundesweit größten Ostermarsch in Fretzdorf (Ostprignitz-Ruppin) gegen die militärische Nutzung der Kyritz-Ruppiner Heide demonstriert. Die Bürgerinitiative "Freie Heide" als Veranstalter sprach von 10 000 Teilnehmern, die Polizei meldete 7000 bis 8000 Protestierer.
Unter den Demonstranten befand sich - wie schon vor zwei Wochen bei der Großdemonstration in Neuruppin - Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD). "Ich brauche aus meiner Meinung keinen Hehl mehr zu machen", sagte er am Rande der Veranstaltung. "Jetzt ist es auch nicht mehr nur meine Meinung, sondern Regierungsmeinung." Platzeck hatte sich lange aus dem Streit um das so genannte Bombodrom herausgehalten - einzig aus Sorge um eine "Störung des Koalitionsfriedens", wie er am Sonntag beteuerte.
Als Diskussionsredner auf dem in unmittelbarer Nähe der "Bombodrom"-Grenze gelegenen Kundgebungsplatz bekräftigte Platzeck sein Nein zum "Bombodrom": "Die Nutzung dieses Platzes ist eine Geschichte des Unrechts, die nicht fortgeschrieben werden darf." Dies richte sich aber nicht gegen die Bundeswehr. "Ich glaube, dass die Bundesrepublik Deutschland die Bundeswehr braucht, und ich stehe zur Bundeswehr." Dies wurde zum Teil mit Unmutsgemurmel und Pfiffen quittiert. Außer den zahlreichen Bombodrom-Gegnern aus der Region waren auch viele hundert Aktivisten der Friedensbewegung angereist - darunter Ute Watermann von der Internationalen Vereinigung der Ärzte gegen den Atomkrieg und Tobias Pflüger von der Informationsstelle Militarisierung * Tübingen, die die Rednerliste anführten.
Der Widerstand gegen die Bundeswehr-Pläne, in der Kyritz-Ruppiner Heide Europas größten Luft-Boden-Schießplatz einzurichten, wird immer größer. Neben den Landesregierungen von Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern will sich nun auch Berlin gegen die militärische Nutzung der Heide stark machen. Berlins Wirtschaftssenator Harald Wolf (PDS) erklärte, Berlin habe Interesse an einer ausgewogenen Entwicklung der Region, nicht an einer "monostrukturellen Abhängigkeit", wie sie durch die Präsenz der Bundeswehr entstünde. Der sicherheitspolitische Sprecher der Grünen im Bundestag, Winfried Nachtwei, kündigte einen neuen Gruppenantrag im Bundestag gegen das "Bombodrom" an.
Bundesweit haben mehr als 20 000 Menschen bei den diesjährigen Ostermärschen gegen den Irakkrieg sowie die Sozialkürzungen der Bundesregierung protestiert, wie das "Netzwerk Friedenskooperative" gestern in Kassel mitteilte. Kundgebungen gab es auch in Berlin, Dortmund, München und Nürnberg.
* verbessert
Pressebericht - in: junge Welt vom 13.04.2004
Ostermarsch gegen EU-Verfassung: Irak nur ein Nebenkriegsschauplatz?
jW sprach mit Willi Hoffmeister (DKP), Mitorganisator des Ostermarsches Ruhr und Abgeordneter des Linken Bündnisses in der Bezirksvertretung Innenstadt-Nord in Dortmund
Interview: Markus Bernhardt
F: Wie fällt Ihre Bilanz des diesjährigen Ostermarschs Ruhr aus?
Sehr positiv. Sowohl die Zusammenarbeit im Vorfeld mit zum Teil neu hinzugestoßenen Friedensfreunden als auch die Beschäftigung mit dem eher schwierigen Thema EU-Verfassung haben sich als Erfolg erwiesen. Die Menschen kennen den Inhalt der Verfassung noch gar nicht, kaum jemand hat den Entwurf je in den Händen gehalten. Da kann man nicht die Betroffenheit erwarten, die seinerzeit bei der Stationierung der Pershing-Raketen zu spüren war.
F: Ist das Thema EU-Verfassung nach ihren Eindrücke in den Köpfen der Ostermarschierer angekommen?
Wir haben es geschafft, daß das Thema endlich zur Kenntnis genommen wurde. Selbst innerhalb der Friedensbewegung ist diese Verfassung lange Zeit nicht beachtet worden. Jetzt endlich wird über Verfassungsartikel diskutiert, die Kriegsgegner demnächst zu Verfassungsgegnern machen. Noch im Dezember des vergangenen Jahres ahnte kaum jemand, daß in dem Verfassungstext von einer Pflicht für Mitgliedsstaaten, »ihre militärischen Fähigkeiten schrittweise zu verbessern«, zu lesen sein wird. Weltweit einzigartig ist auch, daß laut dieser Verfassung die Gründung eines »Amts für Rüstung, Forschung und militärische Fähigkeiten« vorgesehen ist.
F: In Zeiten des Frontalangriffs auf den Sozialstaat scheinen sich die Menschen mehr über ihre eigene Existenz denn über die Kriege in der Welt zu sorgen. Hat sich das auf die Mobilisierung ausgewirkt?
Bei der Vielzahl von Feldern, in denen die Bundesregierung versagt, ist es schwer, die größten Mißstände und die Zusammenhänge dahinter zu erkennen. Den Zusammenhang zwischen Ausgaben für Rüstung und Kürzungen im Sozialhaushalt sehen die Menschen schon. Es ist nur so, daß die Mitglieder aus den Ortsverbänden von SPD und Grünen anders als zu Zeiten der Regierung Kohl mitverantwortlich für die heutige Misere sind. Trotz parteiintern geäußerter Kritik würden sie nicht gegen ihre eigene Politik auf die Straße gehen.
F: War es ein Fehler des Vorbereitungskreises, nicht stärker in Richtung auf den Irak-Krieg zu mobilisieren?
Der noch längst nicht beendete Krieg im Irak war natürlich eines der Themen des Ostermarsches. Tobias Pflüger von der Informationsstelle Militarisierung hat in seinem Redebeitrag in Duisburg auf die völkerrechtswidrige Besatzung hingewiesen und die Besatzungssoldaten aufgefordert, ihren Dienst zu verweigern. Tagesaktuell kann und will der Ostermarsch aber nicht sein. Und mit dem Thema EU-Verfassung haben wir den Hebel an einer Stelle angesetzt, die für uns in den nächsten Jahren immer größere Bedeutung haben wird.
Pressebericht - in: Märkische Allgemeine, 13.04.2004
Deutschlands größter Ostermarsch
ZUR 88. PROTESTWANDERUNG GEGEN DAS BOMBODROM KAMEN VIELE POLITIKER UND NOCH MEHR VOLK
von KATHRIN GOTTWALD
FRETZDORF Dass Ministerpräsident Matthias Platzeck beim Ostermarsch in Fretzdorf schon ein gutes halbes Stündchen in der Menschenmenge vor der Kirche gestanden hatte und dann mit dem Pulk zum Kundgebungsplatz gewandert war, hatten die meisten der knapp 10 000 Teilnehmer der 88. Protestwanderung gegen das Bombodrom gar nicht mitbekommen.
Platzeck erschien wie aus dem Nichts in Begleitung seiner Lebensgefährtin Janet Jesorka und zweier dezent auftretender Bodyguards auf dem Platz. Aber aus dem Plan, sich einmal unauffällig unters Volk mischen zu können, wurde natürlich wieder nichts. Schon bald stand der Regierungschef in einer Traube aus Politikern seiner Partei und Journalisten.
So bekam Platzeck, der geduldig ein Interview nach dem anderen gab, kaum etwas von Benedikt Schirges Ansprache mit. Der Pfarrer von Zühlen und Sprecher der Bürgerinitiative "Freie Heide" war natürlich bestens geeignet, die geistliche Besinnung zu halten, mit der noch jede der inzwischen 88 Protestwanderungen begonnen hat.
"Ostern - das heißt Aufstand des Lebens über den Tod, Aufstand der Liebe über den Hass. Leben und Liebe kann man nicht herbeibomben, aber Tod und Hass", sagte Schirge. Er zitierte aus der Bergpredigt: "Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen", und "Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen" (Matthäus 5).
Als Moderator der Großveranstaltung war es Schirge eine Herzensangelegenheit, Landrat Christian Gilde hervorzuheben und besonders herzlich zu begrüßen. "Schön, dass Sie immer, immer dabei sind", rief er dem in der Menge stehenden Landrat zu.
Fast eine Stunde dauerte es, bis nach der Besinnung der gesamte Zug der Demonstranten den etwa zwei Kilometer entfernten Kundgebungsplatz erreicht hatte. Benedikt Schirge fürchtete um den Zeitplan und drängte Ute Watermann, mit ihrer Rede anzufangen, doch die Sprecherin der Internationalen Vereinigung der Ärzte gegen den Atomkrieg zögerte. Obwohl schon Tausende hinter der Absperrung standen, riss der Strom der nachrückenden Demonstranten nicht ab.
Watermann hielt ein leidenschaftliches Plädoyer ge gen jede Art von Kriegsübungen. "Wir stopfen die Welt voll mit Waffen, liefern unterschiedslos in Konfliktregionen und an Diktaturen", sagte sie und stellte fest: "Dabei geht es doch nicht um Frieden und Demokratie, sondern ums blanke Geschäft."
Dank an die "Freie Heide"
Sie dankte der Bürgerinitiative "Freie Heide" und allen Aktivisten, "dass Sie das nicht mitmachen und dank Ihrer Arbeit der Platz so lange verhindert wurde." Tobias Pflüger von der Informationsstelle Militarisierung * Tübingen haute in dieselbe Kerbe: Er sehe "einen direkten Zusammenhang" zwischen den Plänen für das Bombodrom und der Umwandlung der Bundeswehr in eine Interventionsarmee. "Was hier geübt werden soll, ist Krieg, und wir wollen nicht, dass Krieg ein normales Mittel der Politik wird."
Platzeck steht zur Bundeswehr
Ministerpräsident Matthias Platzeck bekräftigte nochmals seine klare Absage an das Bombodrom, stellte sich aber zur Enttäuschung vieler Demonstranten nicht generell gegen Militäreinsätze. "Ich glaube, dass die Bundesrepublik Deutschland die Bundeswehr braucht."
Die für eine Protestwanderung ungewöhnlich lange Rednerliste (ein gutes Dutzend Politiker stand hinter der Bühne Schlange) forderte bald ihren Tribut. Nach und nach löste sich die Menschenmenge vor der Absperrung auf. Die Wanderer hockten sich zum Picknick ins Gras, schlenderten an den Info- und Souvenirständen entlang oder traten vorzeitig den Rückmarsch an. Als Benedikt Schirge nach gut zwei Stunden Kundgebung sein Schlusswort hielt, waren nur noch einige hundert Demonstranten auf dem großen Platz.
* verbessert
Pressebericht - WDR, 10.04.2004
Düsseldorfer marschieren für Frieden
Demonstration für mehr soziale Gerechtigkeit
Von Rainer Striewski
Auch in Düsseldorf wurde am Samstag (10.04.04) für den Frieden demonstriert. Mehrere hundert Menschen nahmen dort am "Ostermarsch Rheinland" teil. Im Mittelpunkt der Proteste stand die Kritik an der neuen EU-Verfassung und die Forderung nach mehr sozialer Gerechtigkeit.
Es sollte ein verkürzter Ostermarsch in Düsseldorf werden. Kälte und Nieselregen waren die ständigen Begleiter des "Ostermarsch Rheinland" - und bewegten die Veranstalter schließlich dazu, die Marschroute durch die Innenstadt etwas zu verkürzen. Dennoch: Der diesjährige Ostermarsch in der Landeshauptstadt war ein voller Erfolg. Rund 350 Teilnehmer fanden am Samstagnachmittag (10.04.04) den Weg zum Düsseldorfer Bahnhofsvorplatz, um gegen Krieg und Gewalt zu demonstrieren. "
Der Friedensmarsch stand in diesem Jahr unter dem Motto "Abrüstung statt Sozialabbau". Im Mittelpunkt der Kritik stand bei vielen Redner die geplante EU-Verfassung, die Umstrukturierung der Bundeswehr und natürlich der Konflikt im Irak. So verlangte nicht nur Detlef Peikert in seiner Auftaktrede ein Ende der Kämpfe im Irak. Während des Verlaufs des Ostermarsches durch die Düsseldorfer Innenstadt forderten alle Redner ein friedlicheres Europa und eine Neustrukturierung oder gar Abschaffung der Bundeswehr.
So kritisierte Tobias Pflüger, Friedensforscher aus Tübingen, den Einsatz der Bundeswehr im Afghanistan ebenso wie die geplante EU-Verfassung. Diese sei mit dem Grundgesetz nicht vereinbar, deutsche Soldaten dürften nicht willkürlich im Ausland eingesetzt werden. Pflüger forderte vor dem Düsseldorfer Rathaus unter anderem eine Abschaffung der Eingreiftruppe der Bundeswehr - unter dem tosenden Beifall der Ostermarschierer.
Nicht alle waren begeistert
Die Teilnehmer des Ostermarsches konnten die zahlreichen Kommentare Düsseldorfer Passanten der guten Stimmung auch keinen Abbruch leisten. Denn auf ihrem Weg durch die Innenstadt erfuhren die Ostermarschierer nicht nur Lob und Beifall. "Ihr seid doch alle arbeitslos, die ihr Zeit habt, für irgendwas zu demonstrieren", schallte es dem Demonstrationszug aus einem geöffneten Fenster entgegen. Und ein anderer Passant meinte sogar, die marschierende Menge mit Bewegungen aus dem Dritten Reich vergleichen zu müssen.
Trotz Regen: 1.000 Menschen kamen nach Düsseldorf
Doch konnte die Teilnehmer des Ostermarsches auch diese Kritik nicht aus der Ruhe bringen. Man müsse schließlich etwas für den Frieden tun, ist sich Andrea Roden aus Erkrath sicher. Zusammen mit ihrem Mann Gerhard nimmt sie regelmäßig an Ostermärschen teil. In diesem Jahr ist sie zum ersten Mal in Düsseldorf mit dabei. "Ich finde es überwältigend, wie viele Menschen den Weg hierher gefunden haben, trotz Kälte und Regen", freut sich Andrea Roden. Und im nächsten Jahr? Da wird sie sicher wieder dabei sein, um gegen Krieg und Gewalt in der Welt zu demonstrieren.
Pressebericht - Märkische Allgemeine 10.04.2004
3000 Blumen für die freie Heide
PFLANZAKTION BEI FRETZDORF / MORGEN OSTERMARSCH MIT MATTHIAS PLATZECK
KATHRIN GOTTWALD
FRETZDORF Freie-Heide-Aktivisten haben gestern auf dem Kundgebungsplatz des Ostermarsches bei Fretzdorf 3000 Stiefmütterchen gepflanzt. So entstand ein 25 mal drei Meter großer gelber Schriftzug "Freie Heide" - das Feld für den Ostermarsch am Sonntag ist bestellt.
Die Bürgerinitiative "Freie Heide" rechnet diesmal mit bis zu 10 000 Teilnehmern. Die Initiative organisiert seit 1992 Protestwanderungen gegen das Bombodrom in der Kyritz-Ruppiner Heide mit bisher 200 000 Teilnehmern, so Sprecher Benedikt Schirge. Höhepunkte waren stets die Ostermärsche, die seit 1993 von Fretzdorf zur Schießplatzgrenze stattfinden.
Das wird - nicht zuletzt wegen der prominenten Gäste - wohl auch so bleiben. Ministerpräsident Matthias Platzeck hat sich als Mitmarschierer ebenso angesagt wie der stellvertretende Regierende Bürgermeister und Wirtschaftssenator von Berlin, Harald Wolf. Das Motto des diesjährigen Ostermarsches stammt aus der Neujahrsansprache von Bundespräsident Johannes Rau: "Frieden kommt nicht mit Gewalt."
Der Ostermarsch beginnt um 14 Uhr mit Musik und Besinnung an der Kirche Fretzdorf. Ab zirka 14.30 Uhr wandern die Teilnehmer von dort zur Bombodrom-Grenze, wo um 15 Uhr die Kundgebung beginnt. Sprecher sind unter anderem Tobias Pflüger von der Informationsstelle Militarisierung * Tübungen und Ute Watermann von der Internationalen Vereinigung der Ärzte gegen den Atomkrieg. Zum Programm gehören das auch Spielmobil für Kinder und Stände. Dazu zählt auch das Freie-Heide-Postamt, bei dem man Briefe zum Bombodrom an Politiker abliefern kann.
Radfahrer sind eingeladen, sich an einer Sternfahrt zur Kundgebung zu beteiligen. Starts sind um 11.30 Uhr an der Kirche Fretzdorf, um 11.30 Uhr in der Ortsmitte von Neu Lutterow und um 12 Uhr an der Kirche Rägelin.
* verbessert
Pressebericht - in: junge Welt vom 07.04.2004
Ostermarsch 2004 in Berlin: Keine Demonstration in der Stadt?
jW fragte Laura von Wimmersperg, Sprecherin der Friedenskoordination Berlin - Interview: Arnold Schölzel
F: Die Berliner Zeitung mokierte sich am Dienstag unter der Überschrift »Gelangweilt vom Marschieren« über die geplanten Aktionen der Ostermarschbewegung in Berlin. Was ist vorgesehen?
Es ist richtig, daß wir diesmal keinen Marsch durch die Stadt machen, weil wir in den letzten Wochen vier verhältnismäßig große und einen ganz großen Demonstrationszug hatten. Wir denken, daß eine festliche Ostermarschkundgebung in diesem Fall mehr anspricht und haben daher zwischen Neptunbrunnen und Marienkirche ein Fest vorgesehen, eine Kundgebung mit festlichem Charakter.
F: Wie wird das Fest ablaufen, wer nimmt daran teil?
Wir haben uns bereits im vorigen Jahr ein Konzept überlegt, um Migranten-Gruppen stärker in die Friedensarbeit mit einzubeziehen, und möchten, daß solche Gruppen nicht nur mit Folklore auftreten, sondern sich auch politisch äußern. Nach unserer Ansicht ist der Ostermarsch dafür ein geeigneter Ort.
F: In der geplanten Podiumsdiskussion steht die EU-Verfassung im Mittelpunkt. Warum?
Wir finden, daß viel zu wenig über diese EU-Verfassung diskutiert und gesprochen wird, viele Menschen unzureichend informiert sind. Die Verfassung soll die Militarisierung der EU, die Pflicht zur Aufrüstung und zu Rüstungsforschung festschreiben. Sie stellt völlig auf ein neoliberales Europa ab. Bereits auf den Protestkundgebungen der vergangenen Wochen haben wir betont, daß eben die mit dem Neoliberalismus verbundenen wirtschaftlichen Entwicklungen sowie Aufrüstung und Kriegspolitik zwei Seiten einer Medaille sind. Genau das schlägt sich in dieser Verfassung nieder.
F: Das Motto der Kundgebung lautet »Abrüstung statt Sozialabbau«. Verstehen Sie die Kundgebung als Fortsetzung der Demonstrationen vom 3. April?
Wir haben große Schwierigkeiten gehabt, in der Bewegung gegen die »agenda 2010« diesen Gedanken zu verankern. Das kann Bequemlichkeit oder Opportunismus, das kann aber auch Ahnungslosigkeit sein. Für uns gehört das, solange wir in der Friedensbewegung arbeiten, aufs engste zusammen. Aus diesem Grund wollen wir gerade jetzt, da es so stark um Sozialabbau geht, immer wieder das Augenmerk darauf lenken. Wir sagen nicht, wenn die Rüstung nicht wäre, dann hätten wir mehr Geld. Das ist zu kurzschlüssig. Aber wir heben hervor, daß die heutige Wirtschaftspolitik auch Kriege produziert und Kriege braucht, daß Märkte und Rohstoffe auf gewaltsame Weise angeeignet werden müssen. Das sind Zusammenhänge, die wir anderen Menschen gern bewußt machen wollen. Wir sind nicht gegen eine EU-Verfassung, aber gegen diese.
Für wichtig halte ich auch, daß die Podiumsdiskussion international besetzt ist. Vertreten sind Polen und Italien, zwei Teilnehmer sind nicht aus Europa, dazu Tobias Pflüger als Bundesdeutscher.
F: Welche Ostermarsch-Aktivitäten gibt es noch in der Region?
Es gibt wirklich sehr viel. Ein Ostermarsch hat schon am vergangenen Sonntag stattgefunden, nämlich zum Einsatzführungskommando der Bundeswehr in Potsdam-Geltow. Am Montag findet der Ostermarsch gegen das Bombodrom Wittstock nach Fretzdorf statt, der voraussichtlich viele Menschen anziehen wird.
F: Was sagen Sie, wenn es dazu heißt »Gelangweilt vom Marschieren«?
Das ist unerfreulich. Ich denke, wenn Journalisten nicht mit uns gesprochen haben, dann saugen sie sich irgend etwas aus den Fingern. Vielleicht glauben sie, einer Tendenz folgen zu müssen, die vor allem eins will: Das Publikum von diesen politischen Aktivitäten ablenken. Dazu gehört, daß wir immer wieder gefragt werden, ob der Ostermarsch überhaupt noch aktuell ist. Die nächste Frage ist dann bei entsprechender Gelegenheit: Wo ist die Friedensbewegung? Man möchte uns gern als Feigenblatt der Nation benutzen und fordert uns auch auf, es zu sein. Wir sind es aber nicht. Es gibt in dieser Stadt viele friedenspolitisch bewußte Menschen, die nehmen an den Aktivitäten der Friedensbewegung teil. Sie werden sich auch nicht von solchem Schwachsinn wie in der Berliner Zeitung ablenken lassen.
* Ostermarsch-Kundgebung in Berlin am 12. April (Ostermontag) ab 14 Uhr zwischen Neptunbrunnen und Marienkirche in Berlin-Mitte
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Original-URL: http://www.jungewelt.de/2004/04-07/020.php
Pressebericht - in: Neues Deutschland, 06.04.04
Beim Ostermarsch wird diesmal nicht marschiert
Stattdessen gibt es eine »festliche Kundgebung«
Von Andreas Heinz
Die Friedenskoordination ist sich der Problematik bewusst, doch die Verantwortlichen entschieden sich dafür, den traditionellen Ostermarsch diesmal ausfallen zu lassen: »Bevor wir in dem riesigen Demonstrationspaket verschwinden, verzichten wir lieber auf den Marsch.« Stattdessen werde es am Ostermontag zwischen 14 und 18 Uhr eine »festliche Kundgebung« auf dem Alexanderplatz zwischen Neptunbrunnen und Marienkirche geben, teilte Sprecherin Laura von Wimmersperg bei der Vorstellung des Programms gestern mit.
Zu der bescheideneren Lösung »Diskutieren statt marschieren« habe man sich entschlossen, um die Menschen nicht mit noch einer Demonstration zu überfrachten und damit zu überfordern, machte Wimmersperg deutlich. Ganz weglassen wollte man die Veranstaltung aber auch nicht, »obwohl wir wissen, dass die Berliner Ostern die Stadt verlassen«. Mehr könne sich die Friedenskoordination auch finanziell nicht mehr leisten, da »unser Geld für die Teilnahme an anderen Demonstrationen verbraucht wurde«.
Im Mittelpunkt der Kundgebung am 12.April stehe eine Podiumsdiskussion. Gäste aus Italien, Polen, Iran, Lateinamerika und Deutschland werden laut Wimmersperg zum Thema »Die europäische Verfassung mit Verpflichtung zur Militarisierung und ihre Auswirkung weltweit« Stellung nehmen. »Nach unserer Meinung ist diese so genannte Europa-Verfassung verfassungswidrig. Sie wird auch Auswirkungen auf außereuropäische Länder haben«, so die Sprecherin der Friedenskoordination weiter.
»Europa soll zur Führung von Angriffskriegen ermächtigt werden. Aufrüstung wird demnach zur Pflicht. Das wollen wir verhindern«, heißt es in einem Aufruf der Friedenskoordination. Zu der Diskussionsrunde wird auch Tobias Pflüger, Leiter der Informationsstelle Militarisierung in Tübingen und PDS-Kandidat für das Europaparlament, erwartet.
Neben dem politischen »Herzstück« soll die Osterkundgebung eine Demonstration dafür sein, dass viele Menschen verschiedener Nationen in Berlin friedlich zusammenleben. Deshalb werden viele internationale Musiker erwartet, teilte Jutta Kausch von »Künstlerinnen und Künstler gegen den Krieg« mit. Mit afrikanischen Klängen kommt die Band »Ketewa« (Die Kleinen) und dem Musiker und Sänger Mark Kofi Asamoah aus Ghana. Mit dabei sind auch der kubanische Tänzer und Sänger Joaquin La Habana, »Die Bösen MädCHEn«, die Akustik-Folk-Punk-Combo »Der singende Tresen«, der Musiker Manfred Maurenbrecher, die Jugend- und Frauentanzgruppe der griechischen Gemeinde und die Tanzgruppe »Al-Hula« der palästinensischen Gemeinde Berlin.
An Ständen gibt es Informationen und Essbares aus verschiedenen Ländern, so aus Italien, Griechenland, Irak und Palästina.
Weitere Infos im Internet: www.friko-berlin.de
Pressebericht - in: Märkische Allgemeine, 05.04.2004
Auch Landessynode gegen Bombodrom
Platzeck kommt zum Ostermarsch
FRETZDORF/LINOW - In diesem Jahr will er wieder dabei sein: Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck hat sich zum Ostermarsch gegen das Bombodrom angemeldet. Es wird die 12. Osterwanderung der Bürgerinitiative Freie Heide gegen den geplanten Schießplatz in der Kyritz-Ruppiner Heide sein und ihre 88. Protestwanderung. Dazu aufgerufen haben auch die Bürgerinitiativen Freier Himmel und Pro Heide sowie der evangelische Kirchenkreis Wittstock-Ruppin.
Am Freitagabend bereitete die Bürgerinitiative in Fretzdorf die Großkundgebung vor. Diese beginnt am Ostersonntag um 14 Uhr in Fretzdorf. Nach Musik von Tobias Burger, der Begrüßung und einer geistlichen Besinnung wandern die Demonstranten um 14.30 Uhr zur Bombodromgrenze. Ihre Kundgebung dort um 15 Uhr soll "unübersehbar" und "unüberhörbar" werden. Als Redner stehen Ute Watermann, Tobias Pflüger, Matthias Platzeck und Vertreter der Initiativen Freier Himmel und Pro Heide auf der Liste. Dazwischen gibt es Musik von Olaf Maske. Damit es den Kindern bei soviel Gerede nicht langweilig wird, kommt auch das Spielmobil.
Die Bürgerinitiative Freie Heide teilt mit, sie erwarte mit Spannung neue Mitteilungen des Ministerpräsidenten. Platzeck war als Umweltminister früher mitmarschiert, hatte sich aber als Ministerpräsident der großen Koalition aber nicht mehr blicken lassen.
"Nachdem in der vergangenen Woche die Brandenburger Koalition gegen die militärische Nutzung der Heide gestimmt hat, sind nun Taten gefragt", so die Freie Heide. Der Brandenburger Landtag habe bereits von 1992 bis 1998 eine ablehnende Haltung gegenüber der militärischen Planung vertreten. Die Landesregierung habe aber "nichts Abrechenbares" unternommen, so die Freie Heide. Sie fordert deshalb eine offizielle Revidierung durch die Landesregierung und die Aufgabe des Militärvorhabens durch die Bundesregierung noch vor den Wahlen: "Wenn die Bundesregierung gegen Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg handelt, wird sie weiteren Boden unter den Füßen verlieren."
Am Sonnabend beschäftigte sich auch die evangelische Kirche mit dem Bombodrom. Der Ausschuss für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung tagte deshalb in Linow. Auch er lehnt den Schießplatz ab und weist darauf hin, dass sich die Landessynode bereits 1992 mit großer Mehrheit gegen das Bombodrom ausgesprochen habe. ck
Pressebericht - in: epd, 05.04.2004
Platzeck bei Protestwanderung gegen Bombodrom am Ostersonntag
Wittstock (epd). An der zwölften Oster-Protestwanderung der Bürgerinitiative "Freie Heide" gegen das Bombodrom am kommenden Sonntag will auch Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) teilnehmen. Nach einer Wanderung von Fretzdorf (ab 14 Uhr) zur Grenze des Truppenübungsgeländes solle auf einer Kundgebung der Forderung nach einem Aus für die Militärpläne des Bundes Nachdruck verliehen werden, teilte die Bürgerinitiative am Sonntag mit. Als Redner würden neben dem Regierungschef auch die Sprecherin der Ärzteorganisation IPPNW Deutschland, Ute Watermann, sowie Tobias Pflüger vom Institut für Friedensforschung in Tübingen erwartet.
Die Synode des evangelischen Kirchenkreises Wittstock-Ruppin hat einer Mitteilung der Bürgerinitiative zufolge das Parlament der Landeskirche am Wochenende um einen aktuellen Beschluss zum Bombodrom gebeten. Die Landessynode soll sich auf ihrer Tagung Ende April bei Bundesregierung und Bundestag gegen die Wiederinbetriebnahme des früheren sowjetischen Tuppenübungsplatzes durch die Bundeswehr einsetzen.
Der Landes-Synodalausschuss für Frieden Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung hatte sich am Sonnabend auf einer Sitzung in Linow (Landkreis Ostprignitz-Ruppin) im Gespräch mit Vertretern der Bürgerinitiative über die derzeitige Situation in der Kyritz-Ruppiner Heide informiert. Der Ausschuss werde das Anliegen der Kreissynode unterstützen, hieß es. (05.04.2004)
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Kurze Anmerkung: Eine kleine (Google-)Recherche würde ja dem/der Vertreter/in des epd schon gut anstehen, dann wäre sofort klar, dass ich nicht beim "Institut für Friedensforschung" angesiedelt bin.
Ein "Institut für Friedensforschung" mit genau diesem Namen gibt es auch überhaupt nicht, es gibt die Abteilung II des Institutes für Politikwissenschaft an der Universität Tübingen - "Internationale Beziehungen/Friedens- und Konfliktforschung" und es gibt das Institut für Friedenspädagogik und eben die Informationsstelle Militarisierung (IMI) e.V.)
Pressebericht - in: Schwäbisches Tagblatt, 05.04.2004
Hoffen auf eine Volksbewegung
Viele Tübinger unter den 140000 Kundgebungsteilnehmern in Stuttgart
Eine gewaltige Menschenmenge, bei der von Jugendlichen bis Rentnern alle Altersgruppen nahezu gleichmäßig vertreten waren, setzte sich um 11 Uhr von den Sammelpunkten aus zu einem Sternmarsch in Bewegung. Für die Tübinger Teilnehmer diente die Liederhalle als Ausgangspunkt, und bereits auf den Zufahrtswegen dorthin stauten sich viele Busse. Nicht alle schafften es, pünktlich in die Stadt zu kommen. 1200 Busse aus ganz Baden-Württemberg und den benachbarten Bundesländern waren vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB), von Attac, Sozialverbänden und anderen Kritikern der gegenwärtigen Politik von Bundesregierung und CDU/FDP-Opposition gechartert worden, viele blieben zunächst im Stau vor den Toren der Landeshauptstadt stecken. Zahlreiche Demonstranten, darunter viele Senior(inn)en kamen aus Reutlingen und dem Zollernalbkreis. Insgesamt, schätzt Rolf Zabka vom DGB, stammen 2100 Teilnehmer(innen) aus der Region Tübingen und Neckaralb.
In Stuttgart wurde das Warten auf die Nachzügler von der Band "Fool\'s Garden" überbrückt, bis es gegen 13 Uhr dann mit der zentralen Kundgebung losging. Als Hauptredner wetterte der Verdi-Bundesvorsitzende Frank Bsirske gegen die Agenda 2010 der Bundesregierung, die "keine Lösungen bietet, sondern Teil des Problems ist". Noch schlimmer fand Bsirske das Wechselspiel zwischen den Vorschlägen der Opposition und den Wirtschaftsfunktionären, das unter dem Motto "Wir haben noch lange nicht genug umverteilt, jetzt geht es erst richtig los" stehe. Vier Forderungen richtete Bsirske an die Politik: Arbeit dürfe nicht arm machen, die gesetzliche Rente müsse auskömmlich sein, das Bildungssystem müsse ohne Klassenschranken offen sein für lebenslanges Lernen und die starken Schultern in der Gesellschaft müssten mehr Lasten tragen als die schwächeren.
"Das kann der Beginn einer wirklichen Volksbewegung für soziale Gerechtigkeit werden", hofft der Verdi-Chef. Eine Hoffnung, der auch die Tübinger Demonstrationsteilnehmer applaudierten. Viele waren auf eigene Faust angereist. "Das kann so einfach nicht weitergehen, dass immer die kleinen Leute zur Kasse gebeten werden und die Bosse immer weniger Steuern zahlen", fand die Mutter einer fünfköpfigen Familie aus Tübingen, die mit dem Zug und einem eigenen Plakat gegen Sozialabbau nach Stuttgart gekommen war.
Volker Harms, altgedienter GEW-Gewerkschafter aus Tübingen, freute sich über die "klare Position, die die Gewerkschaften eingenommen haben". Er findet es "moralisch schäbig, wie gerade die besonders hart rangenommen werden, die persönlich eh schon schlecht dran sind". Aus dem Dilemma, dass die Opposition noch viel radikaler in diese Richtung tendiere, zieht er für sich den Schluss: "Man könnte ja auch mal links wählen." Sollte es damit politisch nicht zu einer Regierungsmehrheit reichen, sei außerparlamentarische Opposition oder Oppositionspolitik im Parlament eine Alternative.
Eine Meinung, die auch Tobias Pflüger teilt. Der PDS-Kandidat für die Europawahl hat sich über Bsirskes Rede geärgert. "Wer regiert gerade eigentlich", habe er sich bei dessen Argumenten gefragt, die sich in erster Linie gegen die Opposition gerichtet hätten. Viel deutlicher hätte nach seinem Geschmack die Regierungspolitik kritisiert werden müssen - eine Position, die er bei den Rednern von kirchlichen Gruppen viel deutlicher wiedergefunden habe.
Quelle: http://www.tagblatt.de/?artikel_id=34
Pressebericht - in: Leipziger Volkszeitung, 1.4.2004
Statt Debatte zur Bundeswehr gab es einen Vortrag
Ein Forum zur neuen Rolle und Stellung der Bundeswehr sollte vorgestern Abend in Geithain stattfinden. Zu einem Streitgespräch kam es allerdings nicht. Hochkarätiger Gast der vom PDS-Ortsverband Geithain organisierten Veranstaltung war der Tübinger Politikwissenschaftler Tobias Pflüger.
PDS-Ortsverbandsvorsitzender Bernd Gnant hatte im Vorfeld des Gelöbnisses von Bundeswehr-Rekruten Anfang März in Geithain in unserer Zeitung eine heftige Diskussion zur Rolle der Bundeswehr ausgelöst. Damit sie weiter geführt werden kann, wollte er ein Forum organisieren, auf dem die Vertreter der verschiedenen Ansichten Gelegenheit gehabt hätten, zu debattieren. Dem Ortsverband gelang es jedoch nicht, einen Vertreter der Leipziger General-Olbricht-Kaserne, zu der auch Geithains Pateneinheit gehört, als Diskussionspartner zu gewinnen. Somit blieb das erklärte Ziel, verschiedene Auffassungen gegeneinander zu stellen, unerreicht.
"Soldaten nehmen in Uniform nicht an politischen Versammlungen teil, egal von welcher Partei", bestätigte gestern auf LVZ-Nachfrage Uwe Kort, Pressesprecher der Leipziger Division.
Tobias Pflüger - seit 24 Jahren in der Friedensarbeit aktiv und Kandidat der PDS zur Europawahl - vertrat die Ansicht, dass sich die Bundeswehr in Deutschland derzeit von einer Verteidigungs- zur Interventionsarmee entwickele. Als Beleg zitierte er aus den verteidigungspolitischen Richtlinien, die Verteidigungsminister Peter Struck im Mai 2003 erließ. Laut Grundgesetz stellt der Bund Streitkräfte zur Verteidigung auf. Verteidigung werde in den Richtlinien neu definiert, so Pflüger. So heißt es dort unter anderem: "Dementsprechend lässt sich Verteidigung geografisch nicht mehr eingrenzen, sondern trägt zur Wahrung unserer Sicherheit bei, wo immer diese gefährdet ist."
Viele im Publikum bekräftigten Pflügers Auffassung. "Jeder Krieg ist mit einer Lüge begonnen worden", erklärte Günter Bauer aus Kohren-Sahlis. Die Armee diene der Verteidigung. Doch Deutschland sei nur von befreundeten Ländern umgeben. "Mit Krieg kann man keinen Terrorismus beseitigen, man muss die Ursachen bekämpfen", meinte Werner Löffler. Die Bundeswehr solle weder nach außen noch innen eingesetzt werden, sie gehöre abgeschafft, forderte Werner Juhlemann.
Inge Engelhardt/Leipziger Volkszeitung /Geithain
in: Neues Deutschland, 31.03.2004
Struck will mobile Bundeswehr
Rüstungspläne mit BDI abgestimmt/Union klagt über »gezielte Täuschung«
Berlin (ND-Dümde). Die Einsatzfähigkeit der Bundeswehr für die wahrscheinlichsten Einsätze ? Konfliktverhütung und Krisenbewältigung einschließlich Kampf gegen den internationalen Terrorismus ? wird konsequent und nachhaltig erhöht, betonte Verteidigungsminister Peter Struck (SPD) am Dienstag in Berlin. Einen Tag vor einer Information des Verteidigungs- und des Haushaltsausschusses des Bundestages durch den Minister sprach er vor der Presse über die Material- und Ausrüstungsplanung sowie weitere Aspekte der Entwicklung der Bundeswehr.
Das Konzept einer »Transformation als Antwort auf neue Herausforderungen« sehe eine Bundeswehr mit 250000 Soldaten und 75000 Zivilkräften im Jahr 2010 vor, die nach neuen Kategorien in Eingreif-, Stabilisierungs- und Unterstützungskräfte gegliedert ist. Eine neue Einsatzsystematik löse sich vom bisherigen Denken in Kontingenten und erfordere stattdessen die Bereitstellung spezifischer Fähigkeiten für bestimmte, wechselnde Zeiträume. Die »Stehzeit« im Einsatz werde künftig grundsätzlich auf vier Monate festgelegt; die Einsatzfrequenz soll flexibler geregelt werden. Ausgehend vom verringerten Umfang der Bundeswehr und ihren veränderten Strukturen soll ein neues Stationierungskonzept ausgearbeitet werden.
Das für die »neue Bundeswehr« festgelegte Fähigkeitsprofil mache eine Neuorientierung auch bei den Rüstungsvorhaben notwendig, sagte Struck. Sie sei in Zusammenarbeit mit den Rüstungsunternehmen und dem BDI vorgenommen worden und solle auch »wehrtechnische Kernfähigkeiten« sichern.
Struck hält an Rüstungsplänen im Umfang von Dutzenden Milliarden Euro fest, darunter 180 »Eurofighter«-Kampfjets. Gestrichene Vorhaben von 26 Milliarden Euro nannte er »Luftblasen«, die nun »aufgestochen« werden. Der verteidigungspolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Christian Schmidt, warf Struck vor, er habe ohne sichere Haushaltszahlen eine »Beruhigungspille für Bundeswehr und Rüstungsindustrie« vorgelegt. Sein Fraktionskollege Dietrich Austermann bezichtigte ihn der »bewussten Täuschung der Öffentlichkeit«.
Tobias Pflüger, parteiloser Kandidat der PDS zur Europawahl, nannte Strucks Rüstungszusagen einen »sozialpolitischen Skandal«. Beim Protesttag gegen Sozialabbau am kommenden Sonnabend sei es angesichts dessen um so wichtiger, »den Zusammenhang zwischen Aufrüstung und Militarisierung einerseits und Sozialabbau andererseits deutlich zu machen«.
Struck ging während der Pressekonferenz auch auf Forderungen der Union nach einem Einsatz der Bundeswehr im Inneren ein. »Die Bundeswehr ist keine Hilfspolizei«, betonte er. Wenn sie im Katastrophenfalle und bei Terrorangriffen gebraucht werde, weil nur sie über spezielle Fähigkeiten verfüge, könne sie schon nach der heutigen Gesetzeslage die nötige Amts- oder Nothilfe leisten. Eine gesetzliche Klarstellung auch im Grundgesetz hält Struck für wünschenswert. Auf Fragen schloss er ein erweitertes Mandat für den Bundeswehreinsatz in Afghanistan aus.
"Mutter aller Bomben" vorm Dom
Ein Künstler erinnert vor dem Kölner Dom an den Beginn des Irak-Kriegs vor einem Jahr.
Nur rund 100 Friedensaktivisten kommen zu der Kundgebung mit Reden und Musik
KÖLN taz Als am 20. März 2003 die ersten Bomben auf den Irak fielen, protestierten in Köln tausende Menschen gegen den Krieg der USA und deren Alliierten. Genau ein Jahr später, am vergangenen Samstag, waren es - so die Polizei - knapp 100, die sich friedlich auf dem Roncalliplatz zu einer Friedenskundgebung zusammen fanden. Der Anlass: Wie vor einem Jahr sterben, obwohl US-Präsident George W. Bush den Krieg offiziell für beendet erklärt hat, nach wie vor täglich Zivilisten und Soldaten durch Attentate und Militäraktionen.
Aufgerufen zu dem Protest vor dem Römisch-Germanischen Museum hatten Attac, das Aktionsbündnis gegen Krieg und Rassismus, das Kölner Friedensforum, PDS und der türkisch-deutsche Menschenrechtsverein Tüday. "Das Irakische Volk liegt am Boden", mahnte Magid Alkhatib von der irakischen Friedensinitiative in seiner Rede. Die Besatzung müsse beendet werden, das Volk verlange nach "Frieden, Ruhe, Freiheit und Brot". Tobias Pflüger von der Informationsstelle Militarisierung bezeichnete die Besatzung als Verbrechen und forderte den sofortigen Rückzug aller ausländischen Truppen. Es habe sich herausgestellt, dass es im Irak keine Massenvernichtungswaffen gebe, das Argument der Friedensbewegung sei inzwischen also Allgemeingut. Über den Weg der UNO müsse die Souveränität an eine gewählte irakische Regierung übergehen. "Die Deutsche Regierung hat gegen Krieg geredet und alles dafür getan, dass er läuft", verkündete Pflüger. Er rief zu einem Boykott der EU-Konzerne auf, die vom Krieg profitieren, nannte Siemens als Beispiel und verwies auf den Zusammenhang zwischen Aufrüstung und Sozialabbau, die "zwei Seiten einer Medaille" seien.
Thies Gleiss von den Gewerkschaftern mit BISS forderte abschließend, es müsse verhindert werden, dass Deutschland eine neue Rolle in der internationalen Kriegspolitik spielt: "Wir müssen den Druck der Straße erzeugen, um diese Regierung abzuwählen." Musikalisch umrahmt wurden die Redebeiträge von den "Magic Street Voices" und Rolli Brings.
Einen satirisch-bitteren Protest gegen den "US-Imperialismus" hatte sich der in Aachen lebende irakische Künstler Mohammed Ahmed ausgedacht und vor dem Dom die "Mutter aller Bomben" aufgebaut: 900 Cola-Dosen, aufgetürmt zu einer drei Meter hohen Plastik in Form einer Bombe. Jede Dose stand für einen im Krieg verstorbenen Menschen. Gleichzeitig waren die gelb bemalten Dosen eine Anspielung auf die im Krieg verwendeten Streubomben.
Oliver Minck
taz Köln Nr. 7315 vom 22.3.2004, Seite 1, 87 TAZ-Bericht Oliver Minck
Pressebericht - in: Bezirksbühne, Zeitung der PDS Charlottenburg-Wilmersburg
Schröder und Fischer nicht besser als Bush und Blair
Fragen an Tobias Pflüger zum Irak-Krieg ein Jahr danach. Und zu den zwei Seiten der sozialen Medaille
Tobias Pflüger, parteiloser Friedensforscher, kandidiert auf Listenplatz 4 der PDS-Liste für die Wahlen zum Europaparlament
Irakkrieg, Genfer Konvention, Guantanamo... Ist die USA-Regierung überhaupt willens mit der Weltgemeinschaft auf Basis des Völkerrechts zu kooperieren?
Die derzeitige US-Regierung gebärdet sich offen als einzige Weltmacht - und das ist nachlesbar in der National Security Strategy (NSS) - sie nehmen sich heraus, auf ihren Verdacht hin, Krieg gegen andere Staaten zu führen. Das sogenannte Präventivkriegskonzept ist das schlimmste Element der Bush-Politik. Eine US-Regierung unter John Kerry würde dies nur leicht abschwächen, es würde wieder mehr "abgesprochen" werden, wann gegen wen Krieg geführt werden wird.
Einseitige Kriegsenderklärung durch die USA; ständige Meldungen über Attentate, tote Zivilisten und Soldaten. Ist ein Ende des Krieges absehbar?
Der Krieg im Irak wird leider noch sehr lange dauern. Die Bombenphase wurde durch die Besatzungsphase abgelöst - diese scheint noch tödlicher zu sein, für die Besatzer aber auch für die Zivilbevölkerung (vgl. http://www.occupationwatch.org). Eine Voraussetzung für das Ende des Krieges ist ein sofortiges Ende der Besatzung durch die alliierten Truppen und die Übergabe an eine gewählte irakische Regierung.
Der Krieg gegen den Irak war unrechtmäßig, die Besatzung des Irak ist es auch. Mich ärgert besonders, dass die deutsche Regierung alle UN-Resolutionen, die eine Zementierung und Legalisierung der Besatzung bestätigen, unterstützt hat: U. a. dass die Hoheit über den Irak an eine irakische Regierung gegeben werden soll, "so bald, wie dies machbar ist." Wann dies sein soll, steht allerdings in den Sternen.
Nun sieht es sogar danach aus, dass auch deutsche Soldaten involviert sein werden: In den Stäben der derzeit diskutierten NATO-Korps für den Irak, dem Allied Rapid Reaction Corps (ARRC) aus Mönchengladbach und des deutsch-niederländischen Korps aus Münster sitzen sehr viele deutsche Soldaten. Schröder setzt damit seine bisherige Linie fort: Gegen den Irak-Krieg reden und alles dafür tun, damit er funktioniert.
Pulverfass Naher Osten: Palästina-Konflikt, vermeintliche Schurkenstaaten... Sind die USA und die EU noch ernstzunehmende Vermittler?
Nein, sowohl die USA als auch die EU sind nicht Vermittler, sondern agieren fast nur nach ihren eigenen geopolitischen Interessen. Am offensichtlichsten wurde das bei den gescheiterten WTO-Verhandlungen im mexikanischen Cancun. Dort haben EU, USA und Japan mit ihrem Einfluss in den WTO-Gremien gemeinsam ihre Handelsvorstellungen gegen die sogenannten Entwicklungsländer versucht brutal durchzusetzen.
In Bezug auf den Konflikt Israel/Palästina sind sowohl die derzeitige US-Regierung als auch innerhalb der EU insbesondere die rot-grüne deutsche Regierung - und dort vor allem Joschka Fischer - diejenigen, die die israelische Regierung unter Ariel Scharon immer wieder bei ihrer brutalen Besatzungspolitik stützen. Auf Initiative der UN-Vollversammlung war jetzt die Anhörung zur israelischen Trennungsmauer in palästinensischem Gebiet beim internationalen Gerichtshof in Den Haag. Die deutsche Regierung behauptete, dass allein die Anhörung über die Trennungsmauer die Umsetzung der Road Map gefährde.
Nur alle wissen, das Gegenteil ist der Fall: Mit der Trennungsmauer wird es keine Road Map mehr geben. Damit stützt die deutsche Regierung den Mauerbau in Palästina. Und sie arbeitete gegen das Recht der UN-Vollversammlung, den internationalen Gerichtshof anzurufen, um eine (unverbindliche!) juristische Stellungnahme zu erbitten. Selbst dieses Recht wird nun der UN-Vollversammlung von den reichen und einflussreichen Staaten abgesprochen, allen voran von den USA und Deutschland.
Setzen sich Schröder und Fischer mit ihren Vorstellungen von europäischer Sicherheit und Terrorismusbekämpfung entscheidend von Bush und Blair ab?
Nein. Es gibt Unterschiede, diese sind aber inzwischen rein quantitativer Natur. Die Bundeswehr wird weiter zur Interventionsarmee umstrukturiert. Die Verteidigungspolitischen Richtlinien schaffen dazu die strategischen Voraussetzungen. Wenn ich die verabschiedete Europäische Sicherheitsstrategie (ESS) lese, dann ist diese offensichtlich an der NSS angelehnt, unterscheidet sich nur im Duktus. Aber: "Bei den neuen Bedrohungen wird die erste Verteidigungslinie oftmals im Ausland liegen." Das ist nichts anderes als wenig verklausuliert das aus der National Security Strategy der USA bekannte "Präventivkriegskonzept", nur diesmal für die EU.
Hat die Friedensbewegung gemeinsam mit den welt- und europaweiten sozialen Bündnissen eine Chance gegen Militarisierung und ihre sozialen Folgen?
Ja, natürlich. Das Wissen um die Kriegslügen des Irakkrieges sind inzwischen Allgemeingut. Warum der Krieg geführt wurde, wissen auch alle: Es ging um Neuordnung der Region und um Zugang zu Öl. Der Hauptansatz von Friedens-, Antikriegs- und globalisierungskritischer Bewegung weltweit muss es sein, zuerst gegen das Agieren der eigenen Regierung und dann gegen das Agieren aller westlichen Regierungen politisch vorzugehen.
Die inhaltliche Hauptaufgabe hierzulande muss es meiner Ansicht nach sein, den Zusammenhang deutlich zu machen: Das Sozialabbauprogramm Agenda 2010 habe, so sagte Schröder 2003, direkt etwas zu tun mit dem, was er "Emanzipation Europas" nennt, sprich der Herausbildung einer Militärmacht Europäische Union: Sozialabbau und Militarisierung, neoliberale und neoimperiale Politik sind also zwei Seiten einer Medaille. Die Aktionstage am 20. März, 2./3. April und am 9. Mai sollten dies deutlich machen.
Wir müssen eine grundlegend andere Politik einfordern, eine, die sich nicht gemein macht mit dieser falschen, die auf Kosten der Menschen im Süden geht.
in: "Neues von der Konkurrenz" von der CDU, Februar 2004
Die CDU schreibt in ihrem internen Blättchen "Neues von der Konkurrenz", Februar 2004, Hrsg.: CDU-Bundesgeschäftsstelle, Stabsstelle Strategische Planung / Wahlkämpfe
PDS-Europaparteitag
Auch die PDS beschäftigte sich bei ihrem Berliner Parteitag am 31. 1 und 1. 2. mit der bevorstehenden Europawahl. Während die Debatte um das Wahlprogramm unspektakulär verlief, kam es bei der Aufstellung der Wahlliste zu mehreren Kampfkandidaturen. So konnte sich etwa die ehemalige PDS-Vorsitzende, Gabi Zimmer, bei der Besetzung des dritten Listenplatzes nur knapp gegen die Sprecherin der Kommunistischen Plattform, Sarah Wagenknecht, durchsetzen. Auf Platz eins wählten die Delegierten die weitgehend unbekannte Europaabgeordnete Sylvia-Yvonne Kaufmann. Trotz gegenteiliger Bestrebungen ist es der PDS-Führung nicht gelungen, bekannte Nicht-Parteimitglieder für die offenen Listen zu finden. Der Friedensaktivist Tobias Pflüger (Umfeld von ATTAC) konnte als einziger Kandidat seinen Anspruch auf einen vorderen Listenplatz nur in einer Kampfkandidatur durchsetzen.
Kurze Anmerkung zu: "unbekannte Europaabgeordnete Sylvia-Yvonne Kaufmann". "Bekannt" hat wohl auch etwas mit "auskennen" oder "unbekannt" mit "nicht auskennen" zu tun. Sylvia-Yvonne Kaufmann hat über Jahre hinweg eine gute und solide Arbeit im Europaparlament geleistet. Wer das nicht bemerkte, kennt sich einfach nicht aus mit Europapolitik.
Das Gleiche gilt im übrigen auch für andere Aussagen bzgl. "bekannt".
in: junge Welt vom 01.03.2004
Interview PDS nach Europaparteitag: Gegenwind für »Reformer«?
jW fragte Angelica Williams und Michael Aggelidis vom Geraer Dialog/Sozialistischer Dialog in und bei der PDS
Interview: Arnold Schölzel
* Angelica Williams und Michael Aggelidis sind Mitglieder im BundessprecherInnenrat des Geraer Dialog/Sozialistischer Dialog in und bei der PDS
F: Der Geraer Dialog hat den Chemnitzer Parteitag vom Oktober 2003 das Godesberg der PDS genannt und erklärt, die PDS entwickle sich »weg von einer sozialistischen Partei hin zu einer vagen Linkspartei, die als Ostlobby wirkt und zunehmend neoliberale Positionen transportiert«. Was wollen Linke in einer »vagen Linkspartei«?
Williams: Wir meinen, daß es in der PDS weiterhin ein beachtliches widerständiges Potential gegen die neoliberale Politik gibt, insbesondere an der Basis, aber auch unter den Abgeordneten in den Länder- und Kommunalparlamenten. Dieses Potential wollen wir mobilisieren und stärken. Wir haben in einer umfangreichen Diskussion vor und nach dem Chemnitzer Parteitag den Entwurf eines Aktionsprogramms erarbeitet und diskutieren ihn bis zur nächsten Mitgliederversammlung im Frühjahr mit unseren Mitgliedern und Interessierten. Die wichtigsten Positionen sind der Kampf gegen die Kriegspolitik, gegen den Sozialkahlschlag und insbesondere ein Aufeinanderzugehen der sozialistischen Linken in der BRD. Letzteren beiden Aspekten messen wir strategische Bedeutung zu, weil die neoliberale Politik aller etablierten Parteien, aber auch die neoliberale Politik der PDS in den zwei Länderregierungen, vor allem in Berlin, die Neuformierung einer starken außerparlamentarischen Protestbewegung auf den Plan rufen und daher auch linkssozialistische Positionen deutlicher werden müssen.
F: Hat die Entwicklung in der PDS seit Chemnitz Ihre Bewertung der PDS bestätigt? Wenn ja, wo ist Ihre Schmerzgrenze?
Aggelidis: Der Europaparteitag hat ein gewisses Zeichen für das Hinausschieben der Schmerzgrenze gesetzt, insofern sich Kandidaten wie Sahra Wagenknecht und Tobias Pflüger auf vorderen Plätzen für die Europaliste der PDS durchsetzen konnten. Offensichtlich hatten die Delegierten ein anderes Verständnis von Pluralismus als die Parteiführung. Wichtig wird sein, ob die formulierte Position von »Opposition und Protest« gegen die neue EU-Verfassung und den globalen Sozialabbau glaubwürdig und ohne taktisches Kalkül konsequent vertreten wird. Entscheidend aber wird sein, ob die PDS in Berlin aus dem Kahlschlagsenat rausgeht oder dort weiter neoliberale Politik mitmacht.
Schmerzgrenze heißt für uns: Aufgabe der Positionen der PDS in bezug auf die jetzige Ablehnung der EU-Verfassung und Abrücken von Positionen als antikapitalistische Antikriegspartei. Aber auch eine augenscheinlich beabsichtigte Einschränkung der innerparteilichen Pluralität und der Aktionsmöglichkeiten der unterschiedlichen Strömungen wäre eine Schmerzgrenze.
F: Welche Konsequenzen zieht der Geraer Dialog aus dem Ergebnis des Europawahlparteitages vor vier Wochen in Berlin?
Williams: Eine wichtige Konsequenz ist aus unserer Sicht ein koordiniertes gemeinsames Wirken aller linken antikapitalistischen Kräfte in und bei der PDS. Aber das muß einhergehen mit einer generellen Stärkung der antiimperialistischen und globalisierungskritischen Kräfte. Es geht um gemeinsame Aktionen und auch um eine Verständigung zur Situation der Lohnabhängigen und sozial Ausgegrenzten im entfesselten und kriselnden Kapitalismus. Wir müssen uns über die Aufgaben von Sozialisten und Kommunisten in einer Zeit des sich beschleunigenden Klassenkampfes von oben verständigen. Dazu wird es auch eine Konferenz am 19. Juni in Leipzig geben. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, daß die Kommunistische Plattform, das Marxistische Forum und der Geraer Dialog, die noch auf dem Berliner Sonderparteitag zutage tretenden Differenzen und gegenseitigen Vorbehalte abgebaut und sich angenähert haben.
F: Wie geht es mit dem Geraer Dialog weiter?
Aggelidis: Auf unseren Mitgliederversammlungen im November 2003 und im Januar 2004 haben wir uns über die weitere Arbeit verständigt, einschließlich der nicht unwichtigen Entscheidung: »Wir bleiben«. Für uns wird es entscheidend darauf ankommen, die notwendige Trennschärfe zur PDS-Regierungspolitik deutlich zu machen. Dazu müssen wir in möglichst vielen Landesverbänden und in den Städten vor Ort präsent sein, ein Ziel, das wir bislang nur zum Teil erreicht haben. Ein weiterer Schwerpunkt unserer Arbeit ist die Mitarbeit in den sozialen Bewegungen vor Ort, das Einbringen in die Organisierung von Sozialforen und Bündnissen gegen Sozialkahlschlag.
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Oiginal-URL: http://www.jungewelt.de/2004/03-01/017.php
Thousands protest NATO conference
By John Catalinotto
Some 10,000 people surrounded by 3,500 police demonstrated on Feb. 7 against the NATO Security Conference in Munich, Germany. The demonstrators demanded the "withdrawal of occupation troops from Iraq." They were also protesting the German government`s plans to increase its and other European Union military intervention all over the world, starting in Afghanistan.
Left groups were there, including immigrant groups from Turkey and Kurdistan and working-class organizations from Germany and Austria. So were ATTAC-Germany and some of the more progressive unions and religious organizations.
Talks at the rallies attacked the aggressive war policies of the United States and the European Union, according to the Berlin daily, Junge Welt, of Feb. 9. Anti-militarist Tobias Pflüger of Tübingen, who made one of the major talks, said "the stated military strategy of the European Union is ´together we will struggle for good´, but its true goals are aimed at gaining more power and economic influence to the detriment of the people of the South." A larger role for NATO with participation of the German Armed Forces can be expected in Iraq, he said.
The singer-songwriter Konstantin Wecker received loud applause when he asked soldiers in case of war to "disobey the generals´ orders."
The day before German police had used clubs to attack a group of demonstrators blocking a street near the meeting. Pflüger, who is a candidate of the Party of Democratic Socialism for election to the European Parliament, had his neck injured when police arrested him. In all 259 demonstrators were arrested on Feb. 6, then released the next day at noon.
A few dozen war opponents were able to confront U.S. Secretary of Defense Donald Rumsfeld during his dinner with high-ranking NATO generals. Rumsfeld was defending Washington´s decision last March to go to war on Iraq.
Rumsfeld downplayed differences with the U.S.`s European allies regarding last year`s invasion of Iraq as unimportant. He welcomed the European NATO states´ participation in the so-called "war on terror." German Defense Minister Peter Struck asked that starting in August an international colonial force made up of troops from Germany, France, Spain, Belgium and Luxem bourg be sent to take the lead in the occupation of Afghanistan.
Reprinted from the Feb. 19, 2004, issue of Workers World newspaper
in: junge Welt vom 14.02.2004
»Der Mensch ist die Mitte«
Die PDS hat im Berliner Liebknecht-Haus ihr Europawahlquartier eröffnet
Jana Frielinghaus
Die Demokratischen Sozialisten sind bescheiden geworden. Wenns nicht aus buchhalterischer Notgedrungenheit geschähe, könnte man es sympathisch finden. Während man sich zur Berliner Abgeordnetenhauswahl noch ein geräumiges Glashaus an der Magistrale des Ostens, der Karl-Marx-Allee, gönnte, um den damaligen Spitzenkandidaten Gregor Gysi angemessen präsentieren zu können, nutzt man für EU-Wahlvorbereitung die eigenen Räumlichkeiten. Übern Hof der Parteizentrale in Berlin-Mitte muß man gehen und dann drei Stockwerke hoch durch ein enges Treppenhaus mit grauen Wänden.
Die Stringenz der PDS-Wahlslogans ist derweil unverändert bestechend. André Brie, Europaparlamentarier und wieder einmal Wahlkampfleiter, stellte sich auf die Plattform eines Außenlift-Fahrzeugs und befestigte in luftiger Höhe ein sogenanntes Blow-up (O-Ton Brie) an der Hauswand der Parteizentrale. Das ist der Fachbegriff der Werbebranche für ein überdimensionales, wetterfestes Plakat. »Der Mensch ist die Mitte. Jetzt erst recht«, steht auf dem, das jetzt am Karl-Liebknecht-Haus prangt. Brie erklärte später, was damit ausgesagt werden soll: Die PDS sei nämlich eine Partei, die »Politik nicht nur von der Wirtschaft aus denkt«. Die Bedürfnisse »der Menschen« müßten wieder mehr in den Mittelpunkt gerückt werden.
Die Vertreter der Medien machten sich beim Fototermin der PDS rar. Gleichwohl scheinen die Erfolgsaussichten wieder zu wachsen nahezu ohne eigenes Zutun. Denn die SPD befindet sich im freien Fall, immer mehr Bürger sparen sich den Weg in die Wahllokale. Die PDS könnte davon profitieren, selbst wenn die absolute Zahl ihrer Wähler noch weiter zurückgehen sollte. Gerade das ist nach dem Parteitag vom 31. Januar möglicherweise abgewendet. Denn die Kandidatur von Sahra Wagenknecht und Tobias Pflüger auf »sicheren« Listenplätzen dürfte enttäuschte linke PDS-Wähler und Aktivisten der Friedensbewegung in größerer Zahl veranlassen, an die Wahlurnen zu treten
in: unsere zeit, 13. Februar 2004
Provokationen gingen ins Leere
Massive Proteste gegen 40. Sicherheitskonferenz in München
Vorläufer der "Sicherheitskonferenzen" waren die im Kalten Krieg bekannt gewordenen "Wehrkundetagungen". Erst vor einem Jahr noch hatte die Nato in München den völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen den Irak besprochen. Am letzten Wochenende ging es u. a. um die Forderung der USA, die eigenen Streitkräfte im Irak durch Nato-Truppen zu entlasten.
Bereits am Donnerstag fand zur "Feier" des 40. Geburtstages der Konferenz vor dem Tagungshotel Bayerischer Hof eine "Waffenparade" statt. Mit Nachbildungen von Panzern, einer Mittelstreckenrakete und weiterem Kriegsgerät zogen die Organisatoren ("anticapitalistas") vor das Nobelhotel und dankten der Nato für die Kriegseinsätze sogar mit einem Gebet (siehe unten). Auf den mitgeführten Transparenten forderten sie nicht nur mehr Geld für Waffen, sondern sprachen endlich das aus, was wir ohnehin schon vermuteten: "Sozialhilfe ist was für Weicheier."
Die bürgerliche Presse hatte es mal wieder nicht nötig
Ernster ging es zu bei der öffentlichen Friedenskonferenz der DFG-VK (Deutsche Friedensgesellschaft - Vereinigte Kriegsdienstgegner). In der Gegenveranstaltung wurden Konzepte für zivile Konfliktbearbeitung vorgestellt und öffentlich diskutiert. Die Reporter der bürgerlichen Medien hatten es allerdings nicht nötig, dort überhaupt zu erscheinen: Die Ausführungen von Alla Yaroshinskaya (Ukraine, Trägerin des alternativen Friedensnobelpreises) zu nuklearen Arsenalen der Großmächte interessierten nicht. Ebenso wenig die Erklärungen von Damu Smith aus den USA, einem der Vorsitzenden von "Black Voices for Peace". Auch die Analyse von Andreas Zumach, dass die EU-Verfassung die Mitgliedsstaaten quasi in die Aufrüstung zwingt, blieb einem kleinen Kreis linker Journalisten vorbehalten. Ebenso erging es dem Appell von Omry Kaplan, einem Historiker aus Israel, der die Politik seines Landes als "ausgeklügeltes System von Staatsterrorismus" bezeichnete.
Geplant war, dass sich pünktlich zur Anreise der Kriegsminister und ihrer Lamettaträger am Freitag rund um das Tagungshotel eine Menschenkette bildete, aus der heraus die Kriegstreiber ausgepfiffen werden sollten. Diese Aktion war erst nach heftigem Streit mit den Behörden genehmigt worden - verbunden mit schikanösen Auflagen: Pro laufenden Meter durften maximal zwei Personen stehen; das Betreten der Fahrbahn war ebenso verboten wie das Stehen vor einer Hofeinfahrt.
Kriegsplaner raus!
An acht Stellen entlang dieser Kette, die dann nur im Ansatz zustande kam, fanden kleinere Veranstaltungen statt. Conrad Schuhler vom isw (institut für sozialökologische wirtschaftsforschung münchen e. v.) griff in seinem Beitrag die Anregung der indischen Schriftstellerin Arundhati Roy auf, zwei globale Konzerne zu suchen, die an der Zerstörung des Irak besonders profitieren: "Wir in München müssen nicht weit gehen, um einen solchen Konzern zu finden. Nämlich Siemens!" Der Elektrokonzern sei Subunternehmer des US-Konzerns Bechtel und dieses Unternehmen gehöre zu den zehn wichtigsten Sponsoren der Republikanischen Partei der USA. Es betreibe ein eigenes "political action committee" in Washington und habe ein Büro für Regierungsaufträge. Schuhler zum Abschluss: "Wir sagen in aller Ruhe und in aller Eindeutigkeit: Kriegsplaner und Kriegsprofiteure, verschwindet aus unserer Stadt und lasst euch hier nie wieder blicken!"
An anderer Stelle sprach Tobias Pflüger von der IMI aus Tübingen (Informationsstelle Militarisierung IMI e. V.). Nach seiner Rede wurde er festgenommen - ohne dass er sich überhaupt gewehrt hätte, griff ihn die Polizei an und verletzte ihn im Bereich des Halswirbels. Den Grund für die Festnahme wusste niemand, angeblich soll ein mittlerer Polizeifunktionär in Pflügers Rede etwas Strafbares gehört haben. Auch der für den Zugriff verantwortliche Beamte wusste es nicht: "Ich teile Ihre Verwunderung" sagte er zu Pflüger. Nach Feststellung der Personalien wurde der Friedensaktivist 20 Minuten später freigelassen. Unter Auflage eines Redeverbots.
Pflüger sprach trotz Verbots
Am Samstag redete Pflüger trotzdem. Dieses Mal ohne Polizei-Eingriff, was die Interpretation zulässt, dass das Redeverbot wohl nur für den Freitag gegolten haben dürfte. Aber auch am Sonntag war noch rätselhaft, was Pflüger Schlimmes gesagt haben soll - die Polizei jedenfalls schweigt. Pflüger dazu: "Die Polizei macht zunehmend was sie will. Die wissen genau, dass sie nahezu jeden Prozess verlieren oder die Verfahren eingestellt werden." Das brutale Vorgehen der Polizei dokumentiert auch der Angriff auf den Journalisten der "Münchner Abendzeitung", Michael Backmund. Laut Augenzeugen wurde er von Zivilbeamten gezielt mit Pfefferspray besprüht und anschließend von uniformierten Beamten abgeführt.
"Null Toleranz" war das Schlagwort der Polizei am Freitag Abend. Sobald zwei Demonstranten dichter als 50 Zentimeter beieinander standen oder sobald jemand auch nur einen Fuß auf die Fahrbahn setzte, rannte gleich eine Hundertschaft behelmter Polizisten los.
An den Aufbau einer Menschenkette war da nicht mehr zu denken. Stattdessen wurde "gekesselt" und abtransportiert.
Polizeiprovokationen diszipliniert aufgefangen
Aber auch die Uniformierten blieben nicht ungeschoren. Erwähnt sei der Kontakt eines Polizisten aus einem der neuen Bundesländer mit einem SDAJ-ler aus München. In Anspielung auf das Porträt des großen Arbeiterführers auf der SDAJ-Fahne skandierten beide gemeinsam: "Thälmann ist niemals gefallen ...". Die Polizei reagierte sofort und entfernte den unbotmäßigen Kollegen vom Ort des Geschehens.
Die Rechnung der Polizei ging nicht auf, schon am Vorabend die Stimmung durch gezielte Provokationen anzuheizen. Die bürgerliche Presse hatte zwar wenig mit den Inhalten der Konferenzgegner im Sinn, dafür umso mehr mit Stimmungsmache. "Ein Schuss: 8 Verletzte" titelte am Freitag die "tz" reißerisch und sorgte für Angst und Verunsicherung. Einem nervösen Personenschützer hatte sich im Hotel ein Schuss aus seiner Pistole gelöst. Das Projektil hatte edlen Marmor beschädigt, dessen Splitter einige Personen leicht verletzten.
Am Samstag versammelten sich dann auf dem Marienplatz gut 10 000 Menschen - einig in ihrem Nein zu Kriegen und einig in ihrer Ablehnung der ungebetenen Gäste der "Sicherheitskonferenz". Der Demonstrationszug bewegte sich anschließend bis in die Nähe der Kriegsministertagung. Noch am Vorabend hatte die Polizei leichtes Spiel, weil die Kriegsgegner sich auf viele Orte verteilten - am Samstag hingegen siegte die Geschlossenheit und Einigkeit der Friedensfreunde, die diszipliniert allen Provokationen widerstanden.
Dieter W. Feuerstein
Horst Teltschik,
der du bist im
Bayerischen Hof,
geheiligt werde deine Tagung,
deine Waffen kommen,
dein Krieg geschehe,
wie im Irak,
so überall auf der Erde.
Unsere tägliche
Sicherheit gib uns heute.
Vergib uns unseren Protest,
so wie auch wir vergeben der Polizei.
Führe uns nicht in Versuchung
und erlöse uns vom Guten.
Denn dein ist die
Gier, der Hass
und die Scheinheiligkeit.
Auf ewig Amen.
Anonym. Publiziert am Do., 5. 2. 2004 bei der "Jubeldemo" vor dem Bayerischen Hof
Horst Teltschik, ehem. Kanzlerberater, Sicherheitspolitiker und BMW-Vorstand
in: Neues Deutschland, 12.02.2004
Polizeieinsatz
»Deeskalation durch Stärke«
Kriegsgegner beklagen massive Übergriffe bei Münchner Sicherheitskonferenz
Von Nikolaus Brauns
Die »bayerische Linie der Deeskalation durch Stärke« habe sich bewährt, erklärte das Innenministerium. Minister Günther Beckstein dankte den rund 4000 eingesetzten Polizeibeamten für »ihre professionelle Arbeit« mit »niedriger Eingriffsschwelle«. Teilnehmer der Demonstration gegen die Sicherheitskonferenz sehen das anders.
Nach Angaben des Münchner Polizeipräsidiums vom Wochenende waren am vergangenen Freitag und Samstag 259 Kriegsgegner fest- oder in Gewahrsam genommen worden. Die Organisatoren der Proteste gegen die NATO-Sicherheitskonferenz beklagen brutale Polizeiübergriffe auf friedliche Demonstranten, Misshandlungen von Gefangenen und Angriffe auf die Pressefreiheit. Schon am Freitag war die Situation auf einer von der PDS angemeldeten Kundgebung auf dem Platz der Opfer des Nationalsozialismus von massiven Attacken der Polizei geprägt. Bereits zu langsames Überqueren von Straßen wurde als »Blockadeversuch« gewertet und mit Einkesselungen und Festnahmen beantwortet.
Vermummte Spezialeinheiten und Greiftrupps in Zivil holten willkürlich Personen heraus. Mehrere Demonstranten erlitten Platzwunden am Kopf durch Schlagstockeinsätze. Eine halbe Stunde lang verwehrten Polizisten Sanitätern den Zugang zu einem bewusstlos geprügelten Demonstranten. Ein anderer Demonstrant wurde mit einem Leberriss ins Krankenhaus eingeliefert. Er war von einem Tonfa getroffen worden. Diese asiatischen Kampfstöcke der Unterstützungskommandos der bayerischen Polizei sind berüchtigt dafür, schwere innere Verletzungen zu erzeugen.
Nach seiner Rede wurden die Personalien des PDS-Europakandidaten Tobias Pflüger festgestellt. Dabei wurde er so verletzt, dass er am nächsten Tag eine Halskrause tragen musste. In seiner Rede, so der Vorwurf des Polizeieinsatzleiters ? soll der Mitarbeiter der Informationsstelle Militarisierung aus Tübingen »etwas Strafbares« gesagt haben. »Hier ist der bayerische Polizeiwillkürstaat aufgeblitzt«, erklärte Pflüger, der Strafanzeige gegen die Polizei stellen wird.
Der Roten Hilfe liegen Berichte vor, nach denen in den Zellen des Polizeipräsidiums verletzten Festgenommenen die medizinische Versorgung verweigert wurde. Gefangene bekamen stundenlang kein Essen oder ausreichende Decken in der Nacht. Mitgefangene berichten zudem von körperlichen Misshandlungen eines türkischen Kriegsgegner in Polizeigewahrsam. Der 24-jährige wurde eine Treppe heruntergestoßen und von Beamten getreten. Ihm wird vorgeworfen, einen Polizisten mit einer Fahnenstange angegriffen zu haben. Wegen angeblicher Fluchtgefahr verhängte ein Richter Untersuchungshaft. Die wurde mit der österreichischen Meldeadresse des Beschuldigten begründet. Am Freitag soll es in München eine Demonstration für die Freilassung des mittlerweile in der Justizvollzugsanstalt Stadelheim Inhaftierten geben.
Zu einem gezielten Polizeiangriff auf einen Journalisten kam es während einer Kundgebung am Freitag. Dabei wurde Michael Backmund, Mitglied des Münchner Ortsvorstandes der Deutschen Journalistinnen- und Journalistenunion (dju) bei ver.di, aus etwa 20 Zentimeter Entfernung aus einem Polizeibus mit Pfefferspray direkt ins Gesicht getroffen. Backmund verlor über eine halbe Stunde lang seine Sehkraft und musste von Sanitätern notversorgt werden. Mindestens ein weiterer Journalist wurde von der Polizei gezwungen, Bilder von den Polizeieinsätzen wieder aus seiner Digitalkamera zu löschen. »Die Übergriffe auf Kollegen und Behinderungen von Journalisten bei ihrer Arbeit durch die Polizei häufen sich ? wir kritisieren diesen massiven Angriff auf die Pressefreiheit und die Einschränkung der Grundrechte«, erklärte der Sprecher der dju München Thies Marsen.
Auch die Rückreise von Kundgebungsteilnehmern lagen unter der besonderen Aufmerksamkeit durch bayerische Polizei. So wurde ein Reisebus, der nach Berlin unterwegs war, auf einer Autobahnabfahrt gestoppt. Nürnberger Polizisten stürmten das Fahrzeug. Die Insassen wurden zu Videoaufnahmen und Personenfeststellungen herausgeholt. Diese Schikanen endeten erst nach rund zwei Stunden.
in: Neues Deutschland, 09.02.2004
Absage an Kriegspolitik
10000 protestierten in München gegen »Sicherheitskonferenz«
In München treffen sich Jahr für Jahr die Verfechter der neuen Kriegsdoktrinen. Auch in diesem Jahr wurde die so genannte Sicherheitskonferenz von Protesten der Friedensbewegung begleitet.
Berlin (ND/Agenturen). Mehr als 10000 Kriegsgegner demonstrierten am Wochenende in München gegen die so genannte Sicherheitskonferenz. Allein am Sonnabend nahmen nach Veranstalterangaben rund 10000 Menschen an einer Demonstration zum Marienplatz teil. Kundgebungsredner verurteilten die »neuen Ziele« von Europäischer Union und NATO. Es gehe der Union um mehr Macht und politischen Einfluss auch mit militärischen Mitteln. Soldaten der NATO-Streitkräfte wurden von Demonstranten dazu aufgerufen, Befehle ihrer Generäle zu Kriegseinsätzen zu verweigern.
Ebenfalls am Wochenende tagte in München eine internationale Friedenskonferenz. Dabei wurde die EU-Politik als grundsätzlich nicht anders als die der USA definiert. Im Verfassungsentwurf der Europäischen Union sei sogar von einer Pflicht zur Aufrüstung die Rede. Bereits am Freitag hatten in München hunderte Kriegsgegner demonstriert.
Das globalisierungskritische
Netzwerk attac wertete die Demonstrationen als großen Erfolg:
»Wir nehmen es nicht hin, dass die Politik immer stärker auf militärische
Mittel setzt und neue Kriege vorbereitet«, erklärte Sarah Seeßlen
von attac München. Sie war an der Organisation der Proteste beteiligt.
Kritik mussten sich die Teilnehmer der »Sicherheitskonferenz« auch auf dem Sektempfang der Landeshauptstadt München am Freitagabend anhören. Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) warf der US-Regierung vor, die Welt beim Irak-Krieg getäuscht zu haben. Es sei kein einziger Beweis für die Existenz irakischer Massenvernichtungswaffen gefunden worden.
Insgesamt gab es bei den Protesten mehr als 300 Fest- und In-Gewahrsam-Nahmen von Kriegsgegnern. Als »Grund« dafür genügte unter anderem das Rufen von Parolen, in denen US-Präsident George W. Bush oder der Verteidigungsminister der USA Donald Rumsfeld als Kriegsverbrecher bezeichnet wurden. Bei den Übergriffen der Polizei wurde auch ND-Autor Tobias Pflüger verletzt.
Während es auf der Sicherheitskonferenz 2003 noch heftige Kontroversen mit den USA gegeben hatte, ging es in diesem Jahr um eine Entlastung der USA. Die USA forderten, dass die NATO einen Einsatzbeschluss für Irak fasst. Der bundesdeutsche Außenminister Joseph Fischer äußerte sich zwar skeptisch zu einem solchen Beschluss. Angesichts des Risikos eines Scheiterns und möglicher fataler Folgen für die NATO müsse ein solches Engagement sehr sorgfältig abgewogen werden, Die Bundesregierung werde aber ein mögliches NATO-Engagement nicht blockieren.
Wenig Beachtung fand des Außenministers Vorschlag für eine neue Nahost-Initiative. Bis 2010 sollte eine Freihandelszone geschaffen werden, die den gesamten Nahostraum umfasst, erklärte Fischer. Mit militärischen Mitteln allein werde es nicht gelingen, die Bedrohungen zu bewältigen. Weder der jordanische König Abdullah II. noch US-Verteidigungsminister Rumsfeld gingen während der Konferenz auf Fischers Vorschlag ein.
in: unsere zeit, 6. Februar 2004
Biskys Wunschliste wurde korrigiert
PDS-Parteitag zur EU-Wahl: Kandidatengerangel statt inhaltlicher Debatte
"Friedlich! Solidarisch! Gerecht!" - unter diesem Motto hat die PDS am vergangenen Wochenende ihren Europaparteitag in Berlin abgehalten. Während der Sonnabend für die Debatte um das Europawahlprogramm der Partei reserviert war, ging es am Sonntag um das Aufstellen der Bundesliste der PDS zur Wahl zum Europäischen Parlament am 13. Juni.
Zu Beginn der Tagung nutzten Musiker der Berliner Symphonie den Parteitag der demokratischen Sozialisten um mit einer kurzen Darbietung ihres Könnens gegen die Einstellung ihrer Finanzierung durch den Berliner Senat zu protestieren. Der Paukenschlag verhallte jedoch in den hämischen Worten des Berliner PDS-Vorsitzenden Stefan Liebich, der die drastischen Kürzungen im kulturellen Bereich in seiner gewohnt arroganten Art verteidigte.
Noch vor der Generaldebatte zum Europawahlprogramm stellte der PDS-Bundesvorsitzende Lothar Bisky die Schwerpunktthemen seiner Partei im kommenden Wahlkampf vor. Sozialpolitik, Frieden, Demokratie und Ostkompetenz sollen im Mittelpunkt stehen. Konkrete Angaben zur Ausgestaltung dieser Politikfelder ließen sich allerdings nicht heraushören. Bisky warnte die Delegierten vor "dümmlichen Querelen", die den Wiedereinzug der Partei in das Europäische Parlament verhindern könnten. In der Generaldebatte gab es dann auch nur wenig Kritik an der politischen Ausrichtung der Partei. Olaf Walther aus Hamburg forderte, sich nicht weiter "von Institutionen aufsaugen" zu lassen und zurück zur Opposition zu finden, denn nur sie könne gesellschaftliche Veränderungen mit sich bringen. Der Europaabgeordnete und Ehrenvorsitzende der PDS, Hans Modrow, schloss sich dieser Kritik an und bemängelte, dass die beschlossene Programmatik in der Partei nicht umgesetzt würde. Trotz seiner über Parteigrenzen hinweg anerkannten Arbeit als Parlamentarier war Modrow vom Parteivorstand nicht für einen sicheren Listenplatz vorgeschlagen worden. Im Gegensatz zu anderen mochte er auch nicht drum kämpfen.
Am Ende der Generaldebatte, die zu einem Schaulauf der Kandidaten verkam, beschloss der Parteitag bei nur wenigen Gegenstimmen und Enthaltungen das EU-Wahlprogramm der Partei. Auch der Antrag des Parteivorstandes zur Gründung der Partei der Europäischen Linken (EL) fand die breite Unterstützung der Delegierten.
Am Sonntag Vormittag begann dann das Hauen und Stechen um die Aufstellung der Liste für das Europäische Parlament. Die Wunschliste des Parteivorstandes war im Vorfeld des Parteitages heftig kritisiert worden. Kritisiert wurde vor allem, dass es für den Ehrenvorsitzenden Modrow gar keinen Platz geben sollte und dass die Vertreterin der Kommunistischen Plattform, Sahra Wagenknecht, und der parteilose Friedensaktivist Tobias Pflüger nur für die hinteren Ränge vorgesehen waren. Die Konsequenz waren eine Reihe von Stichwahlen, bei denen sich Biskys Favoriten nicht immer durchsetzen konnten.
Sylvia-Yvonne Kaufmann, die wegen ihrer positiven Haltung zum EU-Verfassungsentwurf kritisiert worden war, wurde mit 71 Prozent der Stimmen als Spitzenkandidatin gewählt. Ihr folgt der Brandenburger Helmuth Markov (94,7 Prozent). Auf Platz 3 kandidiert die ehemalige Vorsitzende der PDS, Gabriele Zimmer, die sich nach einer Stichwahl knapp gegen Sahra Wagenknecht durchsetzten konnte.
Auf Platz vier der Liste wurde der Friedensaktivist Tobias Pflüger aus Baden-Württemberg gewählt, der sich mit 52,9 Prozent der Stimmen gegen Ilja Seifert und Benjamin Hoff aus Berlin durchsetzte. Pflüger war vom Parteivorstand für den nicht als aussichtsreich geltenden Platz 8 vorgeschlagen worden. Mit der Unterstützung der Landesverbände Thüringen, Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg hatte er allerdings darauf bestanden, auf einem vorderen Listenplatz zu kandidieren.
Auf Listenplatz 5 folgt dann Sahra Wagenknecht, die sich gegen fünf weitere Bewerber durchsetzte. Ihr folgen der PDS-Wahlkampfleiter André Brie (80,3 Prozent) und Feleknas Uca, die bereits seit 1999 als PDS-Abgeordnete im Europäischen Parlament tätig ist. Es folgen Helmut Scholz, Anja Labs, Keith Barlow, Wenke Christoph, Sepp Obermeier, Juliane Nagel und Ilja Seifert.
Insgesamt zeichnete sich der Parteitag der PDS vor allem durch die Wortführerschaft der "Reformer" aus, die noch im Jahr 2002 für das Ausscheiden der PDS aus dem Bundestag verantwortlich waren. Spürbare innerparteiliche Opposition war weder aus den Reihen der Kommunistischen Plattform (KPF) noch von anderen sich links nennenden Parteigliederungen zu hören. Vielmehr schienen sich die Delegierten aller innerparteilichen Flügel in der Sorge einig, dass die ebenfalls zur Europawahl antretende DKP ihrer Partei die für den Wiedereinzug ins Europäische Parlament so dringend benötigten Stimmen abwerben könnte und somit den Einzug der demokratischen Sozialisten ins EU-Parlament gefährden würde. Der Vorsitzende der DKP, Heinz Stehr, hatte als Gast an der Tagung der PDS teilgenommen. Im Gegensatz zu anderen Gästen hatte er jedoch kein Rederecht erhalten. Im Gegensatz dazu hatte der PDS-Politiker Ilja Seifert die EU-Wahlkonferenz der DKP genutzt, um dafür zu werben, dass die DKP nicht gegen die PDS antritt. Dass die Gefährdung des Wiedereinzugs der PDS in das Europaparlament eher mit dem Mitregieren und Mitmachen beim Sozialkahlschlag zu tun hat, scheint nicht auf der Tagesordnung zu stehen.
Markus Bernhardt
in: junge Welt vom 06.02.2004
Ausgezeichnete Krieger
Kanzler Schröder ehrt KSK-Soldaten für Afghanistan-Einsatz. NATO-Minister beraten über Irak-Besetzung
Rüdiger Göbel
Deutschland steht in diesen Tagen ganz im Zeichen des Militärischen und hat wieder ausgezeichnete Helden. Bundeskanzler Gerhard Schröder persönlich besuchte am Donnerstag das Kommando Spezialkräfte (KSK) im württembergischen Calw und ehrte die Elitetruppe der Bundeswehr für ihren Kriegseinsatz in Afghanistan. Derweil kam der neue NATO-Generalsekretär Jaap de Hoop Scheffer zum Antrittsbesuch nach Berlin. Topthemen bei den Gesprächen mit Verteidigungsminister Peter Struck und Außenamtschef Joseph Fischer am Donnerstag: Wie kann die NATO inklusive deutscher Beteiligung die Besetzung Afghanistans und Iraks optimieren. Darüber wollte der NATO-Chef am heutigen Freitag auch mit dem Kanzler und am Mittag im Edelhotel »Bayrischer Hof« in München in erweiterter Runde beraten. Auf Einladung Strucks werden dort die NATO-Verteidigungsminister zu einem informellen Treffen zusammenkommen. Auch hier wird es um die weitere Unterstützung der USA im Krieg am Hindukusch und im Zweistromland gehen. Direkt im Anschluß ist ein Empfang des Münchner SPD-Oberbürgermeisters Christian Ude für die Teilnehmer der sogenannten Sicherheitskonferenz geplant. Zu der zweitägigen Tagung kommt die »military community« der westlichen Welt zusammen.
An die 1 000 »harte Männer« zählt die KSK-Elitetruppe, schwärmte die örtliche Presse im Vorfeld der Kanzlervisite in Calw. Eher nüchtern die Aufgabenbeschreibung: »Das KSK wurde 1996 aufgestellt und ist seit 1997 an Einsätzen vor allem in Krisen- und Kriegsgebieten beteiligt. Die Aufgaben reichen von der Evakuierung deutscher Staatsbürger über das Retten und Befreien von Geiseln bis zum Schutz von Einrichtungen«, heißt es in Werbeblättchen, gerade so, als handle es sich bei Strucks Elitetruppe um eine harmlose Sanitäts- und Sicherungsabteilung. Vom jüngsten Mordauftrag in Afghanistan etwa kein Wort. Bis vor kurzem machten KSK-Soldaten am Hindukusch an der Seite amerikanischer Sondereinheiten Jagd auf mutmaßliche Taliban-Kämpfer. Wie viele Afghanen dabei getötet oder vielleicht doch gefangengenommen wurden, gilt als geheime Verschlußsache.
Die Kampftruppe mit der staatlichen Lizenz zum Töten wollte dem Kanzler auch ihre »dog and pony show« zeigen, wußte Der Spiegel vorab zu berichten. Es handle sich hierbei um die Übung, in der der KSK-Alltagseinsatz mit den besten Tricks und den teuersten Waffen demonstriert wird. »Dagegen wirkt eine Western-Stuntshow wie billiger Schund«, frohlockte das Hamburger Nachrichtenmagazin.
Die »Informationsstelle Militarisierung« (IMI) kritisierte derweil den Kanzlerbesuch in Calw wie die Wehrkundetagung in München. »Das Kommando Spezialkräfte war wie mir ein Soldat am Telefon erzählt hat in vorderster Linie am Angriffskampf in Afghanistan beteiligt. Gefangene wurden so seine Aussagen kaum gemacht, und wenn, dann wurden die Gefangenen an die befehlshabenden US-Truppen abgegeben. Das ist rechtswidrig, da sie dann nicht als Kriegsgefangene behandelt wurden«, so IMI-Vorstand Tobias Pflüger. »Es ist besser, das gefährliche Kommando Spezialkräfte aufzulösen, als es in diesen politischen Zeiten auch noch bewußt mit einem Kanzlerbesuch zu feiern!« Im Gegensatz zu den Schwärmereien in der örtlichen Presse trainiere das KSK vorwiegend reine Kampfeinsätze. Schon die Existenz des KSK sei eindeutig ein Bruch des Grundgesetzes, monierte Pflüger.
Bei der »Sicherheitskonferenz« in München, die in diesem Jahr zum 40. Mal stattfindet, sind offiziell die »Perspektiven der transatlantischen Beziehungen«, »die Zukunft der NATO« und »die künftige Entwicklung des Mittleren Ostens« Gegenstand. Bei der angeblich von Horst Teltschik privat organisierten Zusammenkunft treffen sich seit Jahren spezielle politische Entscheidungsträger, Militärs, Wissenschaftler, Medien- und Wirtschaftsvertreter aus aller Welt.
Faktisch gehe es beim heutigen informellen NATO-Treffen und der anschließenden Sicherheitskonferenz aber darum, wie die Besetzung zweier Länder, die von westlichen Staaten mit Krieg überzogen wurden, Irak und Afghanistan, weiter perfektioniert und unter den Staaten, die dort jeweils Soldaten haben, besser abgestimmt werden könne, kritisierte Pflüger. Dabei werde die vereinbarte Arbeitsteilung zwischen den USA einerseits und der Europäischen Union andererseits im konkreten besprochen. Tatsächlich finde im Bayrischen Hof damit eine »Kriegskonferenz« statt. Hausrecht hat die Bundeswehr.
Wenn die Planung klappt, »könnte der Einsatz der NATO«, und damit wohl auch Deutschlands, »im Irak gegen Ende des Jahres oder Anfang nächsten Jahres beginnen«, schrieb die FAZ am Mittwoch.
Das »Bündnis München gegen Krieg« will heute ab 16 Uhr rund um den Tagungsort Hotel Bayrischer Hof protestieren. Für Samstag ist auf dem Marienplatz um 12 Uhr eine internationale Großdemonstration geplant. Das Motto ist lang und sperrig: »Die NATO-Sicherheitskonferenz darf nicht stattfinden. Stoppt die weltweiten Kriege der NATO-Staaten! Für ein soziales Europa Keine EU-Militärmacht. Gegen die deutsche Kriegspolitik und weltweite Bundeswehreinsätze. Statt sozialer Demontage und Aufrüstung Umverteilung von oben nach unten. No justice no peace. Internationale Solidarität gegen Ausbeutung und militärische Unterdrückung.« Von Afghanistan und Irak ist leider direkt keine Rede.
in: Freitag, 06.02.2004
von Sead Husic
Bei Gefahr des Untergangs
EUROPA-PARTEITAG DER PDS
Noch fehlt die rechte Stimmung, um erfolgreich zu sein
"Klar, wir müssen jetzt gemeinsam hinter dieser Liste stehen und geschlossen in die Wahlauseinandersetzungen marschieren", sagt Benjamin Hoff, seines Zeichens wissenschaftspolitischer Sprecher der PDS im Berliner Abgeordnetenhaus. Er hatte keinen leichten Stand auf dem Europa-Parteitag im Internationalen Congress Centrum (ICC) am Berliner Funkturm. So wie viele PDS-Politiker aus der Hauptstadt, die noch vor zwei Jahren als große Hoffnungsträger der Demokratischen Sozialisten galten. Heute erinnern sie die Bundespartei vor allem an eine Politik fortgesetzter Sachzwänge, die angesichts einer ausufernden Haushaltsmisere im Streichen von Sozialleistungen und kulturellen Angeboten besteht. Dabei will die PDS eine Alternative zu dieser Art von Haushaltssanierung bieten, die unter dem Wort "Reform" vor allem die Schwächsten trifft. Nur, sind die Berliner PDSler für diesen Ansatz noch glaubwürdig?
Dass die Berliner Symphoniker oben auf der Parteitagsbühne musizieren, vor diesem großen, weißen Plakat auf dem "Friedlich, Solidarisch, Gerecht" steht, und an ihre Existenzsorgen erinnern, bekräftigt diese Frage. Mit-Regierender Sozialist zu sein, ist nicht lustig. Nicht in diesen Zeiten. Hans Modrow, der auf Bitten von Lothar Bisky nicht mehr für die Europaliste kandidiert, macht dies deutlich: "Wo nicht die Bereitschaft da ist, andere Überlegungen aufzunehmen, sondern die eigene Politik nur besser zu erklären, bleibt die Gefahr neuer Niederlagen." In diesem Moment müssen die Berliner Delegierten die Ohren gespitzt haben.
Dennoch, die eingangs zitierten Sätze des Benjamin Hoff sollen positiv klingen, nur ist die Stimmung des jungen Mannes mit den blonden Haaren und den runden Brillengläsern eine andere. Kein Wunder, fiel er doch im Kampf um die vierte Position auf der Liste durch. Dafür nominierten die Mitglieder Tobias Pflüger, den parteilosen Friedensaktivisten aus Tübingen, der in seiner Rede der PDS wohl eine "bewusste Öffnung" hin zu den sozialen Bewegungen bescheinigte, damit jedoch zugleich darauf anspielte, dass es namentlich dem Parteichef nicht gelungen war, unabhängige Prominente für die Europaliste zu gewinnen. Auf dem für Pflüger ursprünglich vorgesehenen achten Listenplatz fühlte der sich abgeschoben und verlangte einen Platz weiter vorn. Eine Mehrheit erfüllte ihm diesen Wunsch mit Platz vier - zum Nachteil von Biskys Wunschkandidaten Hoff, der trotz seiner jahrelangen politischen Erfahrung verschmäht wurde.
Wieder einmal zeigte dieser Wahlkongress das alte Problem einer Partei, die sich nicht so recht entscheiden kann zwischen Regierungsverantwortung und ihrem Selbstverständnis als Oppositionskraft. So hält die Debatte über den Kurs der Linkspartei an. Dabei sollte vom ICC doch ein Zeichen des Aufbruchs ausgesandt werden. Schließlich will man mit einem erfolgreichen Europawahlkampf den Grundstein legen für die Rückkehr in den Bundestag 2006.
Zum aussichtsreichen Listenplatz fünf für Sahra Wagenknecht meint Hoff ein bisschen bitter, die Vorzeigefrau der Kommunistischen Plattform sei "doch mittlerweile zur PDS-Folklore geworden". Der Parteivorstand hatte die theoriegestählte Marxistin vorgeschlagen. Sie gilt als integer und unverschlissen, ihre Kritik an den ökonomisch bedingten Verhältnissen ist glaubwürdig und einleuchtend - vor allem bei den PDS-Anhängern im Westen der Republik, die den Regierungsbündnissen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern überwiegend ablehnend gegenüberstehen. Wahrscheinlich - so ein Delegierter - habe der Vorstand "die Sahra" vorgeschlagen, um der ambivalenten Haltung vieler Genossen Rechnung zu tragen.
Bundesgeschäftsführer Rolf Kutzmutz hofft auf ihren Erfolg: "Ich würde mir wünschen, dass Sahra in das Europaparlament einzieht und dann mit Dingen konfrontiert wird, bei denen sie erkennen muss, dass man nicht immer die reine Lehre vertreten kann." Kutzmutz, der zu den erfahrensten Wahlkämpfern der Partei zählt, weiß wie schwierig es sein wird, die Fünf-Prozent-Hürde zu nehmen. "Mit dieser Liste müssen wir nun unsere Leute mobilisieren. Und ich sehe es als meine persönliche Aufgabe an, Einigkeit zu schaffen." Am 13. März treffen sich in Gera alle PDS-Kreisvorsitzenden mit der Wahlkampfleitung und dann "soll die Stimmung erzeugt werden, die wir brauchen, um erfolgreich zu sein".
Die Angst ist groß, nicht alle demokratischen Sozialisten mobilisieren zu können. "Wenn wir nicht ins Europaparlament einziehen, dann ist es mit der PDS vorbei", denkt Wahlkampfleiter André Brie. Für die Partei, die bei der Europawahl 1999 5,8 Prozent errang, geht es um viel. Entsprechend ambitioniert liest sich das Wahlprogramm, mit dem auf sozialpolitische Themen, Friedenspolitik und engere Bindungen an die globalisierungskritischen Bewegungen sowie die Gewerkschaften gesetzt wird. Ebenso fordert die PDS die "umfassende Demokratisierung und Entbürokratisierung der europäischen Institutionen" und eine "europaweite Volksabstimmung" über die angestrebte EU-Verfassung.
In den kommenden Monaten wollen die Sozialisten außerdem ihre "Agenda sozial" - ihren Gegenentwurf zu Schröders "Agenda 2010" - im Lande verbreiten. Bis zum Wahltag soll jeder Eindruck von Zerrissenheit der Partei überwunden sein, verspricht Kutzmutz. Das ist aber leichter gesagt als getan. In Berlin stehen bald neue Sparentscheidungen des rot-roten Senats an, die Symphoniker werden auch betroffen sein. Einer der Beschlüsse des Parteitages vom Wochenende lautet: "Die PDS setzt sich nachdrücklich für den Erhalt der europäischen Orchesterlandschaft ein. ... Orchesterschließungen halten wir ebenso wie die Schließung von Theatern, Museen oder Zoologischen Gärten für ein ungeeignetes Mittel, desolate öffentliche Haushalte zu sanieren."
in: junge Welt, 04.02.2004
Interview: Wolfgang Pomrehn
Wahlen zum Europaparlament: Kooperation mit PDS unmöglich?
jW sprach mit Heinz Stehr, Bundesvorsitzender der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP)
F: Die DKP tritt mit einer eigenen Liste zur Europawahl im Juni an. Weshalb ist es nicht zur gemeinsamen Kandidatur mit anderen gekommen, wie sie vom deutschen Freundeskreis der Europäischen Antikapitalistischen Linken (EAL) diskutiert worden war?
Es gibt noch keine über einen längeren Zeitraum entwickelte Zusammenarbeit. Eine gemeinsame Kandidatur würde voraussetzen, daß ein Wahlprogramm erarbeitet, eine Wahlstrategie diskutiert und Kandidaten aus unterschiedlichen Spektren gefunden werden. Die Zeit, die das alles kosten würde, hatten wir nicht.
F: Wird es denn zumindest eine offene Liste geben?
Wir haben versucht, eine offene Liste aufzustellen. Aber viele, die wir angesprochen haben, wollten sich nicht zwischen die Stühle DKP und PDS setzen. Das waren vor allem Leute aus den außerparlamentarischen Bewegungen, die sowohl die PDS als auch die DKP als Partner sehen. Andererseits hat der EAL-Freundeskreis auf seiner letzten Beratung einen Aufruf zur Europawahl verabschiedet, den ich für gut halte und in dem ich eine Unterstützung der politischen Konzeption der DKP sehe.
F: Was werden die Schwerpunkte der DKP im Europawahlkampf sein?
Wir wollen mit unserer Kandidatur die außerparlamentarische Bewegung durch möglichst viele Initiativen unterstützen sowie die politischen Alternativen zu Kriegspolitik, Sozial- und Demokratieabbau vertreten. Und wir werben besonders um die Stimmen jener, die in Bewegungen sind, vor allem der jungen Aktiven.
F: Ihre Partei ist bisher selten bei Wahlen gegen die PDS angetreten. Warum diesmal? Immerhin kandidieren mit Tobias Pflüger ein ausgewiesener unabhängiger Antimilitarist und mit Sahra Wagenknecht eine Sprecherin der Kommunistischen Plattform auf aussichtsreichen Plätzen.
Die DKP ist der Meinung, daß es wichtig ist, alle Kräfte gegen die Rechtsentwicklung zu bündeln. Ausgehend davon haben wir bei zentralen Wahlen immer versucht, mit der PDS zu kooperieren. Das war diesmal nicht mehr möglich, insbesondere wegen der Regierungsbeteiligung in Berlin und Schwerin und der zunächst positiven Haltung gegenüber dem EU-Verfassungsentwurf. Der PDS-Vorstand hat sich erst relativ spät gegen den Entwurf ausgesprochen. Außerdem gilt nach wie vor der Beschluß, nach dem Mitglieder anderer Parteien nicht auf den Listen der PDS kandidieren dürfen. Mit Sahra und Tobias verbinden uns viele politische Gemeinsamkeiten, aber ihre Kandidatur kann die genannten Gründe für unseren Beschluß nicht aufheben.
F: Hat es Versuche gegeben, mit der PDS über die Europawahl zu sprechen?
Ich war zweimal zu Gesprächen in Brüssel, habe im März 2003 mit Gabi Zimmer diskutiert und André Brie um einen Meinungsaustausch gebeten. Von seiten der PDS gab es keine erkennbare Bereitschaft zur Zusammenarbeit bei dieser Wahl.
F: Die PDS will mit einer Reihe von anderen Parteien, unter anderem den KP Frankreichs, der Tschechischen Republik und Österreichs, eine Europäische Linkspartei gründen. Hat man die DKP zu den Gesprächen eingeladen?
Nein. Die Gespräche laufen schon eine ganze Zeit, aber die DKP wurde nie eingeladen. Der PDS-Vorsitzende Lothar Bisky hat mir gegenüber erklärt, daß es über die Einladungen Absprachen gegeben habe. Es handelt sich also um alles andere als einen offenen Prozeß. Einigen Parteien ging es offensichtlich darum, diese neue Partei möglichst schnell zu gründen. Das hat zum einen politische Gründe, aber sicherlich geht es auch darum, an Fördermittel der Europäischen Union heranzukommen.
F: Beteiligt sich die DKP an den europäischen Aktionstagen gegen Sozialabbau Anfang April?
Auf jeden Fall. Vor allem natürlich über unsere Mitglieder in den Betrieben. Wir hoffen sehr, daß es am Freitag, den 2. April, in den Betrieben zu Aktionen kommen wird, und wenn nicht dort, dann in den Orten. Am Samstag soll es dann ja in Berlin, Köln und Stuttgart Großdemos geben, zu denen wir natürlich auch mobilisieren.
in: Schwäbisches Tagblatt, 03.02.2004
Signal für Anti-Kriegsbewegung
Friedensaktivist Tobias Pflüger hat auf dem PDS-Ticket beste Aussichten bei der Europawahl
TÜBINGEN. Zur Europawahl am 13. Juni tritt gleich eine ganze Riege von Kandidaten aus Tübingen an. Die meisten ziehen nur aus Enthusiasmus in den Wahlkampf, um für ihre Partei oder ihr Anliegen zu werben. Doch jetzt schickt die PDS einen Kandidaten ins Rennen, der als einziger aus der Region eine echte Chance hat, ins Europaparlament einzuziehen: den 39-jährigen Friedensaktivisten Tobias Pflüger.
Bisher stellt die PDS sechs Europa-Abgeordnete. Nimmt die Partei die Fünf-Prozent-Hürde, wie es Umfragen voraussagen, stehen ihr erneut mindestens fünf Sitze zu. In diesem Fall wird auch der Tübinger Tobias Pflüger Europa-Abgeordneter. Der 39-Jährige wurde am Sonntag als parteiloser Kandidat für Platz 4 der PDS-Liste nominiert (wir berichteten).
Seit deren Gründung 1996 ist der Politologe geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Tübinger Informationsstelle Militarisierung. Bis August vergangenen Jahres arbeitete er an einer Dissertation über die neue deutsche Militärpolitik - ausgestattet mit einem Promotionsstipendium der PDS-nahen Rosa-Luxemburg-Stiftung. Jetzt ruht Pflügers Doktorarbeit, da er sich der Forschung über die deutsche und europäische Rolle bei der Vorbereitung und Durchführung des Irak-Kriegs zugewandt hat. Seinen Lebensunterhalt verdient der in Stuttgart geborene Pfarrer-Sohn, der in Tübingen neben Politik- auch Empirische Kulturwissenschaft studiert hat, als Publizist und durch Vorträge.
Pflüger versteht seine Kandidatur als "politisches Signal an die Friedens-, Anti-Kriegs- und globalisierungskritische Bewegung". Er sei erstmals im November von Kreisen in- und außerhalb der PDS aufgefordert worden zu kandidieren - und schon da habe er klar gemacht, dass eine Alibi-Bewerbung auf einem hinteren Listenplatz für ihn nicht in Frage komme. Am Sonntag setzte er sich schließlich gegen zwei Mitbewerber um Platz 4 durch.
Politisch bewegten ihn zwei Gründe zur Kandidatur für die PDS, sagt Pflüger: Zum einen müsse es bei der Wahl eine Möglichkeit geben, "gegen den laufenden Sozialabbau der Bundesregierung" zu votieren. Denn "die Unzufriedenheit ist enorm, der Missmut ist da" - etwa über die Praxisgebühr, die den Leuten auferlegt werde, während die Bundeswehr nach wie vor große Anschaffungen machen kann. Zum anderen halte er es für fatal, wenn die EU zu einer Militärmacht ausgebaut und eine europäische Verfassung verabschiedet werde, die etwa eine Aufrüstungsverpflichtung, Kampfeinsätze und ein neoliberales Wirtschaftsmodell festschreibe. Im Fall seiner Wahl ins EU-Parlament werde er sich intensiv mit dem Bereich Außen- und Militärpolitik befassen.
Die Kriegs- und Friedensfrage ist für Tobias Pflüger stets "ein Lackmustest". Sie war der Grund, weshalb er seine Mitgliedschaft bei den Grünen beendete, und sie sei der wesentliche Antrieb für seine Kandidatur auf der PDS-Liste. Eintreten will Tobias Pflüger trotzdem nicht: Er habe "seine Parteierfahrung hinter sich" und wolle sich auf die inhaltliche Arbeit konzentrieren.
in: www.solid-web.de
Geschrieben von Redaktion
Nach einem müden Auftakt am Samstag ging es beim Europa-Wochenende der PDS am Sonntag hoch her. Bereits vor der Wahl der KandidatInnen für die Europa-Liste gab es innerhalb der PDS, aber auch bei [\'solid] - die sozialistische jugend Kritik und Enttäuschung angesichts des Listenvorschlags des PDS-Parteivorstands. Dem PV-Votum folgten die VertreterInnen jedoch nur in Teilen und wählten insgesamt eine bunte PDS-Liste, die einen guten politischen Querschnitt der PDS darstellt und sich mit einem kompetenten außerparlamentarischen Aktivisten wie Tobias Pflüger auf Bundesebene in der politischen Linken ein Stück weit öffnet.
Zu den acht oberen Plätzen der PDS-Liste wurden jeweils junge ErsatzkandidatInnen gewählt. Vier von ihnen sind Mitglied und z.T. Funktionsträger im Jugendverband [\'solid].
Die jungen PDS-Kandidaten auf der Ersatzliste:
Anja Laabs (Brandenburg, Platz 5), Wenke Christoph ([\'solid]-Bundessprecherin, Platz 3), Juliane Nagel (PDS-Jugend-Sachsen Platz 1), Felix Pithan (Sprecher [\'solid]-BAK Internationales, Platz 4), Sascha Wagener ([\'solid]-Bundessprecher, Platz 6).
Zudem wurde Jan Korte (PDS-Hochschulgruppe Hannover, [\'solid] Niedersachsen) auf Platz 2, Anna-Lena Orlowski auf Platz 7 und Yavuz Fersoglu auf Platz 8 der Ersatzliste gewählt.
Keine Diskussion gab es bei der Nominierung der bisherigen Euopa-Parlamentarier Sylvia-Yvonne Kaufmann und Helmut Markov auf den beiden Spitzenpositionen. Die ehemalige Parteivorsitzende Gabi Zimmer konnte sich erst im zweiten Wahlgang mit 53 zu 46 Prozentpunkte gegen die stark-auftretende Parteivorständlerin Sahra Wagenknecht durchsetzen. Letztere kandidierte auf Platz 5 erneut und konnte sich nach zunächt 47,1% im ersten Wahlgang, dann mit 53,4% in der Stuchwahl durchsetzen.
Auf Platz 4 setzte sich der, nicht zuletzt von vielen jungen [\'solid]- und PDS-Mitgliedern geforderte Friedensaktivist Tobias Pflüger im ersten Wahlgang gegen den ursprünglich favorisierten Berliner Benjamin Hoff und den ebenfalls kandidierenden Ilja Seifert durch.
Erfolge für
[\'solid]:
Auf Listenplatz 11 und auf den Ersatzplatz für Gabi Zimmer (3) wurde mit
81,4% die [\'solid]-Bundessprecherin Wenke Christoph gewählt. Der Sprecher
des [\'solid]-Bundesarbeitskreises Internationales, Felix Pithan, wurde mit
71,9% zum Ersatzkandidaten des Tübinger Friedensaktivisten Tobias Pflüger
gewählt. 85,4% der Stimmen gab es für [\'solid]-Bundessprecher Sascha
Wagener auf Ersatzplatz 6 (André Brie).
DIE PDS STELLT IN BERLIN DIE KANDIDATEN FÜR DIE EUROPAWAHL AUF UND BESINNT SICH AUF IHRE ROLLE ALS PROTESTPARTEI
Mit Sahra Wagenknecht und Gabi Zimmer für eine "geile" Politik
HENRY LOHMAR
BERLIN Zwei geschlagene Tage haben die PDS-Delegierten auf dem Berliner Europaparteitag zugebracht, haben das Wahlprogramm verabschiedet und die Kandidatenliste aufgestellt, doch am Ende interessierte vor allem eine Frage: Wird Sahra Wagenknecht, die Wortführerin der Kommunistischen Plattform, ihre Kandidatur gegen Ex-Parteichefin Gabi Zimmer um Platz drei gewinnen und damit dem Vorsitzenden Lothar Bisky eine politische Niederlage beibringen?
Es reichte nicht ganz. Immerhin konnte die Vertreterin der orthodoxen Linken, die in gewohnt klassenkämpferischer Manier gegen "die Lügen der herrschenden Politik" zu Felde zog und für "Solidarität mit Kuba und Venezuela" warb, zunächst fast die Hälfte der Delegierten hinter sich bringen. Doch im zweiten Wahlgang setzte sich die Thüringerin Gabi Zimmer durch. Lothar Bisky, der die sensible Personalie im Vorfeld mit den einflussreichen ostdeutschen Landesverbänden besprochen hatte, konnte aufatmen.
Die strammen Kommunisten in- und außerhalb der PDS, für die Sahra Wagenknecht längst so etwas wie ein Popstar ist, dürfen sich trotzdem freuen: Ihre Favoritin holte sich Platz 5 und ist damit, sollte die PDS den Einzug ins Straßburger Parlament schaffen, sicher mit von der Partie.
Die beiden Spitzenkandidaten und erfahrenen Europaabgeordneten, Sylvia-Yvonne Kaufmann und Helmuth Markov, wurden ohne Gegenkandidaten gewählt, wobei der Brandenburger Markov mit 94,7 Prozent das mit Abstand beste Ergebnis erzielte. Auf platz vier setzte sich ein Kandidat von außerhalb durch: der Tübinger Friedensforscher Tobias Pflüger, der vom Vorstand ursprünglich nur auf Platz acht gesetzt worden war. Wahlkampfchef André Brie holte sich Platz sechs. Der frühere DDR-Ministerpräsident und PDS-Ehrenvorsitzende Hans Modrow war vom Vorstand nicht aufgestellt worden. Eine Gegenkandidatur sei "unter seiner Würde", sagte er gegenüber der MAZ.
Die PDS will mit einem groß angelegten Wahlkampf, für den sie drei Millionen Euro bereitgestellt hat, den Wiedereinzug ins Europaparlament schaffen. Dies gilt als wichtige Voraussetzung, um 2006 als Fraktion in den Deutschen Bundestag zurückzukehren. Dabei werden die Sozialisten verstärkt auf ihre Rolle als Protestpartei setzen und mit außerparlamentarischen Kräften kooperieren, wie Parteichef Bisky andeutete. Bisky nannte die Politik der Bundesregierung "Gift für den Osten und Gift für den Westen".
In ihrem Europawahlprogramm lehnt die PDS den Konvents-Entwurf für eine europäische Verfassung ab. Sie kritisiert vor allem die Bestimmungen zur gemeinsamen Sicherheits- und Verteidigungspolitik und fordert eine Auflösung der Nato. Außerdem setzen sich die Sozialisten für eine Demokratisierung der EU-Organisationen ein.
Wahlkampfleiter André Brie warnte vor Selbstzufriedenheit und machte deutlich, dass die PDS noch nicht über ihre Niederlage von 2002 hinweg sei. Die Partei müsse ihren Gebrauchswert deutlich machen, wenn sie beim Wähler punkten wolle. Brie: "Wir müssen es schaffen, dass die Menschen sagen, wenn auch mit anderen Worten: Diese Politik ist geil."
in: Neues Deutschland, 02.02.04
Wahlkampfstart mit Revolutionsfanfaren
Die PDS will mit der Europawahl einen neuen Aufbruch schaffen, schleppt aber die alten Probleme mit sich herum
Von Wolfgang Hübner
Mit einem eher müden Parteitag am Sonnabend und einer turbulenten Listenwahl am Sonntag läutete die PDS am Wochenende ihren Europawahlkampf ein. Bei der Wahl der Kandidaten musste der Parteivorstand Federn lassen.
Tschaikowski also. Tschaikowski haben die Berliner Symphoniker für ihr kurzes Gastspiel bei der PDS ausgesucht. Die Ouvertüre »1812«, ein mitreißendes Stück mit Revolutionsfanfaren, die am Samstagmorgen durchs Internationale Congress Center unterm Berliner Funkturm schmettern, während die Delegierten in den Saal trudeln. Anklänge an die Marseillaise. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Auf, auf zum Kampf.
Die Musiker sind schon auf der Barrikade und hoffen, dass ihnen die PDS folgt. Es war keine Pausenbelustigung, was hier stattfand, sondern der pure Existenzkampf. Ein kurzes, aber wichtiges Konzert, vielleicht das wichtigste für dieses Orchester, das bedroht ist, denn es steht auf einer Streichliste des Berliner SPD/ PDS-Senats. Berliner PDS-Abgeordnete können haarklein und schlüssig erklären, dass die Symphoniker in schwierigen Haushaltsverhandlungen geopfert wurden, um anderes zu retten. Eine Art Bauernopfer. Intendant Jochen Thärichen, der seine Truppe ins ICC begleitet hat, verweist indessen auf die Einzigartigkeit des Orchesters ? viele Familienkonzerte, viele Auftritte in Schulen. Keines von den ganz großen Vorzeigeorchestern. In diesem Fall, sagt Thärichen, während die Musiker so viel Beifall erhalten, wie kaum einer der vielen Redner nach ihnen, in diesem Fall sei es wie anderswo auch: »Die Kleinen hängt man und die Großen kommen davon.«
Zehntausende Wahlkämpfer nötig
Es sind solche Vorgänge, die am Image der PDS nagen. Berlin ist schon längst kein Wahlkampfknüller mehr, wie Parteistrategen noch vor zwei Jahren glaubten, Berlin ist verzweifeltes Krisenmanagement und in den Augen nicht weniger PDS-Sympathisanten eine herbe Rufschädigung, auch überregional. Die Berliner Senatspolitik habe ihren Anteil am Glaubwürdigkeitsverlust der PDS, konstatiert etwa Klaus-Rainer Rupp aus Bremen. Viele Menschen bezweifelten, dass die Konzepte der PDS durchführbar sind.
Da freuen sich die Genossen schon, wenn die PDS eben gerade nach langer Zeit wieder einmal in allen maßgeblichen Umfragen über fünf Prozent liegt. Aber sicher, warnt Wahlkampfleiter André Brie, sicher ist noch gar nichts. Immerhin, Brie, mit seinen kritischen Analysen der PDS so etwas wie der Berufspessimist der Partei, schwingt sich auch zu aufrüttelnden Sätzen auf: »Wir werden unsere Wahlziele 2004 erreichen, wir werden am 13.Juni mehr als fünf Prozent erreichen. Wir werden das unerlässliche Signal erhalten, dass die PDS zurück und von den Wählern als bundespolitische Kraft bestätigt worden ist«. Aber, fügt Brie gleich hinzu, das werde nur gelingen, »wenn diese ganze Partei offensive, energische Wahlkämpfe organisiert und führt, wenn die Zehntausenden Mitglieder der PDS auch Zehntausende Wahlkämpfer sind«.
Wenn das der Maßstab
ist, hat die PDS noch viel zu tun. Die Hauptredner des Parteitags am Sonnabend
jedenfalls machten teilweise den Eindruck, als hätten sie selbst erst einmal
ein Motivationstraining nötig. Der Parteichef quälte sich sichtlich
durch sein Manuskript, ließ eine längere Passage über die Schwierigkeiten
des Mitregierens in den Ländern vorsichtshalber weg und erreichte die wohl
größte Aufmerksamkeit der Delegierten, als er auf Hans Modrow zu
sprechen kam.
Der bisherige Europaabgeordnete hatte ursprünglich angekündigt, sich
aus dem Parlament zurückzuziehen, dann aber doch Interesse an einer Kandidatur
angemeldet. Die Auseinandersetzungen in der PDS um die Haltung zum EU-Verfassungsentwurf
hatten ihn nach eigener Aussage dazu bewogen. Doch Modrow war in den Planungen
der Parteispitze fürs Europaparlament nicht mehr vorgesehen. Man will eine
demonstrative Verjüngung des Personals, und so riet Bisky dem Ehrenvorsitzenden
erst unter vier Augen, dann öffentlich von einer erneuten Bewerbung ab.
Modrow akzeptierte wenig erfreut und Bisky bestätigte ihm vor dem Parteitagspublikum,
wie wichtig er für die in Gründung befindliche europäische Linkspartei
und für die Konsolidierung der PDS sei.
Auf sein abgewiesenes Kandidaturangebot kam Modrow mit keinem Wort zu sprechen; dass er sich mit Bisky öffentlich anlegen würde, war auch nicht zu erwarten. Wer jedoch genau zuhörte, spürte Modrows Unbehagen über den Zustand der Partei. Oft klafften Beschlüsse und praktische Politik auseinander, eine Strategiedebatte fehle, unzufriedene Mitglieder verließen die Partei.
Unmut und manche offene Rechnung
»Wo nicht die Bereitschaft da ist, andere Überlegungen aufzunehmen, sondern die eigene Politik nur besser zu erklären, bleibt die Gefahr neuer Niederlagen«, erklärte Modrow mit unüberhörbarem Seitenhieb auf die Regierungsbeteiligungen der PDS. Am Sonntag dann, bei der Wahl der Kandidatenliste, entlud sich so mancher Unmut über die PDS-Politik in den letzten Jahren. Sylvia-Yvonne Kaufmann, die unumstrittene Europaexpertin der PDS, hatte bei ihrer Bewerbung um den Spitzenplatz keine Kontrahentin und kam dennoch nur auf 71 Prozent der Stimmen. Nahezu jeder dritte Delegierte wollte sie nicht - was vermutlich mit ihrem ursprünglichen Ja zur Europaverfassung zusammenhängt. Die Schlappe wurde umso deutlicher, als Helmuth Markov ebenfalls ohne Konkurrenz mit knapp 95 Prozent auf Rang zwei gewählt wurde.
Eine Quittung holte sich auch die einstige Parteivorsitzende Gabriele Zimmer ab. Trotz deutlicher Fürsprache unter anderem durch Lothar Bisky und Rückenwind vom Vorstand kam sie im ersten Wahlgang um Platz drei gegen Sahra Wagenknecht nur auf 158 von 317 abgegebenen Stimmen; Wagenknecht erhielt nach einer gewohnt kämpferischen und geschliffenen Vorstellungsrede 148 Stimmen. Das reichte für keine von beiden.
Die Wahlordnung schreibt vor, dass gewählt ist, wer die Hälfte der abgegebenen Stimmen um eine übertrifft - daran fehlte Zimmer genau eine Stimme. Im zweiten Wahlgang fielen die meisten der neun Enthaltungen aus dem ersten Anlauf nun auf Zimmer, die sich schließlich mit 168 gegen 145 Stimmen durchsetzte. 53,2 Prozent ? ein mageres Ergebnis für die mit viel Selbstbewusstsein gestartete Zimmer. Wagenknecht setzte sich dann bei der Abstimmung um Platz fünf souverän gegen fünf Mitbewerberinnen durch, unter anderem die vom Vorstand gesetzte Berlinerin Evrim Baba.
Ab Platz vier begann ein umfassendes Kandidatengerangel. Vorstandsfavorit Benjamin Hoff bekam gleich doppelte Konkurrenz - vom parteilosen Friedensforscher Tobias Pflüger und vom Sozial- und Behindertenpolitiker Ilja Seifert. Pflüger war vom Parteivorstand auf Platz acht gesetzt worden, hatte dies aber abgelehnt. Seiner Begründung, dies sei kein klares Zeichen an die globalisierungskritischen Bewegungen, konnten sich etliche Delegierte anschließen. Einer sprach sogar davon, dass so die Friedensbewegung instrumentalisiert werde. Er kandidiere nur für diesen vierten Platz, teilte Pflüger den Delegierten mit; diese »Jetzt oder nie«-Taktik ging auf, denn er schaffte auf Anhieb 52,9 Prozent und ließ die beiden Mitbewerber klar hinter sich. Hoff, der auf weitere Kandidaturen verzichtete, hat nun Gelegenheit, seinem eigenen Plädoyer zu folgen: Wenn die Liste erst einmal beschlossen sei, hatte er zuvor erklärt, müsse die ganze Partei entschlossen dafür kämpfen. Auf dieser sicherte sich André Brie schließlich ohne Probleme und mit einer Zustimmung von 236 Delegierten (80,3 Prozent) den sechsten Platz.
Mehr Angriffslust, mehr Biss, mehr Marx
In den Monaten bis zur Europawahl will die PDS die »Agenda sozial«, ihr Gegenprojekt zu Schröders Agenda 2010, unter die Leute bringen. Sie will sich für ein friedliches, solidarisches, gerechtes Europa einsetzen und damit all jene ansprechen, die die Kombination Gerhard Schröder und Sozialdemokratie fast schon als Witz empfinden, wie ein Redner sagte. Mehr Angriffslust, mehr Biss wünscht sich Vorstandsmitglied Wolfgang Gehrcke für den Wahlkampf. Und mehr Marx. Der habe geschrieben, man könne die Verhältnisse nur zum Tanzen bringen, indem man ihnen die eigene Melodie vorspielt. »Da hat es keinen Sinn, die Bundesregierung für einen Walzer anzugreifen, wenn sie schon längst einen Schieber tanzt.«
Die PDS muss kämpfen, wie auch die Berliner Symphoniker. Das Ticket der Partei nach Brüssel ist bis Juni befristet, das Orchester hat seine vorerst letzte große Tournee im Sommer nach Japan. Immerhin setzt sich der Parteitag in einem Beschluss dafür ein, die europäische Orchesterlandschaft zu erhalten und bezeichnet Orchesterschließungen als »ungeeignetes Mittel, desolate öffentliche Haushalte zu sanieren«. Ein Absatz, in dem die Berliner PDS aufgefordert wird, die Abwicklung der Berliner Symphoniker möglichst zu verhindern, fand jedoch keine Mehrheit. Im Sommer werden sie wissen, ob sie es geschafft haben. Die Sozialisten und die Symphoniker. Vielleicht hängt ja beides ein bisschen miteinander zusammen.
in: junge Welt, 02.02.2004
Markus Bernhardt
Gabi Zimmer durchgewunken
Keine Überraschungen beim Europaparteitag der PDS in Berlin
Es begann mit einem Paukenschlag. Die Berliner Symphoniker, eines der jüngsten Opfer der Kahlschlagspolitik des Berliner SPD-PDS-Senats, nutzten den Europaparteitag der PDS, der am Wochenende im Berliner ICC stattfand, zu einem musikalischen Protest gegen die »Sparpolitik« in der Hauptstadt. Doch außer den sattsam bekannten hämischen und arroganten Kommentaren des Berliner PDS-Vormannes Stefan Liebich zeitigte dieser Auftritt kaum Reaktionen. Man hatte schließlich Wichtigeres zu tun. Im Mittelpunkt der Vertreterversammlung stand die Aufstellung der Kandidatenliste der PDS für die Wahl zum Europäischen Parlament am 13. Juni diesen Jahres. Die Partei erhofft sich vom möglichen Überwinden der Fünf-Prozent-Hürde bei den Europawahlen eine Signalwirkung für die nationale Politik, besonders in Hinblick auf die nächsten Bundestagswahlen 2006.
In der Generaldebatte gab es nur vereinzelte Kritik an der aktuellen Politik der PDS. So forderte Olaf Walther aus Hamburg, sich nicht weiter »von Institutionen aufsaugen« zu lassen und zurück zur Opposition zu finden. Auch der Ehrenvorsitzende Hans Modrow beanstandete die mangelnde Umsetzung der Parteiprogrammatik in der praktischen Politik. Modrow, der dem Europäischen Parlament zur Zeit angehört, wurde vom Parteivorstand nicht für eine erneute Kandidatur empfohlen. Die Versammlung beschloß schließlich am Sonnabend mit wenigen Gegenstimmen das EU-Wahlprogramm der Partei und eine Entschließung zur Gründung der Partei der Europäischen Linken (EL).
Überraschungen gab es auch nicht bei den Wahlen für die vorderen Listenplätze am Sonntag. Dabei wurde die wegen ihrer positiven Haltung zum Verfassungsentwurf der Europäischen Union oft kritisierte Sylvia-Yvonne Kaufmann mit 71 Prozent der Stimmen als Spitzenkandidatin der PDS gewählt. Ihr folgt der Brandenburger Helmuth Markov, der mit 94,7 Prozent auf Listenplatz zwei gewählt wurde. In einer Kampfabstimmung setzte sich die ehemalige Vorsitzende der Partei, Gabi Zimmer, gegen die Sprecherin der Kommunistischen Plattform, Sahra Wagenknecht, für Platz drei durch. Auf Platz vier der Liste steht Friedensaktivist Tobias Pflüger aus Baden-Württemberg.
Pressebericht
in: AFP, 1. Februar 2004, 18:20 Uhr
PDS mit Zimmer und Wagenknecht im Europawahlkampf
Berlin (AFP) - Die PDS zieht mit Ex-Parteichefin Gabi Zimmer und der Parteilinken Sahra Wagenknecht in den Europawahlkampf. Bei einer Kampfkandidatur um Platz drei setzte sich Zimmer auf dem Europa-Parteitag in Berlin gegen die Wortführerin der Kommunistischen Plattform durch. Wagenknecht trat für Platz fünf erneut an und behauptete sich gegen mehrere Gegenkandidatinnen.
Zur Spitzenkandidatin wählten die Delegierten die EU-Parlamentarierin Sylvia-Yvonne Kaufmann, auf Platz zwei wurde der EU-Abgeordnete Helmut Markov gewählt. Bei beiden gab es keine Gegenkandidaten. Nur die ersten sechs Plätze gelten als aussichtsreich.
Für die PDS geht es um den Wiedereinzug ins Europaparlament. Bei der Wahl 1999 hatte die Partei 5,8 Prozent erreicht und ist seitdem mit sechs Abgeordneten im Straßburger Parlament vertreten. Der PDS-Wahlkampfmanager und Europaabgeordnete André Brie kam nur auf den sechsten Listenplatz, der Tübinger Friedensaktivist Tobias Pflüger auf Platz vier.
Die Delegierten beschlossen auf dem Parteitag außerdem ihr Europaprogramm. Darin fordern die Sozialisten, das europäische Sozialstaatsmodell "auch in Zeiten des Globalisierungswettlaufs" zu erhalten. Die Partei wendet sich außerdem gegen die "neoliberale Politik der Deregulierung" und "den Vorrang der internationalen Wettbewerbsfähigkeit".
Stattdessen sollten Binnennachfrage und regionale Wirtschaftskreisläufe gestärkt werden. Die PDS drängt auf eine Revison der Defizitkriterien und des Stabilitätspaktes. Sparen und Kürzungen bei Sozialhaushalten erzeugten Nachfrageverluste und trieben die Wirtschaft in eine "Abwärtsspirale".
in: junge Welt vom 31.01.2004
PDS entscheidet über EU-Kandidaten
Tobias Pflüger und Sahra Wagenknecht wollen kandidieren. Vorstand soll Listenvorschlag korrigieren
Der Politologe und langjährige Aktivist der Friedensbewegung Tobias Pflüger wird an diesem Wochenende am PDS-Parteitag und an der Vertreterversammlung zu den Wahlen zum Europäischen Parlament teilnehmen und hält sich »für eine Kandidatur z. B. auf Platz vier bereit«. Dies geht aus einer jW am Freitag zugegangenen persönlichen Erklärung Pflügers hervor. Danach will Pflüger mit seiner Kandidatur ein Zeichen dafür setzen, die Europawahlen auch zu einer Abstimmung gegen den Sozialabbau im Innern und die Militarisierung der Europäischen Union zu machen. »Viele Menschen innerhalb und außerhalb der PDS haben mich aufgefordert auf einem aussichtsreichen Platz der Liste der PDS zur EU-Wahl zu kandidieren«, heißt es in der Erklärung. Der Parteivorstand der PDS hatte Pflüger lediglich für den aussichtslosen achten Listenplatz vorgeschlagen.
Auf dem heute beginnenden Wahlparteitag wird auch ein Antrag der Delegierten des PDS-Stadtverbandes Leipzig Margitta Hollick und Dr. Volker Külow auf Überarbeitung bzw. Neufassung der Vorschlagsliste des Parteivorstandes für die Bundesliste der PDS zur Europawahl 2004 eine Rolle spielen. Zur Begründung wird die »weit verbreitete und teilweise gravierende Unzufriedenheit mit dem jetzigen Listenvorschlag des Parteivorstandes, die sich in zahlreichen Zuschriften aus regionalen Gliederungen, Arbeitsgemeinschaften, Initiativen und Einzelpersönlichkeiten in der PDS und aus ihrem Umfeld sowie in öffentlichen Wortmeldungen manifestiert«, angeführt. Die vorgeschlagenen Kandidaten seien zu Teilen nicht im notwendigen Umfang über die PDS hinaus bekannt und fachlich ausgewiesen, respektiert und deshalb wählbar. Es bleibe die Frage, weshalb Bewerbungen von bundesweit ausgewiesenen Persönlichkeiten wie beispielsweise Dr. Hans Modrow, Tobias Pflüger und Sahra Wagenknecht nicht gebührend berücksichtigt wurden.
Unterdessen hat der PDS-Vorsitzende Lothar Bisky seine Partei in der Berliner Zeitung vom Freitag davor gewarnt, einen möglichen Erfolg bei der Europawahl durch »dümmliche Querelen« zu verspielen.
Auf dem Parteitag wird eine Kampfkandidatur zwischen der vom Vorstand vorgeschlagenen Ex-Parteichefin Gabi Zimmer und der Sprecherin der Kommunistischen Plattform, Sahra Wagenknecht, um Platz drei erwartet. Wagenknecht sagte der Chemnitzer Freien Presse vom Freitag, Zimmer sei mitverantwortlich dafür, daß die PDS Glaubwürdigkeit und Profil als linke sozialistische Kraft verloren habe. (jW/AFP)
in: Neues Deutschland, 31.01.04
PDS-Parteitag
Konkurrenz um vordere Listenplätze
Kampfkandidaturen bei Wahl der Europa-Kandidaten
Berlin (ND-Hübner). Unmittelbar vor dem PDS-Europaparteitag am Wochenende hat der Tübinger Friedensforscher Tobias Pflüger angekündigt, sich für einen vorderen Platz auf der Kandidatenliste zur Europawahl zu bewerben. Pflüger war vom PDS-Vorstand für Platz acht vorgeschlagen worden, hatte dies aber abgelehnt. Zwar hat es der Parteivorsitzende Lothar Bisky zum Ziel erklärt, acht Mandate zu erringen, aber die ersten sechs Plätze gelten als sicher, wenn die PDS die Fünf-Prozent-Hürde knapp überspringt.
Angesichts dessen hatte Pflüger einen Tag nach der Vorstellung des Listenvorschlags durch Bisky mitgeteilt, er stehe für Platz acht nicht zur Verfügung. Eine Kandidatur außerhalb der ersten sechs Plätze auf einer ansonsten reinen PDS-Liste sei kein klares Signal an die globalisierungskritische und Friedensbewegung. Inzwischen hätten ihn jedoch viele Menschen innerhalb und außerhalb der PDS ? u.a. der Landesvorstand Thüringen ? aufgefordert, »auf einem aussichtsreichen? Platz« zu kandidieren. Deshalb halte er sich »für eine Kandidatur z.B. auf Platz vier bereit«. Damit würde Pflüger gegen den vom PDS-Vorstand für diesen Platz vorgeschlagenen jungen Berliner Abgeordneten Benjamin Hoff konkurrieren.
Eine Kampfkandidatur wird auch für Platz drei erwartet. Vom Parteivorstand nominiert ist dafür die frühere Parteichefin Gabriele Zimmer, gegen sie antreten wird wahrscheinlich Vorstandsmitglied Sahra Wagenknecht. Dieser hatte der Vorstand ursprünglich Platz sieben angeboten, was die Aktivistin der Kommunistischen Plattform jedoch ablehnte. Der Listenvorschlag insgesamt entspreche nicht dem Spektrum der PDS, hatte Wagenknecht ihre Entscheidung begründet. In den letzten Tagen hatten sich u.a. die PDS-Landesvorstände Bayern und Niedersachsen für Wagenknecht eingesetzt. Deren Kandidatur gegen Zimmer ist brisant, weil diese erklärt hatte, nicht auf eine Liste mit Leuten gewählt werden zu wollen, die das neue Parteiprogramm ablehnen. Wagenknecht hatte das Programm deutlich kritisiert und sich bei der Abstimmung darüber der Stimme enthalten.
Lothar Bisky zufolge gingen beim Parteivorstand etwa 30 Zuschriften ein, in denen der Listenvorschlag als unausgewogen, teils als nicht pluralistisch kritisiert wird. In einer kürzlichen Vorstandssitzung wurde diese Sicht nicht geteilt. Das neue Parteiprogramm, heißt es in einer Protokollnotiz, unterstütze den Pluralismus in der PDS, die auf der Liste stehenden Kandidaten stünden zum Programm. »Damit«, wird geschlussfolgert, »ist auch die Liste zur Europawahl pluralistisch.«
in: junge Welt, 03.02.2004
Bisky nicht zufrieden
PDS-Chef hält Europawahlliste für nicht ideal. Pflüger auf Platz 4 und Wagenknecht auf Platz 5 gewählt
Markus Bernhardt
Die PDS-Kandidatenliste für die Europawahl im Juni ist nach Ansicht von Parteichef Lothar Bisky nicht die «Idealliste». Er bedauere, daß es im Vorfeld nicht gelungen sei, Persönlichkeiten aus dem gewerkschaftlichen Bereich oder aus sozialen Bewegungen zu gewinnen, sagte Bisky am Montag im Deutschlandfunk. Die PDS hatte am Sonntag auf einem Parteitag in Berlin die Europaabgeordnete Sylvia-Yvonne Kaufmann zur Spitzenkandidatin und Helmuth Markov auf den zweiten Listenplatz für die Wahl am 13. Juni gekürt.
Auf Platz drei setzte sich die ehemalige Vorsitzende der Partei, Gabriele Zimmer gegen Sahra Wagenknecht von der Kommunistischen Plattform durch. Der parteilose Tübinger Friedensforscher Tobias Pflüger gewann die Auseinandersetzungen um Platz vier der Wahlliste. Trotz der Gegenkandidaturen von Benjamin Hoff und Ilja Seifert erreichte er mit 52,9 Prozent der abgegebenen Stimmen ein gutes Ergebnis. Pflüger war vom Parteivorstand für Platz acht der Liste vorgeschlagen worden, aber nur zur Kandidatur für einen vorderen Listenplatz bereit.
Unterstützung hatte der renommierte Friedensaktivist vor allem aus den Landesverbänden Thüringen, Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg erhalten. Auch Vertreter des PDS-Jugendverbandes solid hatten für eine Kandidatur Pflügers auf einem als sicher geltenden Listenplatz geworben. In seiner Vorstellungsrede bezeichnete Pflüger seine Kandidatur als »Signal an die Friedens- und Antiglobalisierungsbewegung«.
Bei der Abstimmung um Listenplatz fünf setzte sich Sahra Wagenknecht eindeutig gegen fünf weitere Bewerberinnen durch. Die Sprecherin der Kommunistischen Plattform erhielt im ersten Wahlgang 47,1 Prozent der abgegebenen Stimmen und gewann die notwendige Stichwahl mit 53,4 Prozent gegen Feleknas Uca, die bereits seit 1999 als Abgeordnete im Europäischen Parlament tätig ist. Wagenknecht hatte die Delegierten vor allem durch ihre kämpferische Rede überzeugt, in der sie forderte, den »Lügen der etablierten Politik« politische Alternativen entgegenzusetzen und das Vertrauen der Wähler zurückgewinnen, die sich ganz von der Politik abgewandt hätten. Wagenknecht kündigte außerdem an, sich im EU-Parlament für die den Bereich Wirtschafts- und Sozialpolitik engagieren zu wollen und rief ihre Partei zur weiteren Solidarität mit Kuba und Venezuela auf.
Ohne große Auseinandersetzungen wurde der Wahlkampfleiter der PDS, Andre Brie, mit 80,3 Prozent der abgegebenen Stimmen auf Platz sechs der Liste gewählt.
Ihm folgen Feleknas Uca mit 57,4 Prozent auf Platz sieben und Helmut Scholz auf Platz acht, der sich in einer Stichwahl mit 52,6 Prozent der Stimmen gegen den in Großbritannien geborenen Keith Barlow durchsetzte.
in: Ozgur Politika
PDS, AP adaylarini
belirledi
MHA/BERLIN
Almanya Demokratik Sosyalizm Partisi (PDS), Berlin\'de devam eden kurultayinda 13 Haziran\'da yapilacak Avrupa Parlamentosu seçimlerine katilacak adaylarini belirledi. Iki günlük kurultayin ilk gününde seçim programini kararlastiran delegeler, dün ise AP seçimlerinde yarisacak adaylari tespit etti.
Kongrede dün gün boyu devam eden adaylik yarisi çekismeli geçti. Listenin ilk 7 sirasinda PDS\'in taninmis politikacilari yer aliyor. 5. sira için aday olan Kürt politikacilardan Berlin Eyalet Meclisi üyesi Evrim Baba, oylarin yüzde 16.5\'ini alarak listeye giremedi. Bunun üzerine 5. sira yarisi sol kanat liderlerinden Sahra Wagenknecht ile AP üyesi Feleknas Uca arasinda kaldi. Wagenknecht, ikinci turda az farkla öne geçerek 5. sira adayligini kazandi. Delegeler Wagenknecht\'e 166, Uca\'ya da 137 oy verdi. 6. sirada ise geçen dönem PDS, AP delegasyonu baskani olan Andre Brie seçildi. 6. sira için Brie\'ye karsi yarismak istemeyen Uca, dün aksam saatlerinde 7. sira mücadelesinde Köln Belediye Meclisi üyesi Kürt kökenli Sengül Senol, Anja Laabs, Hannelore Runft ile yaristi ve bunu farkla kazandi. Uca 170 oy (yüzde 57.4) alirken Senol 34 delegenin destegi ile sinirli kaldi. Anja Laabs 66, Hannelore Runft da 14 oy aldi. PDS lideri Lothar Bisky, oylamanin ardindan Uca\'yi kutladi.
Buna göre, PDS adina 13 Haziran günü 1. siradan Sylvia-Yvonne Kaufmann, 2. siradan Helmut Markov, 3. siradan Gabi Zimmer, 4. siradan Tobias Pflüger, 5. siradan Sahra Wagenknecht ve 6. siradan Andre Brie ve 7. siradan Feleknas Uca seçmenden oy isteyecek.
in Thüringer Allgemeine, 02.02.2004
Gehöriger Schock
Die PDS-Erzrivalinnen Gabriele Zimmer und Sahra Wagenknecht können nur gemeinsam ins Europa-Parlament kommen - oder gar nicht.
Eine TA-Korrespondenz aus Berlin von Wolfgang Suckert
Der Reden-Teufel reitet von Zeit zu Zeit die PDS-Ex-Chefin. Auf dem Parteitag in Cottbus hatte sie im Oktober 2000 mit dem Bekenntnis, dass sie Deutschland liebe, die Genossen in nationale Verwirrung gestürzt. Gestern begann sie ihre Rede für die Bewerbung für die Kandidatenliste zur Europawahl mit der wichtigen Mitteilung, sie sei nun Oma.
Inhaltlich stellte sie sich natürlich hinter das am Vortag verabschiedete Wahlprogramm, in dem eine Demokratisierung der EU-Gremien gefordert wird. Sie stehe auch für eine Zusammenarbeit mit den sozialen Bewegungen wie attac.
Ihre Rivalin Sahra Wagenknecht begann schnörkellos. Die Wirtschaft stelle in Europa die Regeln für Sozialabbau auf, die von der Politik national gnadenlos umgesetzt würden. Es folgte die Beschwörung der Solidarität mit Kuba, die das Herz vieler Delegierten traf.
Mit diesem rhetorischen Vorteil schaffte die Galionsfigur der Kommunistischen Plattform das allgemein Unerwartete. Zwar gewann Zimmer mit 158 zu 148 Stimmen. Aber nach dem Reglement fehlte ihr genau die eine Stimme, die über die rechnerische Hälfte gebraucht wurde. In Durchgang zwei konnte Gabriele Zimmer dann aber zehn Stimmen dazugewinnen.
Gegenüber dieser Zeitung sah sie das alles sehr "sportiv". Sie wolle beim Einzug in das Europa-Parlament das Programm der PDS mit der täglichen Politik verbinden. Was wie eine Plattitüde klang, sollte eine feine Spitze gegen ihre Konkurrentin sein. Wagenknecht hatte am Tag zuvor dem Wahlprogramm nicht zugestimmt und könnte sich demzufolge auch nicht an dieses gebunden fühlen. So definiert sie die Abschaffung der Europäischen Zentralbank als eines ihrer wichtigsten Ziele.
Den 36 Thüringer Delegierten war nach dem toten Rennen ein gehöriger Schock in die Glieder gefahren. Christina Michael, PDS-Chefin im Wartburg-Kreis, sieht in Gabi Zimmer zu Hause ein starkes Zugpferd für den Europa-Wahlkampf, das man ungern gegen Wagenknecht eintausche.
Dagegen berichteten viele West-Delegierte, dass nur Wagenknecht bei ihnen in der Lage sei, die Säle zu füllen. Wohl auch deshalb befand Parteichef Lothar Bisky es als unproblematisch, dass Wagenknecht sich dann unangefochten auf Platz fünf durchsetzen konnte.
Bisky selbst hatte die immer noch nicht befriedigende Westausstrahlung bemängelt. Deshalb seien die Ost-Mitglieder mitunter aus reiner Verzweiflung selbstgerecht. Er hatte als wichtigste Ziele die Rücknahme des Sozialabbaus gefordert sowie vor dem Ausbau der EU zur Militärmacht gewarnt. Die Europawahl sei ein wichtiger Schritt, um wieder in die Bundespolitik zurückzukehren.
Das Spitzenduo auf der Kandidatenliste, die Europaabgeordneten Sylvia-Yvonne Kaufmann und Helmuth Markov, setzte sich klar durch. Der Tübinger Friedensforscher Tobias Pflüger kam entgegen dem Vorstandsvorschlag auf Platz vier. Der an dieser Stelle vorgesehene Benjamin Hoff, Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses, fiel bei den Delegierten durch.
in DeutschlandRadio Berlin, 1.2.2004
Kommentar
Mit Sarah Wagenknecht ins Europäische Parlament
Von Günter Hellmich
Wer bei der Europawahl die PDS wählt, wählt Sarah Wagenknecht. Mit dem Listenplatz Nr. 5 ist der Protagonistin der Kommunistischen Plattform ein Mandat im Straßburger Parlament sicher. Wenn - ja, wenn die Linkssozialisten die 5-%-Hürde überspringen, sind ihnen wie beim letzten Mal sechs Abgeordnete sicher. Die berechtigte Frage lautet nun allerdings, ob Sarah Wagenknechts heutiger Parteitagssieg den Wahlerfolg am 13. Juni begünstigt oder eher in Frage stellt. Auch bei jenen in der PDS, die der Genossin vom orthodoxen Flügel den Erfolg eigentlich nicht gönnen, gibt es die Hoffnung Sarah Wagenknecht könnte dank ihrer Medienprominenz ein linkes Wählerpotential im Westen mobilisieren, das sonst nicht für die PDS zu begeistern wäre.
Nur wird das den Verlust des Vertrauens jener ausgleichen, für die eine Kandidatin eben gerade nicht wählbar ist, die jegliche pragmatische Politik ablehnt?
Man wird im Karl-Liebknecht-Haus mit der Erkenntnis leben müssen, dass diese Kandidatin die Partei in der Öffentlichkeit repräsentiert, obwohl sie dem Europawahlprogramm nicht einmal zugestimmt hat. Obwohl Lothar Bisky das Ergebnis dieses Parteitags pflichtgemäß hervorragend fand, hat er an diesem Wochenende eine Niederlage erlitten.
Um die Fürsorgepflicht gegenüber der abgehalfterten Übergangsvorsitzenden Gabi Zimmer zu erfüllen und sie mit einem Europamandat abzufinden, riskierten Bisky und seine Vorstandskollegen den Widerstand vieler Genossen und holten sich dafür letztlich Sarah Wagenknecht ins Boot.
Auch der Tübinger Friedensforscher Tobias Pflüger, kein PDS Mitglied, wurde gegen den Vorstandswillen von der Parteitagsmehrheit auf einen der sechs aussichtsreichen Plätze gehievt. Das ist bitter für die Autorität des Vorsitzenden, der die Parteitagsregie genauso wenig im Griff hatte wie das Redemanuskript seiner Parteitagsrede.
Bisky hat die Europawahl als Testwahl für die nächsten Bundestagswahlen bezeichnet. Da mag er recht haben, jedenfalls im negativen: Wenn die PDS wegen ihres desolaten Zustandes dort unter 5% bleibt - wird es schwer werden für den Bundestagswahlkampf überhaupt noch zu mobilisieren. So gesehen war der Parteitag dieses Wochenendes für die PDS ein weiterer Schritt in eine randständige Existenz. Auch weil es ab heute heißt, wer PDS wählt, wählt Sarah Wagenknecht.
in: Financial Times Deutschland, 2.2.2004
Zimmer und Wagenknecht ziehen für die PDS in den Europawahlkampf
Bei einem Parteitag der PDS hat sich der Vorsitzende Lothar Bisky nicht mit allen seinen Wunschkandidaten für die Europawahl durchgesetzt. Den mit Spannung erwarteten Kampf um Platz drei entschied die frühere PDS-Vorsitzende Gabi Zimmer für sich.
Die PDS nominierte mit Zimmer und Sahra Wagenknecht zwei ihrer prominentesten Mitglieder als Kandidaten für die Europawahl 2004. Nach Kampfabstimmungen kam die ehemalige Parteivorsitzende Zimmer beim PDS-Europarteitag in Berlin auf Platz drei, Wagenknecht auf Platz fünf. Um den Wiedereinzug bewerben sich als Spitzenkandidaten auch die EU-Parlamentarier Sylvia-Yvonne Kaufmann und Helmuth Markov. Schafft die PDS am 13. Juni die Fünf-Prozent-Hürde, gelten ihr sechs Mandate als sicher.
PDS-Vorstandsmitglied Wagenknecht hatte erst kurz vor dem Parteitag ihre Kandidatur für Platz drei der Liste erklärt. Den vom Vorstand vorgeschlagenen siebten Listenplatz lehnte sie wegen zu geringer Chancen ab. Wagenknecht gehört der kommunistischen Plattform der PDS an und gilt als ausgewiesene Fachfrau für Wirtschafts- und Finanzfragen.
Die Nominierung Zimmers war vom Vorstand um den PDS-Vorsitzenden Lothar Bisky unterstützt worden. Zimmer setzte sich erst im zweiten Wahlgang gegen ihre Herausforderin durch. Sie bekam 168 der 316 gültigen Stimmen (53,2 Prozent). Wagenknecht erhielt 145 Stimmen (45,9 Prozent). Im ersten Durchgang hatte es noch keine Entscheidung gegeben, weil beide Kandidatinnen die erforderliche absolute Mehrheit verfehlten.
Pflüger überraschend aufgestellt
Eine Niederlage im Kampf um die aussichtsreichsten Listenplätze musste am Sonntag die Berliner PDS hinnehmen. Die von Bisky vorgeschlagenen Kandidaten Benjamin Hoff und Evrim Baba - beide gehören dem Berliner Abgeordnetenhaus an - kamen nicht durch. Statt Hoff wählten die Delegierten überraschend den Politologen und Friedensaktivisten Tobias Pflüger aus Tübingen auf Platz vier der Liste.
Baba fiel im ersten Wahlgang um Platz fünf durch. Sie musste Wagenknecht den Vortritt lassen, die sich im zweiten Wahlgang mit 166 Stimmen (53,4 Prozent) gegen die ebenfalls kandidierende derzeitige PDS-Europaabgeordnete Feleknas Uca durchsetzte. Uca bekam 137 Stimmen (44,1 Prozent). Sie wurde später auf Listenplatz sieben gewählt.
Platz sechs für André Brie
Auf Platz sechs landete unangefochten André Brie, der von 294 gültigen Stimmen 236 Ja-Stimmen (80,3 Prozent) auf sich vereinte. Brie ist ebenfalls bereits Mitglied des Europaparlaments. Kaufmann bekam 225 von 317 gültigen Stimmen (71 Prozent). Markov erhielt bei 318 abgegebenen Stimmen 301 Ja-Stimmen (94,7 Prozent).
Bei der letzten Europawahl gelang 1999 sechs PDS-Kandidaten der Sprung ins EU-Parlament. Die Partei erreichte damals 5,8 Prozent. Im Europäischen Parlament gehören die PDS-Abgeordneten als Delegation der 50-köpfigen Konföderalen Fraktion der Vereinten Europäischen Linken/Nordische Grüne Linke (GUE/NGL) an. Dabei handelt es sich um den Zusammenschluss von 17 sozialistischen rot-grünen und kommunistischen Parteien aus zehn Mitgliedstaaten der EU.
in: Presseerklärung der PDS Sachsen-Anhalt, 02.02.2004
Nach dem Europawahlparteitag
der PDS erklärt die Landesvorsitzende der PDS Sachsen-Anhalt,
Rosemarie Hein:
"Die PDS hat sich am Wochenende auf ihrem Europaparteitag zu einer pro-europäischen Politik bekannt.
Das beschlossene Europawahlprogramm der PDS ist ein ambitioniertes Programm zu einer menschlichen Gestaltung der europäischen Einheit. Es setzt vor allem auf ein solidarisches und gerechtes Europa, insbesondere auch für die Beziehungen zwischen den bisherigen Mitgliedsländern und den Beitrittsländern.
Die PDS tritt konsequent dafür ein, dass sich die Entwicklungsbedingungen für die ostdeutschen Bundesländer im Prozess der europäischen Einigung nicht verschlechtern.
Die PDS tritt mit fachkompetenten Personen für das europäische Parlament an. Mit Tobias Pflüger tritt auf Platz vier eine Persönlichkeit mit profundem Wissen an, der in den wesentlichen Teilen der bundesdeutschen Friedensbewegung einen guten Namen hat und in Sachsen-Anhalt durch sein Engagement für Frieden und gegen die militärische Nutzung der Colbitz-Letzlinger Heide bekannt ist. Mit der Spitzenkandidatin, Sylvia Yvonne Kaufmann, André Brie und Tobias Pflüger hat die PDS ihr friedenspolitisches Engagement auch personell deutlich untersetzt.
Zu den Besonderheiten
der PDS-Liste gehört, das neben bekannten Persönlichkeiten der PDS
und gestandenen EuropapolitikerInnen auch eine große Zahl junger engagierter
KandidatInnen aufgenommen wurden. Mit Anja Laabs, Wenke Christoph und Juliane
Nagel auf der vierzehnköpfigen Bundesliste und acht jungen ErsatzkandidatInnen,
die bereits europapolitische Kompetenz aus der Zusammenarbeit in Bewegungen
oder auf konkreten Fachgebieten mitbringen, will die PDS auch ein Zeichen in
die Zukunft setzen.
Für Europa gut aufgestellt wird sich die PDS Sachsen-Anhalt im Zusammenhang
mit den Kommunalwahlen vor allem auf die Bedeutung Europas für die Fragen
der öffentlichen Daseinsvorsorge konzentrieren."
Magdeburg, 2. Februar 2004
in: Berliner Morgenpost, 02.02.2004
PDS zieht mit Wagenknecht in Europawahl
Wortführerin der kommunistischen Plattform auf Platz fünf - Berliner Kandidaten gescheitert
Von Frank Käßner
Berlin - Die PDS zieht mit Sahra Wagenknecht, dem Aushängeschild der kommunistischen Plattform, in den Europawahlkampf. Die Ikone der Parteilinken steht auf Platz fünf der Wahlliste, die auf dem Europaparteitag der PDS am Wochenende in Berlin beschlossen wurde.
Wagenknecht war von mehreren Landesverbänden für eine Kampfkandidatur ins Rennen geschickt worden, weil sich die Linke auf der vom Parteivorstand aufgestellten Liste nicht ausreichend vertreten sah. Das Nachsehen hatten die für diesen Platz nominierte Berliner PDS-Abgeordnete Evrim Baba und die ebenfalls aus Kurdistan stammende Europaabgeordnete Feleknas Uca, die in der notwendigen Stichwahl unterlag.
Fast wäre Wagenknecht zuvor sogar ein Sieg über die auf Platz drei gesetzte ehemalige Parteichefin Gabriele Zimmer geglückt. Doch die Thüringerin konnte sich in einem zweiten Wahlgang knapp gegen ihre erbitterte Widersacherin durchsetzen. Auf Platz eins und zwei der Bundesliste für die Wahl am 13. Juni stehen die Europaabgeordneten Sylvia-Yvonne Kaufmann (Berlin) und Helmuth Markov (Brandenburg). Auf Platz vier setzte sich der Tübinger Friedensforscher Tobias Pflüger gegen den vom Parteivorstand nominierten Benjamin Hoff durch, der seit acht Jahren der PDS-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus angehört. Platz sechs sicherte sich André Brie, der zugleich als Wahlkampfchef der PDS fungieren wird.
Als aussichtsreich gelten lediglich diese Plätze, sollte die PDS die Fünf-Prozent-Hürde knapp überspringen. Vor fünf Jahren waren die Linkssozialisten auf 5,8 Prozent der Stimmen gekommen und mit sechs Abgeordneten erstmals ins Europaparlament eingezogen.
Auf dem Europaparteitag im ICC hatte es wieder heftige Kritik an den Regierungsbeteiligungen der PDS in Berlin und Schwerin gegeben. Parteichef Lothar Bisky versprach den Delegierten, ein Mitregieren um jeden Preis werde es nicht geben. Das sollte auch der Koalitionspartner SPD wissen. Die PDS stehe immer vor der Frage, "wie weit wir Kompromisse akzeptieren können, ohne unseren Grundsätzen untreu zu werden und an Glaubwürdigkeit zu verlieren". Er habe überhaupt kein Problem damit, bekräftige Bisky, "dann aus Regierungen auszusteigen".
Als Drohung will das Stefan Liebich, Vorsitzender der Berliner PDS und Chef der Abgeordneten-Fraktion, nicht verstanden wissen, auch wenn die kritischen Stimmen lauter werden. Selbst ein Scheitern bei den Europawahlen wäre kein Grund, die grundsätzliche Strategie zu ändern, sagte Liebich der Berliner Morgenpost. Wer dann die Reißleine für Regierungsbeteiligungen ziehen wolle, müsse wissen, dass er damit "die PDS zur Sekte macht".
in: Märkische Allgemeine, 30.01.2004
PDS-WAHLKAMPFCHEF BRIE IM INTERVIEW
André Brie: "Wir müssen uns weiter öffnen
Die PDS will an diesem Wochenende auf einem Parteitag in Berlin die Weichen für die Europawahl am 13. Juni stellen. André Brie (53) ist Europaabgeordneter und Wahlkampfchef der PDS. Mit ihm sprach Henry Lohmar.
Die PDS wollte mit prominenten, parteilosen Kandidaten zur Europawahl antreten, jetzt stehen wieder nur etablierte Funktionäre auf der Liste. Haben Sie keine Leute von außen gefunden?
Brie: Leider war die Bereitschaft, auf unserer Liste für das Europaparlament zu kandidieren, nicht sehr groß. Die PDS muss sich bis zur Bundestagswahl weiter öffnen - gegenüber dem Westen, den Gewerkschaften, den Globalisierungskritikern.
Der Einzige, der mitmachen wollte, war der Tübinger Friedensforscher Tobias Pflüger. Der hat aber abgewunken, weil er nur den unsicheren Listenplatz acht bekommen sollte. War er Ihnen nicht prominent genug?
Brie: Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte er weiter vorne gestanden. Das wäre ein wichtiges Signal an die Linken in Westdeutschland gewesen. Aber das war im Vorstand nicht durchsetzbar.
Die Kommunistin Sahra Wagenknecht will gegen die frühere Vorsitzende Gabi Zimmer um den aussichtsreichen Listenplatz drei kämpfen. Fürchten Sie einen Richtungsstreit?
Brie: Sahra Wagenknecht gehört zum pluralistischen Spektrum der PDS. Deshalb fürchte ich mich nicht vor ihr. Ich rechne trotzdem fest damit, dass sich Gabi Zimmer klar durchsetzen wird.
Ursprünglich wollte ja auch Ihr Ehrenvorsitzender Hans Modrow noch einmal antreten. Warum hat er davon Abstand genommen?
Brie: Lothar Bisky hat ihn dringend gebeten, nicht wieder zu kandidieren. Es war Hans Modrow, der 1990, an die SED-Politbüromitglieder gerichtet, gesagt hat: Man muss auch mal aufhören können. Das gilt nun auch für ihn, er ist immerhin 77 Jahre alt.
Vor fünf Jahren hat die PDS mit 5,8 Prozent den Einzug ins Europaparlament nur knapp geschafft. Bangen Sie um den Wiedereinzug?
Brie: Nein. Die Konstellation ist günstig für uns. Es wird keine Regierung gewählt, die Leute entscheiden freier. Wir haben an diesem Tag in Ostdeutschland drei Kommunalwahlen und die Landtagswahl in Thüringen - das treibt dort die Wahlbeteiligung hoch, was uns hilft. Die Bundestagswahl 2006 wird viel schwerer.
Was meinen Sie, woher rührt das verbreitete Desinteresse an Europa?
Brie: Der europäischen Integration ist die große Idee abhanden gekommen. Am Anfang war es die Kriegsunfähigkeit, heute geht es um wirtschaftliche Motive. Das ist nicht illegitim, aber es ist eben auch nichts, was Identität stiftet.
in: Schweriner
Volkszeitung, 04.02.2004
in: Norddeutsche Neueste Nachrichten, 04.02.2004
Brie: Rot-Rot ist mehr als ein numerisches Projekt
PDS sucht strategischen Gesprächsfaden mit SPD
Schwerin (bsch) Mit Blick auf die bevorstehenden Europa-Wahlen hat sich André Brie, Mitglied des Europäischen Parlaments für die PDS, ges-tern in Schwerin optimistisch zum Wiedereinzug der Partei des Demokratischen Sozialismus ins Straßburger Parlament geäußert. Der Mecklenburger sprach zugleich seine Hoffnung auf eine hohe Wahlbeteiligung aus, da EU-Richtlinien mittlerweile direkt oder indirekt Auswirkungen auf die Mehrzahl aller Entscheidungen in den Bundesländern und selbst in den Kommunen hätten. "Europa betrifft die Bürger unseres Landes in hohem Maße direkt. Deshalb sollten sie auch ihre Mitbestimmungsmöglichkeit nutzen und ihre Abgeordneten für das Parlament wählen", sagte Brie.
Die am Wochenende auf dem Parteitag der PDS in Berlin beschlossene Kandidatenliste für die Europawahlen bewertete er ähnlich kritisch wie Parteivorsitzender Lothar Bisky. "Ich sehe die Aufstellung von Sarah Wagenknecht auf Platz fünf schon als problematisch an, da sie auf dem Chemnitzer Parteitag gegen das Programm der PDS gestimmt hat." Zugleich sei er aber froh über Listenplatz vier für den Friedensforscher Tobias Pflüger. Die PDS müsse sich auch linken kritischen Strukturen in Westdeutschland öffnen. Brie selbst kandidiert auf Platz sechs.
Belastungen für die Schweriner Regierungskoalition durch den beginnenden Europawahlkampf sieht Brie, der auch Mitglied im PDS-Landesvorstand ist, indes nicht. "Wir werden unsere Positionen, unser Profil zeigen." Dies stehe einem sensiblen Umgang mit der Koalition keineswegs konträr gegenüber. Vielmehr strebe seine Partei an, einen strategischen Gesprächsfaden mit der SPD aufzunehmen. "Rot-Rot ist nicht nur ein numerisches Projekt, sondern ein inhaltliches", sagte Brie. Und dabei müsse keine der beiden Parteien ihr Profil aufgeben.
in: Unsere Zeit, 23.01.2004
Europakurs mit Glaubwürdigkeitsmanko
Ist Modrow "zu
alt" oder zu wenig "reformfreudig"
für EU-Kandidatenliste der PDS?
Die Lawine neuer Massenbelastungen rollt und rollt. Sie schreit förmlich nach zupackendem Eingreifen von links. Sie schreit danach, alles Kleinkarierte, was die Linke trennen mag, beiseite zu stellen und auf die Bündelung aller Kräfte zur Entfaltung aktiven Widerstands zu setzen. Nächste Woche steht die derzeit größte organisierte Kraft der oppositionellen Linken unseres Landes, die PDS, vor einem Parteitag, der dazu Beschlüsse zu fassen hätte. Es geht um die Position der Partei zu den Europawahlen.
Aber nichts ist zu erkennen, was darauf hindeutet, dass die gegenwärtigen Verantwortlichen dieser Partei ernsthaft darum kämpfen, breite Widerstandsfronten gegen die aufzubauen, die in unserem Land und in Europa alles abräumen möchten, was an Sozialstaatlichkeit auch nur erinnert. Mit zunehmender Ausgrenzung der DKP von Wahlbündnissen und Kandidaturen begann schon vor langer Zeit, was sich dann mit Versuchen fortsetzte, auch in den eigenen Reihen missliebige Linke ab- oder hinauszudrängen.
Der PDS-Vorsitzende Bisky hat vor dem Parteitag entschieden abgewinkt, als der Ehrenvorsitzende der Partei, Hans Modrow, auf Drängen verschiedener Seiten nach anfänglichem Zögern seine Bereitschaft erklärte, für die PDS noch einmal als Europakandidat in die Bütt zu gehen. Bisky sagte, er werde Modrow nicht unterstützen. Der sei zu alt. Er werde "an anderer Stelle (wo?) dringend gebraucht". Der ehemalige DDR-Ministerpräsident hat als Europaabgeordneter in Straßburg gegen den - später gescheiterten - Verfassungsentwurf der EU gestimmt, als andere in seinem Parteivorstand oder in der Europa-Fraktion noch nach windigen Zustimmungsformeln suchten. Er gehörte zu denen in der PDS, die von Anfang an kein Schlupfloch für die durchgehende Militarisierung und Neoliberalisierung der EU zulassen wollten. Nun wollen ihn offenbar gewichtige Leute um jeden Preis loswerden.
Der PDS-Vorstand präsentierte zum Parteitag eine Kandidatenliste ganz nach altem Schnittmuster. Trotz der Ankündigung, junge Kräfte aus neuen sozialen Bewegungen heranziehen zu wollen, präsentierte er im Wesentlichen Namen, die dem sogenannten Reformflügel der PDS genehm sind. Die schon im alten EU-Parlament vertretenen Abgeordneten Kaufmann und Brie sind dabei sowie die ehemalige PDS-Vorsitzende Zimmer. Vertreter neuer sozialer Bewegungen wie Attac fanden auf der Liste keinen Platz. Als einziger aus der bisherigen Schablone herausfallender "Exot" soll Tobias Pflüger, Mitarbeiter der Tübinger Informationsstelle Militarisierung, ganz am Schwanz der Liste kandidieren dürfen.
Die Einseitigkeit der Liste war so stark, dass sich auch die Vertreterin der Kommunistischen Plattform, Sahra Wagenknecht, PDS-Vorstandsmitglied, nicht als Feigenblatt missbrauchen lassen wollte. Sie wird, wie missvergnügt intern verlautet, ebenso wie Hans Modrow möglicherweise am 1. Februar mit einer Gegenkandidatur gegen einen Vorstandsvorschlag auf vorderen Plätzen antreten.
Die DKP hat die PDS bislang bei Europawahlen immer im Interesse der Kräftekonzentration der Linken unterstützt. Doch inzwischen sind nach einem gegen links gerichteten Rollback an der PDS-Führungsspitze die Weichen bei dieser Partei neu gestellt worden. Im Gegensatz zu manchen ihrer programmatisch-antikapitalistischen Äußerungen läuft jetzt die Kooperation entscheidender Teile der Partei mit neoliberalen Konzepten - Sparpolitik, Sozial- und Rentenklau oder Bildungsabbau eingeschlossen - wie geschmiert.
Die PDS-Parteiführung verband im Vorfeld der Europawahlen ihre Schritte zur Bildung einer Partei der Europäischen Linken (EL) mit bekannten Ausgrenzungsmustern gegen kritische kommunistische Kräfte, vor allem gegen die DKP. Der Aufruf zur EL, der überwiegend gemeinsame linke Positionen formuliert, konnte nicht von allen Interessierten unterzeichnet werden, ganz einfach deswegen, weil sie zur Beschlussfassung gar nicht erst eingeladen, sondern kalt ausgegrenzt worden waren. Lothar Bisky begründete das in einem Fernseh-Interview mit dem Wunsch "nicht alle dabei zu haben".
Ihn stört offenbar, dass die PDS von vielen nicht an ihren links klingenden Parolen, sondern vor allem an ihrer politischen Praxis gemessen wird. Die angeblich alternativlosen Schritte "vor Ort" in Mecklenburg-Vorpommern oder in Berlin in die Richtung eines weitgreifenden Sozial- und Bildungsabbaus sind es, die die Partei bei vielen Wählern unglaubwürdig machen. Bei der letzten Kommunalwahl in Brandenburg führte das zu einem absoluten Rückgang des bisherigen Wählerpotentials um rund 40 Prozent, obwohl dort die PDS nicht, wie in Berlin oder Schwerin, direkt mithaftbar gemacht werden kann für einen Kurs tiefer und weitausgreifender sozialer Demontage. Man kann nicht mit der einen Hand mitwirken bei der Ausplünderung kleiner Leute im Interesse der Superreichen und bei der Durchsetzung elitärer Bildungsansprüche und mit der anderen Hand die Opfer dieser Politik an die Wahlurne winken mit der Einladung, eine Proteststimme abzugeben.
Das ist die verfahrene Situation vor dem bevorstehenden Europaparteitag der PDS. Es ist unwahrscheinlich, dass es auf dem Parteitag noch zu einem erfolgreichen Versuch kommt, mit der ganzen Linken einen Konsens zu finden. Das bedeutet, dass konkurrierendes Gegeneinander unvermeidlich sein wird. Die gegenwärtige PDS-Spitze wünscht das offenbar so, weil ihr das problematische Eigenprofil über alles geht. Das ist ihr der Angelpunkt, selbst wenn sie darüber die Europawahl verliert. Der ehemalige stellvertretende PDS-Vorsitzende Dehm machte seine Partei in einem Interview darauf aufmerksam, dass für die PDS bei der EU-Wahl nach allen Vorzeichen ein Abkippen wie bei der letztem Bundestagswahl nicht unwahrscheinlich ist. Ihr Wiedereinzug in das EU-Parlament sei - wenn überhaupt - so knapp, dass sie die Unterstützung der DKP nicht in den Wind schlagen könne. Im Berliner Karl-Liebknecht-Haus hat bis jetzt kein Verantwortlicher darauf gehört.
Die DKP wird nun mit ihren bescheidenen Kräften im Wahlkampf möglichst viel in Bewegung zu bringen versuchen. Wer eine klare Gegenposition gegen den Ausbau der EU zur interventionsbereiten Militärmacht sucht, wer Sozialalbbau und Massenarbeitslosigkeit stoppen, wer ein Europa der internationalen Solidarität und Partnerschaft will, wird bei ihr eine praktikable Alternative finden. Es ist eine, die nicht durch selbstverschuldete Glaubwürdigkeitsverluste in Mitleidenschaft gezogen wird.
Günter Labudda
in: Berliner Zeitung, Montag, 02. Februar 2004
PDS will als Protestpartei ins EU-Parlament
Gabi Zimmer und Sahra Wagenknecht auf aussichtsreichen Listenplätzen
Nina C. Zimmermann
BERLIN, 1. Februar. Manchmal sind die Delegierten eines Parteitags mutiger als die Parteispitze. Als der parteilose Friedensaktivist Tobias Pflüger am Sonntag seine Bewerbungsrede beendet hatte, war das ein solcher Moment. Es ging um Platz vier der PDS-Liste für die Europawahl. Und es kam anders, als es sich Parteichef Lothar Bisky gewünscht hatte. Mit etwas mehr als 50 Prozent der Stimmen wählten die rund 300 Delegierten Pflüger auf die Liste. Der von Bisky dafür vorgesehene Berliner Abgeordnete Benjamin Hoff fiel glatt durch.
Die Delegierten haben der Partei damit eine Richtung gegeben, zu der Bisky selbst nicht fähig war. "Meine Kandidatur ist eine bewusste Öffnung der PDS hin zu den sozialen Bewegungen", hatte Pflüger in seiner Bewerbungsrede betont. Es war ein kaum versteckter Hinweis auf die Tatsache, dass es Bisky selbst nicht gelungen war, prominente parteilose Kandidaten für seine Europaliste zu finden. Pflüger selbst sollte nach dem Willen Biskys ursprünglich mit einem aussichtslosen Platz abgefunden werden.
Gegen neoliberale Globalisierung
So nahm der Parteitag dann doch noch eine Wendung, die Wahlkampfleiter André Brie zuvor in einer engagierten Rede gefordert hatte: die Profilierung der PDS als Partei der sozialen Bewegungen und als Protestpartei. Auch Bisky hatte der Partei in seiner Eröffnungsrede am Samstag den Stempel "Protest" verpasst. Wer PDS wähle, solle die Möglichkeit bekommen, seiner "Protesthaltung gegen die neoliberale Steuerung der Globalisierung in Europa und auch in Deutschland" Ausdruck zu verleihen.
Auch sonst lief nicht alles so wie von Bisky geplant. Die Wortführerin der kommunistischen Plattform, Sahra Wagenknecht, schaffte Listenplatz fünf und verdrängte damit die bisherige Europaagbeordete Feleknas Uca. Zuvor hatte Wagenknecht in einer emotionalen Rede die "Lügen der herrschenden Politik" gegeißelt und dafür viel Beifall von den Delegierten bekommen. "Es reicht nicht, wenn wir uns inhaltlich von anderen Parteien unterscheiden. Wir müssen uns auch in unserem Auftreten von den anderen unterscheiden", sagte Wagenknecht.
Beim Kampf gegen die ehemalige Parteivorsitzende Gabi Zimmer um Platz drei war Wagenknecht zuvor nur knapp unterlegen. Zimmer brauchte zwei Wahlgänge, um Wagenknecht mit 53 Prozent zu schlagen. Parteivize Katja Kipping wertete dies als "klares Zeichen" für den Rückhalt des Parteivorstandes bei den Delegierten. Zimmer hatte sich zuvor in einer engagierten Rede für das jüngst beschlossene neue Parteiprogramm wie auch das Europaprogramm ausgesprochen, dem Wagenknecht am Vortag nicht zugestimmt hatte.
Bei den vorderen beiden Listenplätzen lief für Bisky alles nach Plan. Als Spitzenkandidatin zieht die langjährige EU-Parlamentarierin Sylvia-Yvonne Kaufmann in den bevorstehenden Wahlkampf. Sie erhielt mit 71 Prozent jedoch ein vergleichsweise mageres Ergebnis. Mit weitaus mehr Stimmen wurde der brandenburgische Europaabgeordnete Helmuth Markov auf Listenplatz zwei gewählt. Für ihn sprachen sich fast 95 Prozent der Delegierten aus. Wahlkampfleiter André Brie konnte sich mit gut 80 Prozent der Stimmen für Listenplatz sechs qualifizieren. Sollte die PDS bei der Wahl am 13. Juni etwas mehr als fünf Prozent der Stimmen erreichen, könnte sie fünf bis sechs Abgeordnete nach Straßburg schicken.
Bei der Debatte um das Wahlprogramm hatte Bisky einen Erfolg bei der Europawahl als entscheidenden Faktor für die Rückkehr in den Bundestag bezeichnet. Er hatte in seiner Rede ein deutliches "sozialistisches Profil und mehr eigenes Selbstvertrauen" von seiner Partei verlangt.
in: Die Welt, 1. Feb 2004
PDS-Europaparteitag:
Sieg für Gabi Zimmer über Wagenknecht
Beim Europaparteitag der PDS in Berlin konnte sich Parteichef Lothar Bisky nicht
mit allen seinen Wunschkandidaten für die Wahl am 13. Juni durchsetzen
Berlin - Den mit Spannung erwarteten Kampf um Platz drei entschied am Sonntag zwar die frühere PDS- Vorsitzende Gabi Zimmer für sich. Platz vier und fünf der Liste wurden aber entgegen den Wünschen des Parteichefs besetzt. Die bekannteste Vertreterin der Kommunistischen Plattform, Sahra Wagenknecht, wurde nach ihrer Niederlage gegen Zimmer auf den fünften Platz gewählt. Auf die ersten beiden Plätze wurden mit großer Mehrheit die beiden langjährigen Europaabgeordneten Sylvia-Yvonne Kaufmann und Helmuth Markov gesetzt.
In ihrer Bewerbungsrede stellte Zimmer sich ausdrücklich hinter das im Herbst verabschiedete neue Programm der PDS, mit dem sich die Partei von staatssozialistischen Vorstellungen verabschiedete. Wagenknecht, die dem neuen Programm nicht zugestimmt hatte, plädierte hingegen für politische Alternativen zu den Lügen der etablierten Politik. Die PDS müsse das Vertrauen der Menschen zurückgewinnen, die sich bereits ganz von der Politik abgewandt hätten.
Auf den vierten Listenplatz wählten die Delegierten den Tübinger Friedensforscher Tobias Pflüger. Der Parteilose setzte sich gegen den Berliner Abgeordneten Benjamin Hoff durch, der vom Parteivorstand vorgeschlagen wurde. Der PDS-Ehrenvorsitzende und Europaabgeordnete Hans Modrow wollte ursprünglich erneut für Brüssel kandidieren, wurde aber vom Parteivorstand nicht vorgeschlagen.
Ein Erfolg der PDS bei der Europawahl am 13. Juni ist nach Einschätzung des Parteivorsitzenden Lothar Bisky eine wichtige Voraussetzung für die Rückkehr in den Bundestag 2006. 1999 war die PDS auf 5,8 Prozent und sechs Mandate für das Europaparlament gekommen. Mit Blick auf die Bundestagswahl 2006 forderte er einen stärkeren Aufbau der Partei in Westdeutschland.
Wichtigste Punkte in dem beschlossenen PDS-Wahlprogramm für das Europaparlament sind die Forderung nach mehr Demokratie in den EU-Organisationen, die Rücknahme des Sozialabbaus sowie die Ablehnung militärischer Gewalt in den internationalen Beziehungen der EU. WELT.de/dpa
in: Berliner Zeitung vom 02.02.2004
Berliner PDS-Kandidaten scheitern auf Europaliste
Benjamin Hoff und Evrim Baba dürfen nicht nach Brüssel
von Jan Thomsen
Für einen konsequenten Kriegsgegner ist diese Haltung erstaunlich soldatisch: Er werde jetzt nicht noch für einen der hinteren Listenplätze kandidieren, sagt Benjamin Hoff tapfer nach seiner Niederlage im Kampf um den aussichtsreichen Platz vier der PDS-Liste fürs Europäische Parlament. "So viel Disziplin muss sein." Die Enttäuschung ist ihm allerdings deutlich anzumerken. Statt vom Sommer an in Brüssel über europäische Finanzpolitik zu sprechen, statt sich als linker EU-Parlamentarier an der Integration der östlichen Beitrittsländer zu beteiligen, muss Hoff, mit seinen 27 Jahren immer wieder als politischer Wunderknabe gehandelt, nun doch weiter im Hauptausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses schwitzen.
Das ist hart. Und zwar nicht nur für ihn. Auch Evrim Baba, die zweite Berliner Besetzung auf der vom Bundesvorstand vorgeschlagenen Liste, scheiterte am Sonntag auf dem Europaparteitag der PDS klar gegen Sahra Wagenknecht von der Kommunistischen Plattform, die Platz fünf eroberte. Als Parteistrafe für die in der PDS umstrittene Berliner Sparpolitik - für die beide Hauptstadt-Abgeordnete in den Augen vieler Genossen stehen - will Hoff das Durchfallen aber nicht verstanden wissen. Gegen ihn habe der parteilose Friedensaktivist Tobias Pflüger aus Tübingen gewinnen können, weil in der PDS Friedenspolitik nun mal eine sehr wichtige Rolle spiele, sagt Hoff. Auch im Erfolg von Sahra Wagenknecht - die keine Gelegenheit auslässt, um über die Berliner Kompromiss-Sozialisten zu schimpfen - mag er kein Richtungsvotum erkennen. "Die Partei findet offenbar, dass sie ihr das schuldig ist", sagt Hoff. Ihn erwartet jetzt in den nächsten Wochen die zermürbenden Lesungen des neuen Sparhaushalts im Parlament der Hauptstadt. "So ist das eben: Same procedure as every year."
Sein Partei- und Fraktionschef Stefan Liebich kann dem sogar eine gute Seite abgewinnen. Schließlich ist Benjamin Hoffs überbordende Produktivität mehr als hilfreich in der Partei, deren personelle Ressourcen nicht sehr weit reichen.Hoff jongliert derzeit mit einer Vielzahl von Beschäftigungen, die manch doppelt so alter Zeit-Genosse nicht einmal nacheinander bewältigen würde: Er ist einer der Haushaltsexperten der Fraktion, dazu Sprecher für Wirtschaft und Wissenschaft, nebenbei Doktorand an der Humboldt-Uni, ebendort auch Lehrbeauftragter, hilft der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit beim Aufbau eines Rechnungshofs in Montenegro und war schon mindestens zweimal als künftiger Staatssekretär im Gespräch, in Sachsen-A nhalt ebenso wie in Berlin. So einen kann Liebich, mit 31 Jahren selbst kaum dem Jungstar-Image entwachsen, gut gebrauchen. "Deshalb sehe ich das Ergebnis auch mit einem lachenden Auge", sagt der Parteichef.
Evrim Baba, zuständig für Frauenpolitik, mochte ihre Niederlage am Sonntag nicht kommentieren. Die 32-jährige gebürtige Kurdin hatte in den vergangenen Tagen Ärger mit ominösen Unterstützer-Schreiben für ihre Kandidatur aus kurdischen Vereinen, die nicht mit den jeweiligen Vereinsvorständen abgesprochen waren. Sie kandidiere als PDS-Politikerin, nicht als Vertreterin anderer Organisationen, argumentierte sie zwar standhaft. Doch es nützte nichts. Baba wird sich jetzt wieder für ein Verbot des Kopftuchs im Öffentlichen Dienst einsetzen können. In Berlin, nicht in Brüssel.
Die PDS am Vorabend der Entscheidung
Am Wochenende wählen die Delegierten der VertreterInnenversammlung die Liste der PDS für das europäische Parlament. Der PV hat einen Vorschlag gemacht. Wird er die PDS zum Erfolg führen? Von Niema Movassat, Mitglied des PDS Landesvorstandes NRW
28. 01. 2004
Wohin steuert die PDS? Diese Frage dürften sich dieser Tage nicht wenige
Genossinnen und Genossen sowie außerparlamentarische Gruppen stellen.
Der Parteivorstand hat Kurs gesetzt, doch so recht glücklich sind die Matrosen
am Bord anscheinend nicht. Denn der Kurs könnte Schiffbruch auf hoher See
bedeuten.
Geht es nach dem Parteivorstand, wird unsere Partei mit einer PDS Liste-pur antreten. Keine Köpfe aus sozialen Bewegungen, Gewerkschaften, Friedensbewegung etc. sind zu finden. Gerade also jenes, was bei Wählerinnen und Wählern am denkbar schlechtesten ankommt, nämlich eine Liste voll von Kadern der Partei, ohne Quereinsteiger, keine neuen Köpfe, keine neuen Ideen. Kreativität: Fehlanzeige!
Dabei ist diese Wahl eine Schicksalswahl für die PDS: Wenn es unsere Partei schafft, die 5%- Hürde zu nehmen, wird dies auch in den deutschen Medien als ein Comeback der einzigen Partei in Deutschland gewertet werden, welche wie keine andere für soziale Gerechtigkeit und Antimilitarismus steht.
Ohne Pluralismus ins Grab?
Doch wie kann eine Partei extern Erfolg haben, wenn es bereits intern massiven Widerspruch gegen den Listenvorschlag gibt? Nicht nur wegen der mangelnden Präsenz außerparlamentarischer Köpfe, sondern auch, weil der pluralistische Anspruch bei diesem Vorschlag fehlt, welchen die PDS an sich hat. Mit Sarah Wagenknecht wäre dieser Anspruch zumindest ansatzweise zur Geltung gekommen, doch stattdessen wurde sie für den aussichtslosen Platz 7 vorgeschlagen, also im Grunde als linkes Feigenblatt. Dass sie es abgelehnt hat, auf Platz 7 zu kandidieren, ist nachvollziehbar und richtig, denn keiner spielt gerne Feigenblatt.
Dabei hätte gerade sie nicht nur ein weitläufiges linkes Spektrum abgedeckt, welches nun mit Sicherheit das Kreuz nicht bei der PDS machen wird, sondern sie hätte auch das Politikfeld Wirtschaftspolitik besetzt, welches gerade für die EU entscheidend ist. So fehlt also der PDS-Liste Kompetenz im Wirtschaftsbereich, außer die VertreterInnenversammlung würde Sarah Wagenknecht bei der Kampfkandidatur gegen Gabi Zimmer unterstützen. Zu Hoffen bleibt dies. Doch zwischen Hoffnung und Realismus klafft oft eine Lücke und realistisch betrachtet ist Sarah Wagenknecht gegen Gabi Zimmer chancenlos.
In jedem Fall wird ohne Sarah ein ganzes Politikfeld unbesetzt bleiben und andererseits werden ohne sie viele GenossInnen das nötige Engagement fehlen, aktiven Wahlkampf für die PDS zu machen.
Klassisches Kaderverständnis versus Öffnung nach außen
Doch neben dem mangelnden Pluralismus der Vorschlagsliste bleibt ein fader Beigeschmack, schaut man sich die versprochene Öffnung nach außen an. Dass der Name PDS in der außerparlamentarischen Bewegung wegen der Bundestagswahl und der internen Querelen nicht mehr attraktiv ist, dass ist nichts neues. Und dass es der Parteivorstand schwer haben würde, Leute aus diesem Umfeld zu finden, stand außer Frage. Doch dann findet man einen, dessen Name wahrscheinlich bekannter ist als der Name der meisten vorgeschlagenen KandidatInnen und diesen schiebt man auf Platz 8 ab, obwohl es anscheinend vorher andere Vereinbarungen gab. Man hat mit diesem unprofessionellen Vorgehen mit Sicherheit nicht nur Tobias Pflüger vor den Kopf gestoßen, sondern der gesamten außerparlamentarischen Bewegung. Denn da findet sich einer bereit, seinen Namen herzugeben für die PDS und sich damit wahrscheinlich mehr zu beschädigen als sich zu helfen und diesen will man de facto nicht, denn Wahlkampf soll er machen, die Pfründe aber die PDS Kader abbekommen. Wer mit solch einem Verständnis von Zusammenarbeit herantritt, der sollte sich nicht wundern, wenn er keine Bündnispartner findet.
Und nun? PDS VertreterInnenversammlung muss sich positionieren!
Es gab Hoffnungen, dass der er Parteivorstand es sich vielleicht noch mal überlegt und die Liste überarbeitet. Doch diese Hoffnung dürfte seit dem 26.Januar futsch sein, denn an diesem Tag teilte Bisky der Presse mit, dass der PV den Listenvorschlag erneut bestätigt hat. .
Dass macht die Situation nicht gerade einfach und dass der offene Brief der Landesvorsitzenden West dermaßen ignoriert wurde, in welchem es heißt: Die vom Parteivorstand vorgelegte Vorschlagsliste zu den Europawahlen macht es besonders im Westen schwierig, einen erfolgreichen Europa-Wahlkampf zu führen. Wir bitten daher den PV dringlich, noch einmal zu überdenken, wie die Vorschlagliste weiter qualifiziert werden kann, könnte sich am Ende sträflich rächen.
Am Ende stirbt zuletzt die Hoffnung. Am 1.02.2004 geht es um nichts geringeres, als um die Zukunft der PDS. Die VertreterInnenversammlung hat alle Möglichkeiten, den PV Vorschlag zu korrigieren. Dafür gilt es auf allen Ebenen zu kämpfen und Argumente auszutauschen. Mit der Gründung der europäischen Linkspartei hat die PDS einen wichtigen Schritt hin zu einem Bündnis der europäischen Linken getan. Nun gilt es, diesen Schritt auch auf der Europawahlliste mit attraktiven Namen zu vervollständigen, damit am Ende das Schiff sicher den Hafen erreicht und die Passagiere alle Gesund ankommen.
Pressebericht
in: junge Welt vom 13.01.2004
Will PDS nicht nach Brüssel?
Vorstand gab seine Wunschkandidaten zur Europawahl bekannt. Parteitagsdelegierte entscheiden
Jana Frielinghaus
Daß die PDS-Spitze die Partei wieder im Europaparlament vertreten sehen möchte, muß bezweifelt werden. Am Montag gab Bundesvorsitzender Lothar Bisky in Berlin die Liste der Kandidaten bekannt, die die Unterstützung des Vorstandes und fünf ostdeutscher Landesvorsitzender genießen. Die im Juni 2003 als PDS-Vorsitzende abgewählte Gabriele Zimmer steht auf Platz drei der Liste.
Auf Platz eins und zwei stehen Sylvia-Yvonne Kaufmann und Helmuth Markov, die bereits seit acht bzw. vier Jahren im Europäischen Parlaments (EP) sitzen. Der EP-Abgeordnete André Brie findet sich erst auf Platz sechs der Liste. Wenn die Partei die Fünf-Prozent-Hürde knapp nehmen sollte, stünden ihr fünf Mandate zu. Bei der letzten Europawahl 1999 hatte sie ein Ergebnis von 5,8 Prozent erreicht und konnte sechs Abgeordnete entsenden.
Für Platz vier und fünf werden Benjamin Hoff (27) und Evrim Baba (32), beide Mitglieder der Berliner PDS-Abgeordnetenhausfraktion, vorgeschlagen. Auf Platz sieben steht Sengül Senol, eine Kölner Politikerin kurdischer Herkunft. Auf Platz acht hat sich der Vorstand sogar einen Exoten geleistet: Tobias Pflüger von der Tübinger Informationsstelle Militarisierung. Zu einer Plazierung auf einem vorderen Listenplatz konnte man sich indes nicht durchringen.
Bisky betonte, Vorstandsmitglied Sahra Wagenknecht sei Platz sieben auf der Liste angeboten worden. Den habe sie jedoch abgelehnt. Gegenüber jW erklärte Wagenknecht, der Hauptgrund dafür sei die politische Einseitigkeit der gesamten Liste. Ob sie sich auf dem Europaparteitag am 1. Februar trotzdem für ein Mandat im EP bewirbt, ließ die Politikerin noch offen. Auf die Kandidatur des PDS-Ehrenvorsitzenden Hans Modrow angesprochen, erklärte Bisky, er sei dafür, »daß er es jetzt aus Altersgründen läßt«.
in: AP, Sonntag 1. Februar 2004, 18:26 Uhr
Zimmer und Wagenknecht ziehen für die PDS in den Europawahlkampf
Berlin (AP) Die PDS hat mit Gabi Zimmer und Sahra Wagenknecht zwei ihrer prominentesten Mitglieder als Kandidaten für die Europawahl 2004 nominiert. Nach Kampfabstimmungen kam die ehemalige Parteivorsitzende Zimmer beim PDS-Europarteitag am Sonntag in Berlin auf Platz drei, Wagenknecht auf Platz fünf. Um den Wiedereinzug bewerben sich als Spitzenkandidaten auch die EU-Parlamentarier Sylvia-Yvonne Kaufmann und Helmuth Markov. Schafft die PDS am 13. Juni die Fünf-Prozent-Hürde, gelten ihr sechs Mandate als sicher.
PDS-Vorstandsmitglied Wagenknecht hatte erst kurz vor dem Parteitag ihre Kandidatur für Platz drei der Liste erklärt. Den vom Vorstand vorgeschlagenen siebten Listenplatz lehnte sie wegen zu geringer Chancen ab. Wagenknecht gehört der Kommunistischen Plattform der PDS an und gilt als ausgewiesene Fachfrau für Wirtschafts- und Finanzfragen.
Die Nominierung Zimmers war vom Vorstand um den PDS-Vorsitzenden Lothar Bisky unterstützt worden. Zimmer setzte sich erst im zweiten Wahlgang gegen ihre Herausforderin durch. Sie bekam 168 der 316 gültigen Stimmen (53,2 Prozent). Wagenknecht erhielt 145 Stimmen (45,9 Prozent). Im ersten Durchgang hatte es noch keine Entscheidung gegeben, weil beide Kandidatinnen die erforderliche absolute Mehrheit verfehlten.
Eine Niederlage im Kampf um die aussichtsreichsten Listenplätze musste die Berliner PDS hinnehmen. Die von Bisky vorgeschlagenen Kandidaten Benjamin Hoff und Evrim Baba - beide gehören dem Berliner Abgeordnetenhaus an - kamen nicht durch. Statt Hoff wählten die Delegierten überraschend den Politologen und Friedensaktivisten Tobias Pflüger aus Tübingen auf Platz vier der Liste.
Baba fiel im ersten Wahlgang um Platz fünf durch. Sie musste Wagenknecht den Vortritt lassen, die sich im zweiten Wahlgang mit 166 Stimmen (53,4 Prozent) gegen die ebenfalls kandidierende derzeitige PDS-Europaabgeordnete Feleknas Uca durchsetzte. Uca bekam 137 Stimmen (44,1 Prozent). Sie wurde später auf Listenplatz sieben gewählt.
Auf Platz sechs landete unangefochten André Brie, der von 294 gültigen Stimmen 236 Ja-Stimmen (80,3 Prozent) auf sich vereinte. Brie ist ebenfalls bereits Mitglied des Europaparlaments. Kaufmann bekam 225 von 317 gültigen Stimmen (71 Prozent). Markov erhielt bei 318 abgegebenen Stimmen 301 Ja-Stimmen (94,7 Prozent).
Bei der letzten Europawahl gelang 1999 sechs PDS-Kandidaten der Sprung ins EU-Parlament. Die Partei erreichte damals 5,8 Prozent. Im Europäischen Parlament gehören die PDS-Abgeordneten als Delegation der 50-köpfigen Konföderalen Fraktion der Vereinten Europäischen Linken/Nordische Grüne Linke (GUE/NGL) an. Dabei handelt es sich um den Zusammenschluss von 17 sozialistischen rotgrünen und kommunistischen Parteien aus zehn Mitgliedstaaten der EU.
http://www.sozialisten.de/
in: Badische Zeitung vom Montag, 2. Februar 2004
Die Hoffnung kommt aus Tübingen
PDS bestimmt Kandidaten für Europawahl / Noch immer bekämpfen sich die beiden ParteiflügelVon unserem Korrespondenten Dieter Stäcker
BERLIN. Grau und trüb war der Tag. Grau und trüb war gestern auch die Stimmung im Sitzungssaal des Berliner Kongress-Zentrums, als dort die Mitglieder des PDS-Bundesparteitags ihre Kandidaten für die Wahlen zum Europa-Parlament bestimmten. Die Delegierten der aus der DDR-Staatspartei SED hervorgegangenen Partei des Demokratischen Sozialismus verteilten den vom Parteivorstand ausgewählten Bewerbern für den Gang nach Straßburg jedenfalls eine schallende Ohrfeige nach der anderen. So musste sich die Spitzenkandidatin und amtierende Europa-Abgeordnete Sylvia-Yvonne Kaufmann statt mit den erwarteten 90 Prozent nur mit 67 Prozent der Stimmen zufrieden geben. Und die frühere Parteichefin Gaby Zimmer, die für den dritten Platz antrat, wäre beinahe in der politischen Versenkung verschwunden: Bei der ersten Abstimmung blieb sie knapp unter den erforderlichen 50 Prozent der Delegiertenstimmen. Erst nach der Wiederholung der Abstimmung konnte sie sich mit der nicht berauschenden Mehrheit von 168 zu 145 Stimmen gegen ihre Konkurrentin Sahra Wagenknecht von der Kommunistischen Plattform durchsetzen.
Der knappe Ausgang des Rennens zwischen den beiden Frauen demonstriert, dass sich die PDS immer noch nicht zwischen dem Staatssozialismus alter Prägung und den klassenkämpferischen Parolen des linken Flügels entschieden hat: Gabi Zimmer verkörpert wie kaum eine Genossin das biedere Element der alten Kaderpartei, die alles von oben regelt und die jedem gern seinen Platz zuweist. Ganz anders Sahra Wagenknecht: Die junge Frau mit dem revolutionären Auftreten versprach den Delegierten, "das Lobby-Gezerre hinter den Brüsseler Kulissen" an die Öffentlichkeit zu bringen. Außerdem rief sie ihre Partei zur Solidarität mit den Regimes in Venezuela und Kuba auf und kündigte an, der Bundesregierung und vor allem den Sozialdemokraten auch in Brüssel das Leben schwer zu machen. "Ich werde nicht aufhören, die Lügen der herrschenden Politiker auch Lügen zu nennen.
Die PDS wird keine stinknormale Partei wie alle anderen werden."Es bleibt offen, ob die PDS (die vor fünf Jahren 5,8 Prozent der Wählerstimmen erhielt) noch einmal den Weg in das europäische Parlament schafft. Derzeit liegt die Partei in den Meinungsumfragen zwar ganz gut im Rennen. Aber nicht nur die PDS kämpft um unzufriedene SPD-Wähler - auch die im Westen immer noch aktive DKP wildert auf diesem Feld.
Doch die PDS könnte noch einen Trumpf haben: Tobias Pflüger. Der parteilose Wehrdienstgegner und Friedensaktivist aus Tübingen wurde gegen den Willen des PDS-Vorstandes auf Platz vier der Kandidatenliste gesetzt und von den Delegierten mit deutlicher Mehrheit gewählt. Pflüger überzeugte durch Kampfeslust: "Ich werde in Brüssel die Antikriegsposition der PDS stärken", sagte er und erntete brausenden Beifall.
Pressebericht:
in: Schwäbisches Tagblatt, 02.02.2004
Tobias Pflüger kandidiert für die PDS
BERLIN/TÜBINGEN
(ran). Tobias Pflüger von der Tübinger Informationsstelle Militarisierung tritt bei der Europawahl als unabhängiger Kandidat für die PDS an. Der Europa-Parteitag der PDS in Berlin nominierte den Politologen und Friedensforscher gestern an seinem 39. Geburtstag überraschend für den aussichtsreichen vierten Listenplatz. Bisher stellt die Partei sechs Europa-Abgeordnete.
30.03.2004 Presseerklärung von Tobias Pflüger, Informationsstelle Militarisierung (IMI) e.V.
Geld ist offensichtlich genug da
- aber eben nur für teure militärische Beschaffungsprogramme
Heute hat der deutsche Militärminister Peter Struck das neue Ausrüstungskonzept vorgelegt. Besonders zwei Aussagen von Peter Struck bei der Vorstellung sind sehr interessant:
- "Deutschland
hält an der Beschaffung von 180 Eurofightern fest"
- "Wir bleiben bei der Beschaffung von 60 (Militär-Airbus-)Flugzeugen."
Die erste Aussage ist die endgültige Festschreibung von Ausgaben von 24 Milliarden Euro *, die zweite Aussage die Zusicherung auf Ausgaben in Höhe von mindestens 8,3 Milliarden Euro.
"Diese Ausgabenzusagen für den Eurofighter und den Militär-Airbus ohne Kürzungen sind ein sozialpolitischer Skandal", so Tobias Pflüger von der Informationsstelle Militarisierung.
"Um so wichtiger ist es beim jetzt kommenden Protesttag gegen Sozialabbau am 03.04. den Zusammenhang zwischen Aufrüstung und Militarisierung einerseits und Sozialabbau andererseits deutlich zu machen", meinte Pflüger anschließend.
Bundeskanzler Gerhard Schröder selbst wird nicht müde zu betonen, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen der Agenda 2010 (und der dahinter stehenden Lissabon-Strategie der EU) und dem was er die "Emanzipation Europas" in der Weltpolitik nennt.
Pflüger kündigte an, dass die Informationsstelle Militarisierung (IMI) e.V. (www.imi-online.de) weiteres Hintergrundmaterial zu diesem Zusammenhang Aufrüstung bzw. Militarisierung der Europäischen Union und Sozialabbau in Deutschland und EU-weit vorlegen wird.
Im übrigen betonte Peter Struck heute, dass das beschafft werde, was "die Bundeswehr für ihre geänderten Aufgaben benötige". Das ist die zentrale politische Aussage, d.h. bei den derzeitigen Kürzungen bei der Beschaffung von Kriegswaffenprojekten ist ein wesentliches Kriterium, ob sie für die "Armee im Einsatz" "gebraucht" werden oder nicht.
Durch die neuen Struktur- und Ausrüstungsplanungen werde die Bundeswehr "kriegsführungsfähig" gemacht, so Pflüger. Genau das gelte es zu verhindern.
* Der Bundesrechnungshof rechnet mit Gesamtausgaben für den Eurofighter in Höhe von 24 Milliarden Euro
Eine umfassende IMI-Analyse von Lühr Henken zur derzeitigen Bundeswehr-Ausrüstungsplanung findet sich hier:
Tobias Pflüger
IMI-Standpunkt
2004/014 - zugleich Presseerklärung
Erklärung zum 20. März, dem ersten Jahrestag des Angriffs auf den
Irak
von Tobias Pflüger *
Am 20. März ist der erste Jahrestag des Beginn des Irakkrieges. Wir erinnern uns: Trotz gigantischer weltweiter Proteste begannen am 20.03.2003 Truppen der USA und Großbritanniens einen Angriffskrieg gegen den Irak. Die verschiedenen Kriegsbegründungen haben sich - wie Gruppen der Friedens- und Antikriegsbewegung schon vor Kriegsbeginn immer wieder betont haben - erwartungsgemäß als Lügen herausgestellt: Es gibt keine Massenvernichtungswaffen im Irak und das Regime von Saddam Hussein hatte nichts mit den Anschlägen vom 11. September zu tun.
Wir von der Informationsstelle Militarisierung haben vor, während und nach der Bombenphase des Irakkrieges auch immer wieder die deutsche Doppelstrategie beim Irakkrieg kritisiert und analysiert.
Die rot-grüne Doppelstrategie zeichnete sich einerseits aus durch umfangreiche, grundgesetz- und völkerrechtswidrige Kriegsunterstützung u.a. durch Zurverfügungstellung der in Deutschland befindlichen v.a. us-amerikanischen und britischen militärischen Infrastruktur (insbesondere Rhein-Main-, Ramstein- und Spangdahlem-Airbases), Überfluggenehmigungen, Wachdiensten vor US-Kasernen und Stationierung von deutschen Soldaten in Kuwait und in den AWACS-Überwachungsflugzeugen über der Türkei. Die Bundeswehr entlastete zugleich us-amerikanische Truppen in Afghanistan substanziell. Der Irakkrieg wurde dadurch wesentlich mit ermöglicht.
Andererseits erklärte die deutsche Regierung keiner kriegsunterstützenden UN-Resolution zustimmen zu wollen und sie startete vor allem zusammen mit der französischen Regierung gemeinsame Initiativen für eine weitere Herausbildung einer Militärmacht Europäischen Union (EU), die nicht nur, aber eben auch, gegen die Interessen der US-Regierung gerichtet sind.
Diese deutsche Doppelstrategie vor und während der Bombenphase setzt sich nun in der Besatzungsphase fort. Die deutsche Regierung hat allen UN-Resolutionen, die die Besatzung zementieren, zugestimmt, auch der, in der die Übergabe der Souveränität auf den Sankt Nimmerleintag verschoben wird ("dann, wenn es möglich ist"). Die deutsche Regierung hat sich auf die Seite der völkerrechtswidrigen Besatzer geschlagen und es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis auch deutsche Besatzungssoldaten auch im Irak stehen werden. Der Übergangsschritt dazu wird die Übernahme einer Besatzungszone im Irak durch die NATO. Die Bundesregierung hat erklärt, dieses nicht blockieren zu wollen. Als Truppen für diese NATO-Besatzungszone sind die Allied Rapid Reaction Corps (ARRC) aus Mönchengladbach und das deutsch-niederländische Korps aus Münster im Gespräch, beide Truppen haben wesentlich deutsche Soldaten in ihren Stäben. Damit wäre Deutschland in die Besatzung des Irak involviert. Wir als Informationsstelle Militarisierung wiederholen noch einmal die Forderung, keine deutsche Soldaten in den Irak zu schicken oder in die Besatzung des Irak zu involvieren.
Der Aktionstag am 20. März - ausgerufen vom Weltsozialforum in Mumbai (Bombay) in Indien - richtet sich bewusst gegen Krieg und Besatzung. Die Besatzung des Irak bedeutet für viele Menschen dort neues Leid und das Ausgeliefertsein gegenüber Willkürherrschaft. Wir von der Informationsstelle Militarisierung fordern deshalb ganz klar ein Ende der völkerrechtswidrigen Besatzung und der ökonomischen Ausraubung des Irak. Der Vorschlag, den Arundhati Roy in ihrer brillanten Rede in Mumbai gemacht hat, zwei US-Konzerne zu boykottieren, die von der Kriegsmaschinerie profitieren, ist gut, allerdings ist eine Konzentration ausschließlich auf US-Konzerne politisch falsch. In Kommunikation mit attac (Sven Giegold u.a.) wurde deshalb die Idee geboren, statt zwei US-Konzernen, auch einen EU-Konzern mit in eine politische Boykottkampagne mit einzubeziehen. Wir schlagen hiermit in Absprache mit dem Institut für sozial-ökologische Wirtschaftsforschung (isw) München (Claus Schreer u.a.) vor, eine Boykottkampagne gegen den Konzern Siemens zu beginnen. Siemens ist einer der wichtigsten deutschen Kriegsprofiteure (Nähere Informationen beim isw oder unter http://www.imi-online.de/2004.php3?id=844 ).
Nach dem brutalen Anschlag von Madrid am 11. März und den Vertuschungen erster Ermittlungsergebnisse und einseitiger Schuldzuweisungen Richtung ETA durch die bisherige konservative Regierung Aznar gewann die bisher oppositionelle sozialistische Partei die Wahlen. Ein Wahlversprechen des designierten Regierungschefs Zapatero war der Abzug der spanischen Besatzungstruppen aus dem Irak. Wir begrüßen den geplanten Abzug als Informationsstelle Militarisierung ausdrücklich. Wir kritisieren zugleich die völlig inakzeptable Position der deutschen Regierung, die sich irritiert zeigte, über das beabsichtigte Erfüllens des Wahlversprechens der Sozialisten, die spanischen Besatzungssoldaten abzuziehen.
Der erste Dominostein der Besatzung ist gefallen, nicht etwa wegen der Anschläge, sondern weil ein schon vor dem Anschlag von Madrid gegebenes Wahlversprechen erfüllt werden soll und weil es richtig ist die Souveränität im Irak Stück für Stück in Zusammenarbeit mit der UN an eine zu wählende irakische Regierung zu übergeben. Bei dem Erfüllen des Wahlversprechens muss es nun aber auch bleiben. Wir begrüßen ebenfalls die - inzwischen wieder dementierte - Ankündigung des polnischen Präsidenten Alexander Kwasniewski die polnischen Soldaten früher als geplant aus dem Irak abzuziehen. Wir begrüßen weiterhin, dass sich die südkoreanische Regierung nun weigert, 3.000 Soldaten bei Kirkuk zu stationieren.
In Deutschland wurde der Anschlag von Madrid genutzt, um wieder einmal einen verschärften Einsatz der Bundeswehr im Innern einzufordern. Der bayrische Innenminister Beckstein versucht sich hier auf dem Rücken der Toten von Madrid politisch zu profilieren. Ein Bundeswehreinsatz im Innern ist und bleibt politisch falsch und vermischt polizeiliche und militärische Aufgaben. Die rot-grüne Bundesregierung agiert hier doppelzüngig: Offiziell lehnt sie einen Bundeswehreinsatz im Innern noch ab, gleichzeitig ist genau dieser in den von rot-grün verabschiedeten "Verteidigungspolitischen Richtlinien" von 2003 als dem verbindlichen Strategiepapier für die Bundeswehr festgehalten worden. Dort heißt es: "Zum Schutz der Bevölkerung und der lebenswichtigen Infrastruktur des Landes vor terroristischen und asymmetrischen Bedrohungen wird die Bundeswehr Kräfte und Mittel entsprechend dem Risiko bereithalten. Auch wenn dies vorrangig eine Aufgabe für Kräfte der inneren Sicherheit ist, werden die Streitkräfte im Rahmen der geltenden Gesetze immer dann zur Verfügung stehen, wenn nur sie über die erforderlichen Fähigkeiten verfügen oder wenn der Schutz der Bürgerinnen und Bürger sowie kritischer Infrastruktur nur durch die Bundeswehr gewährleistet werden kann." Was nichtterroristische "asymmetrische Bedrohung" sein soll, ist bis heute offen geblieben.
Die Forderungen nach einem Bundeswehreinsatz im Innern war auch schon bei der Debatte um die Regierungserklärung zur Bundeswehr von Peter Struck gefallen. In dieser Debatte hatte Struck das neue Bundeswehrkonzept vorgestellt, nach dem es in Zukunft 35.000 Eingreifkräfte (für militärische Interventionen), 70.000 Stabilisierungskräfte (für von anderen Ländern entweder gewollte, unterstütze oder abgelehnte Besatzungen) und 137.500 Unterstützungskräften. Das Bundeswehrkonzept von Peter Struck ist das bisher ehrlichste Bundeswehrkonzept, denn nun werden Truppen für Kriegsführung, "Stabilisierung" bzw. Besatzung und Unterstützungskräfte für diese Truppen vorgehalten. Die politische Forderung ist weiterhin klar: Auflösung der kriegsführungsfähigen Einsatzkräfte als ersten Schritt hin zu einer strukturellen Kriegsführungsunfähigkeit.
Tobias Pflüger
Original: http://www.imi-online.de/2002.php3?id=845
Presseerklärung vom 08.02.2004
Proteste gegen
Münchner Sicherheitskonferenz erfolgreich
10.000 demonstrieren gegen Pläne für NATO-Truppen in Afghanistan und
Irak - PDS-Europawahlkandidat Tobias Pflüger aus unklarem Grund rüde
verhaftet und verletzt
Die Proteste gegen die sogenannte - \'Sicherheitskonferenz\' in München waren - trotz massiver Polizeirepressionen - mit bis zu 10.000 Teilnehmer/innen sehr erfolgreich", so Tobias Pflüger von der Informationsstelle Militarisierung. Pflüger ist zugleich Kandidat auf Platz 4 der PDS-Liste zur Europawahl. Tobias Pflüger verurteilte in seiner Rede am Samstag die massiven und unbegründeten Polizeiübergriffe auf Demonstrant/inn/en. Mit diesen Repressionen soll die berechtigte inhaltliche Kritik an der sogenannten \'Sicherheitskonferenz\' verdrängt werden."
Pflüger kritisierte vor 10.000 Demonstranten die Vereinbarungen, die beim vorgelagerten NATO-Militärministertreffen in München bezüglich Afghanistan und Irak getroffen wurden. "Wir wollen nicht, dass die NATO mit dem Eurocorps die \'operative Führung\' und damit auch die Kriegsführung in Afghanistan übernimmt." Und in Bezug auf Irak sagte er: "Wenn die NATO ab Jahresende im Irak stationiert sein wird, werden trotz aller Beteuerungen auch deutsche Soldaten involviert sein." In den Stäben der derzeit diskutierten Korps für den Irak, dem Allied Rapid Reaction Corps (ARRC) aus Mönchengladbach und des deutsch-niederländischen Korps aus Münster sitzen sehr viele deutsche Soldaten. "Gerhard Schröder setzt damit seine bisherige Linie fort: Gegen den Irak-Krieg reden und alles dafür tun, damit er funktioniert."
Die Demonstrationen am Freitag und Samstag waren trotz völlig überdimensioniertem Polizeiaufgebot und ständigen anlasslosen Übergriffen von Seiten der Polizei sehr erfolgreich. Typische Beispiele für die Polizeiübergriffe waren brutalst durchgeführte Festnahmen von Demonstrationsteilnehmer/innen, die nur die Demonstration verlassen wollten! Ein Verlassen der Demonstration sei nicht erlaubt. "Hier ist der bayrische Polizeiwillkürstaat aufgeblitzt", so Pflüger.
Auch Tobias Pflüger wurde am Freitag direkt nach seiner zweiten Rede brutal verhaftet. Dabei wurde ihm der Hals verdreht und verletzt. Wenige Meter vom Kundgebungsort entfernt wurde ihm dann mitgeteilt, dass lediglich seine Personalien aufgenommen werden sollten. Der Einsatzleiter der Polizei, ein Herr Strasser, sagte, Pflüger habe in seiner Rede etwas Strafbares gesagt. Was das gewesen sein solle, könne ihm allerdings nicht mitgeteilt werden, so der örtliche Polizeileiter. Zwischenzeitlich war von einem Redeverbot die Rede. Nach 20 Minuten wurde Pflüger wieder freigelassen. Pflüger wird eine Strafanzeige gegen die Polizei stellen: "Es handelt sich hier um einen brutalen Willkürakt zur Einschüchterung. Ich werde die inhaltliche Kritik an der \'Sicherheitskonferenz\' weiter vorbringen." Die inkriminierte Freitags-Rede wurde vom Radio Z aus Nürnberg mitgeschnitten und findet sich im Internet unter www.radio-z.net .
Proteste erfolgreich - Kritik an Plänen für NATO-Truppen in Afghanistan und Irak
- bayrischer Polizeiwillkürstaat aufgeblitzt - Pflüger aus unklarem Grund rüde verhaftet und verletzt
"Die Proteste gegen die sogenannte - \'Sicherheitskonferenz\' in München waren - trotz massiver Polizeirepressionen - mit bis zu 10.000 Teilnehmer/innen sehr erfolgreich", so Tobias Pflüger von der Informationsstelle Militarisierung. Tobias Pflüger vorurteilte in seiner Rede am Samstag zu Beginn die massiven und unbegründeten Polizeiübergriffe auf Demonstrant/inn/en. "Mit diesen Repressionen soll die berechtigte inhaltliche Kritik an der sogenannten \'Sicherheitskonferenz\' verdrängt werden."
Pflüger kritisierte vor 10.000 Demonstranten die Vereinbarungen, die beim vorgelagerten NATO-Militärministertreffen in München bezüglich Afghanistan und Irak getroffen wurden. "Wir wollen nicht, dass die NATO mit dem Eurocorps die \'operative Führung\' und damit auch die Kriegsführung in Afghanistan übernimmt." Und in Bezug auf Irak sagte er: "Wenn die NATO ab Jahresende im Irak stationiert sein wird, werden trotz aller Beteuerungen auch deutsche Soldaten involviert sein." In den Stäben der derzeit diskutierten Korps für den Irak, dem Allied Rapid Reaction Corps (ARRC) aus Mönchengladbach und des deutsch-niederändischen Korps aus Münster sitzen sehr viele deutsche Soldaten. "Gerhard Schröder setzt damit seine bisherige Linie fort: Gegen den Irak-Krieg reden und alles dafür tun, damit er funktioniert."
Grossen Beifall fand Pflügers Ablehnung des Umbaus der Europäischen Union in eine Militärmacht: "Wir wollen keine Militärmacht USA, wir wollen aber auch keine Militärmacht EU und schon gar keine Militärmacht Deutschland." Er lehnte den vorgelegten EU-Verfassungsentwurf klar ab und kritisierte die neue - auch offensive - Militärstrategie der EU.
Auf der Abschlusskundgebung prangerte Claudia Haydt (Informationsstelle Militarisierung), die Aufstellung der NATO-Interventionsgruppe (Nato Reaction Force/NRF) an, diese Elitekampftruppe wird zur Zeit unter starker deutscher Beteiligung aufgebaut und ermöglicht weltweite NATO-Kriegseinsätze "höchster Intensität" (NRF-Selbstdarstellung) innerhalb kürzester Zeit. "Diese NATO ist nicht reformierbar. Diese NATO kann man nur auflösen," konstatierte Haydt.
Die Demonstrationen am Freitag und Samstag waren trotz völlig überdimensioniertem Polizeiaufgebot und ständigen anlaßlosen Übergriffen von Seiten der Polizei sehr erfolgreich. Typische Beispiele für die Polizeiübergriffe waren brutalst durchgeführte Festnahmen von Demonstrationsteilnehmer/innen, die nur die Demonstration verlassen wollten! Ein Verlassen der Demonstration sei nicht erlaubt. "Hier ist der bayrische Polizeiwillkürstaat aufgeblitzt", so Pflüger.
Auch Tobias Pflüger wurde am Freitag direkt nach seiner zweiten Rede brutal verhaftet. Dabei wurde ihm der Hals verdreht und verletzt. Wenige Meter vom Kundgebungsort entfernt wurde ihm dann mitgeteilt, dass lediglich seine Personalien aufgenommen werden sollten. Der Einsatzleiter der Polizei, ein Herr Strasser, sage, Pflüger habe in seiner Rede etwas strafbares gesagt. Was das gewesen sein solle, könne ihm allerdings nicht mitgeteilt werden, so der örtliche Polizeileiter. Zwischenzeitlich war von einem Redeverbot die Rede. Nach 20 Minuten wurde Pflüger wieder freigelassen. Pflüger wird eine Strafanzeige gegen die Polizei stellen: "Es handelt sich hier um einen - von vielen - brutalen Willkürakten zur Einschüchterung. Ich werde die inhaltliche Kritik an der \'Sicherheitskonferenz\' - zusammen mit den vielen Demonstrant/inn/en in München - weiter vorbringen." Die inkriminierte Freitags-Rede wurde vom Radio Z aus Nürnberg mitgeschnitten und findet sich im Internet unter http://www.radio-z.net